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Samstag, 22. September 2018

Cage, John - Konzert für Klavier und Orchester

Spannende Cage-Lesarten


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Kontrabassist Stefano Scodanibbio glänzt mit kontrastreichen Realisierungen von Werken John Cages.

Aufnahmen mit Musik von John Cage sind naturgemäß schwierig zu beurteilen, denn das klingende Ergebnis ist in den meisten Stücken nicht fest in einer Partitur verankert, sondern entsteht – vielfältigen Variablen bezüglich der Deutung von notierten Vorgaben durch den Musiker unterworfen – in seiner Einmaligkeit erst während einer Aufführung oder Aufnahme. Jede CD mit Cage-Einspielungen ist daher ein Paradoxon, denn sie hält etwas endgültig fest, was sich eigentlich von seiner Machart her der Endgültigkeit entziehen möchte und macht die eher als Bündel von Aufführungsanweisungen zu verstehende Komposition zum ‚Werk’. Zumindest dort aber lässt sich nachhaken, wo Interpreten versuchen, das von Cage einem bestimmten Instrument Zugedacht dem Geiste der Vorgaben entsprechend auf einen anderen Klangerzeuger zu übertragen – so auch im Falle der vorliegenden Wergo-Produktion, die nahtlos an herausragende Cage-Platten des Labels aus den vergangenen Jahren anknüpft.

Stefano Scodanibbio, Ausnahmemusiker und führender Kontrabassist in der zeitgenössischen Musikszene, hat es sich nicht nehmen lassen, eine Reihe von Cage’schen Kompositionen auf sein Instrument zu übertragen, darunter die fünf ersten der horrend schwierigen, weil aufgrund ihrer technischen Anforderungen kaum ausführbaren 'Freeman Etudes’ für Violine (1977-80). Und es ist genau dieser Aspekt, den Scodanibbio mit Bravour auf den Kontrabass zu übernehmen versteht und der seine Aufnahme von den ersten Sekunden an bestimmt. Der Kontrabassist vermag es tatsächlich zu leisten, für Cages Vorgaben adäquate musikalische Entsprechungen zu finden und legt so über die knapp zehn Minuten Dauer einen waren Kraftakt an Virtuosität an den Tag.

Vergleichbares gilt, allerdings unter anderen Vorzeichen, für Scodanibbios nunmehr zweite Einspielung seiner mit Kontrabass und Tonband realisierten Version von Cages 'Ryoanji’ (1985), die – auf der CD als Gegenpol zu den 'Freeman Etudes’ wirkend – eine wunderbare Ruhe ausstrahlt und das Zeitempfinden des Hörers über 18 Minuten hinweg in der Schwebe zu halten vermag. Vorbildlich ist aber auch die zärtliche Umsetzung, die der Pianist Fabrizio Ottaviucci dem Stück 'Dream’ (1948) – einer fast schon impressionistisch anmutenden, auf die Auseinandersetzung Cages mit Erik Satie zurückgehenden Musik – angedeihen lässt, dabei von langen Rubati und klangfarblich außerordentlich fein gestalteten Bordunklängen des Kontrabassisten adäquat unterstützt.

Zwei lobens- und lohnenswerte Live-Aufzeichnungen umrahmen diese Stücke und geben der Produktion ein abgerundetes Erscheinungsbild: Zum einen ist es eine von Scodanibbio geleitete Realisierung des 'Concerto for Piano and Orchestra’ (1957/58) mit Ottaviucci, Mike Svoboda (Posaune), Manuel Zurria (Flöte), Aldo Campagnari (Violine), Giorgio Casati (Violoncello), Dario Calderone (Kontrabass) sowie Biagio Zoli, Paolo Pasqualin und Paolo Murena (Schlagzeug), die – wie der Rest der Platte in exzellenter Tonqualität – durch ihre Konzentration besticht. Sodann steht am Ende ein gleichfalls von Mitwirkenden aus diesem Musikerpool bestrittener Mitschnitt der 'Radio Music’ (1956), der unterstreicht, auf welch pfiffige Art Cage vor nunmehr über 50 Jahren die technischen Gegebenheiten von Radioapparaten für seine Konzeptionen auszunutzen wusste.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cage, John: Konzert für Klavier und Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.04.2009
EAN:

4010228671322


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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