> > > Saariaho, Kaija: Notes on Light
Freitag, 22. November 2019

Saariaho, Kaija - Notes on Light

Himmlische Musik mit pixeligen Brechungen


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Orchestre de Paris zeigt sich als berufener Anwalt für Saariahos farbtrunkene Musik. Die finnische Komponistin evoziert Klänge ungeheurer Leuchtkraft und Süffigkeit.

Die finnische Komponistin Kaija Saariaho, Jahrgang 1952, gehört nun schon seit geraumer Zeit zu den Shooting-Stars der zeitgenössischen Musik. Ihre Musik verkümmerte nicht in fachpublikumsbegrenzten Nischenfestivals; nicht nur bei den Salzburger Festspielen wurden Werke von ihr aufgeführt, sie schaffte es bis zu den Proms in die Royal Albert Hall. Ginge es nun nach den Fortschrittsideologen der Neuen Musik, die Publikumserfolg von vornherein für verdächtig hielten und wirkliche Qualität mitunter daran festmachten, wie sehr ein Werk beim Publikum durchfiel, dann müsste man Vorbehalte gegenüber der Musik Kaija Saariahos hegen. Das genaue Gegenteil aber ist angebracht. Kaija Saariahos Kompositionen, besonders die jüngsten Orchesterwerke, zeichnen sich durch eine hohe Dichte, flirrende Farbigkeit und Süffigkeit im Klang aus, sind aber grundiert von einer bis in kleinste Details ausgearbeiteten kompositorischen Faktur. Dass sie sich dabei immer mehr der filigran ausgestalteten Melodielinie widmet, bringt ihr wiederum bei oben angesprochener Klientel keineswegs Lorbeeren ein. Aber sie macht ihre feinstofflich gearbeitete Musik noch reizender.

Dem jüngsten Tonfall ihrer Werke mit Orchester lässt sich auf der neuesten Platte des Orchestre de Paris unter Christoph Eschenbach nachhören. Versammelt sind hier ein Werk für Cello und Orchester, ‘Notes on Light’, aus dem Jahr 2006, ‘Mirage’ für Sopran, Cello und Orchester (2007) und das schon etwas ältere reine Orchesterwerk ‘Orion’ (2002). In allen drei Stücken erweist sich Kaija Saariaho als eine subtile Feinzeichnerin orchestraler Klangfarben. Umgesetzt wird diese überreiche Farbpalette vom Orchestre de Paris mit hohem Engagement, spieltechnischer Klasse und einem den Werken zugute kommenden Sinn Klangvaleurs.

Dass Saariaho vom Celloklang fasziniert, wenn nicht gar besessen ist, erweist sich auch in ‘Notes on Light’ in jedem Moment. Dabei erforscht sie nicht mehr ganz so abenteuerlustig auch die geräuschhaften Möglichkeiten des Instruments wie in den Werken der 1990er Jahre. Wie vom Himmel nieder sausende Lichtstrahlen werden hier dagegen verschiedene Gestalten des Glissandos weidlich erkundet. Zudem scheint sie für jeden der fünf Sätze ein eigenes Kommunikationsmodell zwischen Solist und Orchester auszuprobieren. Dabei flirrt, glitzert, wetterleuchtet es unentwegt, mal kalt und gleißend wie ein furchtbar heller Lichtstrahl, mal so wunderbar vielgestaltig wie ein im Prisma gebrochener Lichtschein. Anders als in ihren früheren Orchesterwerken ist diese Musik eingebettet in klares taktmetrisches Muster; das Chaos von ‘Du cristal’ oder ‘…à la fumée’ ist gebändigt und gleichzeitig scheint die Leuchtkraft ihrer Musik potenziert. Vor allem in den langsamen, ungeraden Sätzen (eins, drei und fünf) bildet Kaija Saariaho Kraftfelder, steuert auf Klangballungen bzw. –entladungen hin und gibt ihrer Musik damit einen wellenförmigen Spannungsfluss, von dem sich der Hörer, betört durch die hinreißenden, süchtig machenden himmlischen Klänge, mitreißen lassen kann. Saariaho ist jedoch Künstlerin genug, um nicht allein bei monochromen Sphärenklängen zu verharren; ihre Glissandi wirken manchmal veredelt, manchmal durch geräuschhaften Bogenstrich wie in ein pixeliges Bild verschwommen, gebrochen.

Von dem finnischen Meistercellisten Anssi Karttunen wird dieses wie auch ‘Mirage’ mit einem traumwandlerischen Sinn für Saariahos Klangwandlungen interpretiert, überaus fein gestaltet, nicht nur bezogen auf seine Solostimme, sondern auch auf die Interaktion mit dem Orchester. In ‘Mirage’ wird dies um eine weitere Farbe erweitert, die zudem semantisches Material einbringt: Die Sopranistin Karita Mattila, die hier Texte der Wunderheilerin und Schamanin Maria Sabina in das knapp viertelstündige Klangmeer Saariahos einfügt. Karita Mattila verfügt über die nötige Stimmkraft, um die in dem Text ausgesprochene Ekstase mit der nötigen Überzeugung zu transportieren. Diese Aufnahme der Uraufführung könnte überzeugender nicht sein.

Nicht nur in den bereits angesprochenen Werken zeigt sich das Orchestre de Paris unter der Leitung von Christoph Eschenbach von seiner besten Seite. Auch in ‘Orion’ zeigt sich das Orchester hoch konzentriert in den Solopassagen, bestens abgestimmt im kniffligen rhythmischen Zusammenspiel. Die teils fahlen, teils farbtrunkenen Klänge werden von Eschenbach mit viel Sinn für feinste Schattierungen und Beleuchtungswandlungen hervorgezaubert. Dass er sein Orchester in den Einzelgruppen für diese Musik optimal zu balancieren versteht, zeigt sich in jedem Moment.

Damit erweisen sich nicht nur Kaija Saariaho wieder einmal – und immer mehr! – als eine Orchesterfarbkünstlerin von großer Versiertheit, sondern auch Orchester wie Dirigent als vorzügliche Anwälte dieser Musik.

Einen klitzekleinen Wermutstropfen gibt es allerdings die klangtechnische Umsetzung zu verzeichnen, ein Aspekt, der bei Produktionen aus dem Hause Ondine kaum je Anlass zur Kritik bietet. Doch hier scheint der Klang von Technik stellenweise etwas zu weich gezeichnet, so dass gerade das Blech manchmal etwas zahnlos wirkt. Das mag zwar die Zartheit der Saariaho’schen Klangwirkungen unterstreichen, wirkt aber wegen der Verschwommenheit der Orchestergruppen gerade in opulenten Klangballungen wie mit einem künstlichen Nebel versehen. Eigenartig, denn an anderer Stelle wirkt vieles sehr direkt und ganz präsent.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Saariaho, Kaija: Notes on Light

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
29.03.2010
Medium:
EAN:

CD
761195113028


Cover vergössern

Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Ondine:

blättern

Alle Kritiken von Ondine...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Inspirierender Schubert: Die Camerata Limburg singt, als Abschluss ihrer Gesamtaufnahme von Schuberts Kompositionen für Männerchor, auf dieser Platte von Schubert inspirierte Werke anderer Komponisten. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Große italienische Oper mit allem, was dazugehört: Was dem Opernpublikum mit Franco Faccios 'Amleto' viel zu lange entgangen ist, ist ein kraftvolles Stück Musiktheater. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Wertvoller Moment: Das Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und Mariss Jansons kämpfen musikalisch an vorderster Front. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Max Reger: Aus 12 Stücke op. 80 - Schwerzo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich