> > > Felix Mendelssohn Bartholdy: Herr Gott, dich loben wir: Kirchenwerke IX
Montag, 6. Februar 2023

Felix Mendelssohn Bartholdy: Herr Gott, dich loben wir - Kirchenwerke IX

Vom Rande des Repertoires


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Raritäten aus Mendelssohns geistlichem Werk: Eine interpretatorisch sehr gelungene Einspielung aus dem großen Projekt Frieder Bernius'.

Das Jahr 2009 sieht eine Fülle von Mendelssohn-Konzerten, besonders um den Geburtstag des Komponisten Anfang Februar herum werden etliche seiner Werke aufgeführt. Dabei ist das gespielte Repertoire auf einige verdiente ‚Schlachtrösser’ konzentriert, das Violinkonzert, wenige Sinfonien, die Schauspielmusik zu Shakespeares 'Sommernachtstraum', ein bisschen Klaviermusik und vielleicht noch das Oratorium 'Elias'.

Damit beginnt aber fast schon der schwierigere Teil, jener des einer breiten Öffentlichkeit unbekannten Mendelssohn. Und doch sind gerade in seinen geistlichen Werken viele sehr grundsätzliche Antriebsmomente seines künstlerischen Schaffens wie auch seiner bürgerlichen Existenz ganz allgemein aufzuspüren: Die konsequente Hinwendung zum protestantischen Bekenntnis, das Zitat und die kunstvolle Aneignung überkommener Strukturelemente, die Verknüpfung sehr verschiedener Sphären zu einem leichthändig scheinenden, selbstverständlichen Ganzen.

Fest steht: Rezeptionsgeschichtlich wurde dem Werk Mendelssohns in der Zeit des Nationalsozialismus’ großer, zum Teil lange nachwirkender Schaden zugefügt. Das ist aber nicht einmal die halbe Wahrheit, wenn man der Frage nachgeht, warum ein derart produktiver und qualitativ hochstehender Künstler sich mit vergleichsweise wenigen seiner Werke im Repertoire hat behaupten können.

Zunächst: Die Mendelssohn ästhetisch bedrängende, expressiv deutlich gesteigerte Romantik hat manches seiner im Ton und in der Anlage durchaus klassizistisch gemäßigten Werke an den Rand der Wahrnehmung gezwungen. Spätere Künstler ließen die auf der feinen dynamischen, klanglichen und satztechnischen Abstufung beruhenden Wirkungen der Werke Mendelssohns immer stärker in den Hintergrund treten.

Und noch ein weiterer Grund tritt mit Blick auf die vorliegende Platte deutlich hervor – die merkwürdige ästhetisch-strukturelle Zwischenstellung der eingespielten Kompositionen. Aufgenommen hat Frieder Bernius für diese neunte Folge seiner Gesamteinspielung der Kirchenwerke Mendelssohns mehrere Psalmvertonungen, überwiegend für Solisten, Chor und Orchester gesetzt. Diese knappen Werke – das mit Abstand längste ist der 95. Psalm op. 46 mit rund 25 Minuten – vereinen auf engem Raum doch sehr verschiedene musikalische Charaktere. Auch der Besetzung nach stehen die Arbeiten seltsam ‚eingezwängt’ da, sogar in Mendelssohns eigenem Repertoire: Zwischen den zu Recht vergleichsweise bekannten Oratorien 'Paulus' und 'Elias' auf der einen und den mächtigen Motetten op. 69 sowie den ebenfalls eindrucksvollen Psalmen op. 78 für unbegleiteten Chor auf der anderen Seite. Es bleibt – zumindest an dieser Stelle – die Frage unbeantwortet, wie diese Musik in die Konzertrepertoires des 19. Jahrhunderts aber auch der Gegenwart passen könnte. So ganz klar wird das angesichts ausgetretener Wege und eingespielter Strukturen, aber eben auch mit Blick auf die Kompositionen selbst, nicht.

Sehr gelungen

Umso verdienstvoller ist es, dass Frieder Bernius sich der Kirchenwerke Mendelssohns ohne Ausnahme angenommen hat. Der Chor überzeugt mit weichen, biegsamen Registern, die charakteristisch und klangvoll ausgebaut sind. Wichtig ist angesichts der sehr verschiedenen Faktur der Kompositionen: Die Choristen beherrschen auch die Sphäre der einfacher gebauten Psalmen mit dann deutlich schlichterem Ton.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen agiert kontrolliert, klangschön und mit präziser, gleichwohl niemals scharfer Artikulation. In den kurzen aber deutlich konturierten Abschnitten mit repräsentativer Klangentfaltung zeigen die Instrumentalisten, dass sie auch zur großen Geste fähig sind.

Vor allem Werner Güra mit schönem Klangstrom und dramatischem Gestaltungswillen sowie Michael Volle mit nobel-virilem Stimmkern prägen das Bild der zu Gehör kommenden Solisten positiv.

Bernius nutzt das breite Ausdrucksrepertoire der Werke voll aus, baut ebenso auf große wie auf sehr konzentrierte Klänge. So mancher kurze Psalmsatz gerät deshalb in seinem Effekt kaum kleiner als ein Abschnitt aus einem der großen Oratorien.

Ein interessanter und lohnender Blick auf einen eher selten zu hörenden Teil des Mendelssohnschen Werkes. Trotz aller kompositorischen Qualität – die Werke dürften es schwer haben, ihren Weg in die Konzertprogramme zu finden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Felix Mendelssohn Bartholdy: Herr Gott, dich loben wir: Kirchenwerke IX

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.01.2009
72:23
2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
4009350832176
83217


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Interpret(en):Volle, Michael


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"Mendelssohns eindrucksvolle Choralbearbeitung Herr Gott, dich loben wir war nach ihrer ersten Aufführung 1843 für über 150 Jahre in den Archiven verschwunden und wurde erst Mitte der 1990er Jahre wieder „ausgegraben“. Mit antiphonalen Abschnitten und modaler Harmonisierung schafft Mendelssohn eine ungewöhnlich archaische Klangwelt. Seine meisterhafte Kunst der musikalischen Textausdeutung zeigt sich auch in den Psalmen 95 und 98 für Soli, Chor und Orchester sowie der Hymne op. 96. Dazu sind auf der vorliegenden CD mehrere kleinere A-cappella-Werke eingespielt. In der Interpretation durch den vielfach ausgezeichneten Kammerchor Stuttgart, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und namhafte Solisten unter Leitung von Frieder Bernius erklingen diese Werke in hoher Klangkultur und farbiger, transparenter Diktion."


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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