> > > Donizetti, Gaetano: Roberto Devereux
Donnerstag, 24. Mai 2018

Donizetti, Gaetano - Roberto Devereux

Italienische Provinzoper?


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Pflege der Musik der Lokalgröße Bergamos hat schon eine lange Tradition und so kann die Gründungsproduktion des Musikfestivals Bergamo sich 2006 gleich mit einem anspruchsvollen Projekt präsentieren.

Die Donizetti-Pflege der Stadt Bergamo existiert bereits seit diversen Jahrzehnten. Für das 2006 gegründete Bergamo Musica Festival wurden eigens ein Orchester und ein Opernchor gegründet, bestehend aus Lehrenden und Studierenden des Istituto Musicale bergamasco. Diese Kräfte kamen erstmals zum Einsatz im Rahmen der hier mitgeschnittenen Aufführungen von Donizettis Dreiakter 'Roberto Devereux'.

'Roberto Devereux' ist eine Ausstattungsoper (betitelt ‚Tragedia lirica’) über das beliebte Thema der alternden englischen Königin Elisabeth I., die sich in den deutlich jüngeren Graf von Essex verliebt. Dieser aber liebt Sara, die in seiner Abwesenheit den Herzog von Nottingham hat heiraten müssen. Genügend Stoff für Verzweiflung, Liebesschwüre, aber auch politische Intrigen bis hin zur Hinrichtung Roberto Devereuxs. Dieser stand von Anfang an unter dem Verdacht des Hochverrats, doch der politische Hochverrat wird bei Donizetti immer wieder verschränkt mit Verrat von Freundschaft, Loyalität und Liebe. 1837 in Neapel uraufgeführt, war es die dritte von Donizettis britischen Königsopern, endend mit einer verzweifelten, der Herrschaft und des Lebens überdrüssigen Königin (in ihrer Art wenigstens ebenso beeindruckend wie Benjamin Brittens 'Gloriana').

'Roberto Devereux' war in den 1960er- und 1970er-Jahren eine ausgesprochene Domäne Montserrat Caballés, erfordert doch die Hauptrolle der Elisabetta nicht nur Koloraturgeläufigkeit und dramatische Durchschlagskraft, sondern auch die Fähigkeit zu raffinierten Pianissimi. Die hierzulande noch eher unbekannte griechische Sopranistin Dimitra Theodossiou (sie sang bereits in Frankfurt und Berlin) hat sich auf das italienische Repertoire von Cherubini bis Puccini spezialisiert und ich muss gestehen, dass ich von ihrer Musikalität und Bühnenausstrahlung begeistert bin. Eindeutig war sie der Star jenes Abends im September 2006, als das italienische Label Dynamic die Premiere im Teatro Donizetti mitschnitt. Theodossiou steigert sich im Lauf der Aufführung zu einer intensiven, beeindruckenden Darbietung, die zu Recht gefeiert wurde. Ihre Stimme mag nicht ganz so elegant sein wie jene Caballés, aber wäre dies nicht auch eine zu extreme Forderung? Jedenfalls ist sie eine deutliche Alternative zu Edita Gruberová.

Titelfigur der Oper ist ein Tenor – ein Tenore di grazia, aus dessen Rolle man durchaus viel machen könnte, darstellerisch wie musikalisch – die Live-Mitschnitte mit Caballé (Juan Oncina, Gianni Raimondi und José Carreras) beweisen dies. Leider mangelt es dem aus Turin stammenden Massimiliano Pisapia sowohl an szenischer Ausstrahlung (nur körperlich kann er mit Pavarotti mithalten) als auch an lyrischem Schmelz und Eleganz. Früher hätte man seine Stimme als für italienische Provinztheater geeignet (aber nicht mehr) bezeichnet, vielleicht wäre er auch unter strengerer Anleitung zu besseren Leistungen fähig.

Zunächst loyaler Freund Devereuxs, nach Entdeckung der – zwar nicht ausgelebten, aber vorhandenen – Liebe seiner Frau zu seinem Freunde dessen erbittertster Feind, ist der Herzog von Nottingham eine anspruchsvolle Rolle für einen typischen italienischen Bariton, eine Art älterer Bruder des Rodrigo in Verdis 'Don Carlo'. Oft ist diese Rolle einem Sänger mit lyrischem Stimmkern übertragen worden – der Amerikaner Andrew Schroeder ist eher ein Charakterdarsteller mit vielleicht für die Rolle schon zu schwerer Stimme. Ärgerlich ist die Weise, in der die Ausstattung Schroeder älter zu machen versucht hat – durch einige grobe schwarze Striche auf den Wangen, die wohl Falten darstellen sollen, aber eher lächerlich wirken. Erst in der vorletzten Szene der Oper stören diese Entstellungen den optischen Eindruck nicht mehr, da auch er sich im Lauf des Abends darstellerisch steigert.

Die Rolle der Sara Herzogin von Nottingham neigt dazu von Veranstaltern unterbesetzt zu werden, sind doch die musikalischen Anforderungen deutlich niedriger als jene der Hauptrolle. Was aber nicht bedeutet, dass man eine zweitklassige Sängerin besetzen darf – man braucht eine Singschauspielerin, die gleichermaßen die Freundin der Königin, die ergebene Gattin und die unterdrückt Liebende zu transportieren im Stande ist. Federica Bragaglia ist fraglos eine intensive und intelligente Singdarstellerin, doch lässt ihr typisch italienischer Sopran etwas an Eleganz und Wärme zu wünschen übrig. Dafür aber vermag ihre expressive Darbietung die Ambivalenz der Gefühle ihrer Rolle gut zu vermitteln.

Zwei kleine negative Anmerkungen: Im ersten Akt trägt die Herzogin von Nottingham einen mehr als absurden Kopfputz, im zweiten Akt wirft die Königin mit einem Stuhl um sich – letzteres zeigt zwar die emotionale Aufgewühltheit der Herrscherin, scheint aber insgesamt doch eher deplaciert.

Der Chor ist enthusiastisch und gut präpariert (Choreinstudierung Corrado Casati), das Orchester unter der Leitung von Marcello Rota (Schüler von Franco Ferrara und Igor Markevitch) bietet akzeptable, aber nicht herausragende Leistungen. Leider ist die Inszenierung des Ganzen eher konventionell bis einfallslos. Nicht dass ich etwas gegen Ausstattungsopern hätte – manche Werke erfordern opulente Ausstattung geradezu und die insgesamt bescheidenen Dekorationen und sorgfältigen Kostüme geben ein durchaus lebendiges Bild englischer Renaissance (Ausstattung David Walker). Aber es ist die Regie (Francesco Bellotto), die die Personen zum Leben erwecken muss, und hier hapert es doch sehr. Pisapia ergeht sich in konventioneller Mimik und Gestik, Schroeder wird eher reduziert als dass er in seiner Interpretation gefördert würde, von Personenführung vielfach kaum eine Spur. Schade, denn so bleibt das Ganze ein sehr respektables, aber kein weltbewegendes Opernereignis.

Die DVD (mit drei verschiedenen Tonspuren, aber Untertiteln nur in Italienisch und Englisch) wurde von Naxos unverändert (auch ohne Extras) von Dynamic als Lizenzausgabe übernommen und erschien auch als CD-Version. Die CD-Version würde ich mir sicher nicht anschaffen, die DVD darf, da die Version mit Beverly Sills aus New York nur mono ist (VAI) und ich nicht immer Edita Gruberová hören mag (Deutsche Grammophon), bis auf weiteres gerne in meiner Sammlung bleiben. Aber es gibt auch einen Fernsehmitschnitt mit Montserrat Caballé – wenn auch noch nicht auf DVD …

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Donizetti, Gaetano: Roberto Devereux

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
23.04.2008
EAN:

747313523252


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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