> > > Beethoven, Ludwig van: Sinfonien Nr. 2 & 7
Sonntag, 17. Februar 2019

Beethoven, Ludwig van - Sinfonien Nr. 2 & 7

Bulliger Beethoven


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Man muss Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra attestieren, ein Beethoven-Bild bis ins Detail ausgeformt zu haben, das zum derzeit gängigen in bewussten Gegensatz tritt. Und zwar mit einer wohl durchdachten, konsequent ausgeführten Werksicht.

Mit der Zweiten Sinfonie D-Dur op. 36 und der Siebten Sinfonie A-Dur op. 92 wird der Beethoven-Sinfonien-Zyklus mit Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra abgeschlossen. Oder gekrönt? Angefangen hatte die beim schwedischen Label BIS erschienene recht verheißungsvoll mit einer glänzenden Einspielung der Vierten und Fünften, in denen Vänskä und sein Orchester einen energischen Biss in ihrem Zugang zeigten, der vor allem der Vierten eine in vielen anderen Deutungen nur ansatzweise greifbare Dramatik einschrieb. Doch die Fortsetzung über die ‘Eroica’ und die Achte, die Neunte und zuletzt über die Erste und die ‘Pastorale’ zeigten eine immer glatter polierte Klangoberfläche, die dem expressiven Potential des Beethovenschen Orchestersatzes nicht so recht gerecht zu werden schien. Nun also die Zweite und die Siebte, eine ungewöhnliche Kopplung; allerdings entbehrt sie nicht einer gewissen Logik, die sich nicht nur im weit ausgedehnten Ausdrucksbereich beider Werke zeigt, sondern etwa auch in sowohl raumgreifenden wie auch raumschaffenden langsamen Einleitungen zu den jeweiligen Kopfsätzen.

Auch diese Aufnahme erschien mir beim ersten Hören als zu glatt, kaum Widerhaken bietend, an denen sich eine gespannte Aufmerksamkeit hätte entzünden können. Erst nach mehrmaligem, besser: nach vielmaligem Hören erschlossen sich die Eigenheiten von Vänskäs Interpretationsansatz. Geprägt ist dieser vornehmlich von zwei Elementen: höchster Texttreue und einem individuellen Klangideal.

Man täte Osmo Vänskäs interpretatorischem Zugang Unrecht, würde man ihn lediglich als Mischung von Grundverbindlichkeiten einer historisch informierten Deutung mit den gängigen Mitteln einer traditionellen Beethoven-Lesart beschreiben. Vänkäs Ansatz zeigt sich vielmehr darin, Elemente des einen wie des anderen mit eigenen interpretatorischen Ideen zu einer persönlichen Werksicht zu formen. Dabei ist etwa die antiphonische Aufstellung der Geigen und die Orchesterdisposition mit den tiefen Streichern aufseiten der ersten Geigen nicht nur als eine Übernahme aus dem Katalog historisch informierten Musizierens bei Beethoven zu werten, sondern entspricht ebenfalls dem interpretatorischen Ideal einer klanglich möglichst transparenten Wiedergabe des Orchestersatzes. Osmo Vänskä scheint zudem immun gegen die grassierende Überbietungswut einzelner interpretatorischer Elemente, die ihren Ursprung in den Deutungen der Vertreter historisch informierter Aufführungspraxis hatten und nun, wohl um zu beweisen, dass man auch davon weiß, unterschiedslos fast überall bei Beethoven eingesetzt wurden, zudem im Übermaß. So macht Vänskä nicht beim Notenverkürzen, beim ständigen Diminuendo auf engstem Raum und bei den immer noch schärferen Akzentuierungen. Was es hier an interpretatorischer Substand gewinnt (oder zumindest halten kann), verliert er aber auf der anderen Seite: bei der Texttreue.

Hört man diese Aufnahme, wird erst ohrenfällig, wie weit doch jene vom Buchstaben des Notentextes abweichen, die sich einer so genannten unbedingten Treue zum Werk verschrieben haben. Vänskä setzt keine dynamischen Nuancierungen, wo sie nicht verzeichnet sind, steigert die Dynamik nicht gleich zum Fortissimo, wo nur Forte geschrieben steht und akzentuiert lediglich nach Maßgabe der Partitur. Das alles ist unglaublich minutiös umgesetzt – allein, daraus ergeben sich nicht wenige schwache Stellen. So etwa der Zweiunddreißigstel-Auftakt im Kopfsatz der Zweiten. Wenn er, wie hier, lediglich in seinem rhythmischen Wert präzise ausgeführt wird, kann sich kaum die spannungsvolle Dramatik dieser fanfarenähnlichen Figuren entfalten, die übrigens, aufgehoben in den Blechbläsern, auch im anschließenden Allegro-Teil nur schwach artikuliert werden. Auch die mathematisch genaue Ausführung der Holzbläserfiguren durch abgesetzte Artikulation ab T. 29 (Flöte) hält den melodischen Fluss auf, bremst über Gebühr. Es ließe sich fortfahren mit in der Dynamik zu wenig nuancierten Figuren in den Streichern, wo gleich bleibende Notenwerte und Artikulation ein wenig ‘innerliche’ Belebung vertrügen. Osmo Vänskä zeigt sich hier dem geschriebenen Text absolut verpflichtet, nimmt sich dabei aber interpretatorische Möglichkeiten, um die Musik voran zu treiben, auf Höhepunkte bewusst hinzuspielen.

Das zweite Hauptmerkmal seiner Interpretation ist die Gestaltung des Orchesterklangs. Vor allem die tiefen Streicher dominieren den Klang des Minnesota Orchestra, wodurch zwar der Orchestersatz eine solide Grundlage erhält, aber bisweilen eine etwas grobschlächtige Bulligkeit des Klangbilds entsteht (etwa in Kopf- und Schlusssatz der Siebten). Der Spaltklang der historischen Instrumente wird somit aufs moderne Orchester übertragen, indem dem extrem hellen Klang der Flöten (sehr prominent freilich in der Siebten) ein massiges Gegengewicht in den Streicherbässen entgegen gestellt wird. Seltsam auch, dass die hohen Streicher regelrecht glanzlos wirken, in den hohen Staccato-Passagen dagegen eng und spitz.

Freilich ist diese Lesart faszinierend, denn Vänskä legt mit seinem sehr gut disponierten Orchester die klanglichen Texturen auf hoch transparente Weise frei, ohne auf die Klangzutaten der historisch informierten Zunft (scharf aus der Klangtextur heraustretendes Blech) zurück greifen zu müssen. Doch ein solches Musizieren in absoluter Rückversicherung zum gedruckten Buchstaben stellt sich zuweilen selbst ein Bein, vor allem dort, wo eine weitere Ausdifferenzierung der Gestaltung im Rahmen des musikalischen Spannungsverlaufs angezeigt wäre.

Dennoch muss man Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra attestieren, ein Beethoven-Bild bis ins Detail ausgeformt zu haben, das zum derzeit gängigen in bewussten Gegensatz tritt. Und zwar mit einer wohl durchdachten und konsequent ausgeführten Werksicht und –darstellung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Sinfonien Nr. 2 & 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
26.08.2008
EAN:

7318599918167


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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