> > > Bottesini, Giovanni: Concertino in c-Moll
Donnerstag, 18. Juli 2019

Bottesini, Giovanni - Concertino in c-Moll

Feuerwerk aus tiefsten Tönen


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Thomas Martin glänzt mit virtuoser Musik für Kontrabass aus der Feder des brillanten Giovanni Bottesini, und beweist, dass der Bass mehr als nur begleiten kann.

Das 19. Jahrhundert hatte für alles (mindestens) einen Virtuosen. In diesem weiten Sinne ‘zuständig’ für den Kontrabass war Giovanni Bottesini, geboren 1821 in Crema, unweit von Mailand. Bottesini wurde gleichsam durch Zufall der Kontrabassvirtuose seiner Zeit: Als er mit vierzehn Jahren in Mailand zu studieren begann, waren unter den Streichern nur mehr Studienplätze für Kontrabass frei. Und da der junge Bottesini rasch Jahrgangsbester war, verschwand der Plan einer Geigenkarriere mit der Zeit. Mit neunzehn Jahren begann sein Aufstieg. Er wurde nun nicht nur der Paganini seines Instrumentes, sondern spielte buchstäblich Paganini auf seinem Instrument. Seine Konzertreisen und Erfolge verlaufen nun märchenhaft, und lassen lebenslänglich nicht nach.

Nun ist eine CD mit Konzerten und Opernouvertüren des Teufelsbassisten erschienen, der (man muss leider sagen:) naturgemäß weniger gespielt wird als die Kollegen der höheren Register. Solist der CD ist Thomas Martin, der bereits in zahlreichen großen Orchestern erster Bassist gewesen ist und sich u.a. auch als Geigenbauer, bzw. Bassbauer einen Namen gemacht hat. Begleitet wird er vom London Symphony Orchestra, das von Franco Petracchi dirigiert wird. Dieser ist selbst gelernter Bassist und tritt als solcher auch auf: in den ‘Passioni amorose’ für zwei Bässe und Orchester ist er am zweiten Solobass zu hören. Ebenfalls als Solist tritt der Rostropovich-Schüler Moray Welsh auf, der im gefürchtet schweren ‘Duo concertante’ über Themen aus Bellinis ‘I Puritani’ das Solocello neben Martin spielt. Wäre das Programm der CD nicht durch drei Ouvertüren zu Opern Bottesinis angereichert, könnte man fast von einer prunkvollen Selbstbeschreibung der dunklen Streicher sprechen. Durch jene Mischung aber wird es noch besser und noch mehr: der Kontrabass tritt selbstverständlicher und kontraststärker als Soloinstrument auf. Da die Virtuosität dieser Werke bereits am Lebenslauf Bottesinis fassbar wird, braucht man kaum mehr zu sagen, dass der Kontrabass als Protagonist mit dieser CD eine sehr viel bessere Figur macht als bei Patrick Süßkind.

Was Thomas Martin mit Bottesini aus dem Kontrabass herausholt, ist ganz erstaunlich. Man hätte solchen Facettenreichtum, solche Beweglichkeit und flinke Virtuosität in dem riesigen Streichinstrument nicht vermutet. Hier lässt sich vielleicht ein wenig jenes Erstaunen nachfühlen, das die Hörer haben mussten, als unsere heutigen Soloinstrumente sich aus der Begleit- und Continuofraktion lösten. Das scheint langsam von den oberen zu den unteren Registern fortzuschreiten, und vielleicht erleben wir noch einen aufrecht emanzipierten Kontrabass. In diesem Falle wäre Giovanni Bottesini gewiss der Taufpate des neuen Selbstbewusstseins.

Das Concertino c-Moll ist in diesem Zusammenhang gewichtig trotz des Diminutivs. Die drei Sätze sind von barocker Kürze und Knappheit, aber was sich in ihnen entfaltet ist ein spätromantischer Pathos, ein Sinn für den tragischen Moment und die sich steigernde Leistungskurve eines Virtuosen. Immer wieder spielen auch spanische Farben und Tanzbewegungen herein. Der warme, drängende Ton Martins bewegt sich durch dieses Konzert, mal gesangvoll ausschwingend, mal rasant und schneidend: und all das, als gäbe es keine physischen Distanzen an diesem Instrument zu meistern. Hier siegen Musik und Technik gegen die körperliche Ungastlichkeit des Kontrabasses, wie in jenem Emblem aus dem Toledo des 17. Jahrhunderts, das einen seiltanzenden Elefanten abbildet und darüber schreibt: Molem superat ingenium, Der Geist überwindet die Schwere.

In den ‘Passioni amorose’, einem Doppelkonzert für zwei Bässe, ist dieses Spiel noch gesteigert. Die Eröffnung des ersten Satzes ist mit mehreren Duokadenzen durchbrochen, in denen die zwei Solisten von der Tiefe bis in die Flageolette-Höhen das ganze riesige Volumen ausbreiten, das sie im Folgenden erkunden werden. Martin und Petracchi, das merkt man, nehmen sich mit Lust dieses Spiels an, und demonstrieren, dass durch die Flötentöne die dunklen Streicher zwar hinaufkönnen: die hohen aber unmöglich hinunter. Dass sie dabei für ebenfalls hohe Spielkultur sorgen, ist fast schon selbstverständliche Ehrensache.

Diese CD ist also nicht nur ein Versuch, den Kontrabass als Soloinstrument zu zeigen, sondern der Beweis, dass er längst eines ist; auch wenn man immer wieder bemerkt, dass man aus der Haut der eigenen Hörgewohnheit doch nicht so recht hinaus kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bottesini, Giovanni: Concertino in c-Moll

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
01.08.2008
Medium:
EAN:

CD
747313039876


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Bottesini, Giovanni
 - Ero e Leandro - Opera - Prelude
 - Concertino in c-Moll. Originalversion für Streicher und Kontrabass - Moderato
 - Concertino in c-Moll. Originalversion für Streicher und Kontrabass - Andante
 - Concertino in c-Moll. Originalversion für Streicher und Kontrabass - Finale - Allegro
 - Il diavolo della notte - Opera - Sinfonia
 - Passioni amoroso für zwei Kontrabässe und Orchester - Allegro deciso
 - Passioni amoroso für zwei Kontrabässe und Orchester - Andante
 - Passioni amoroso für zwei Kontrabässe und Orchester - Allegretto
 - Elégie in D -
 - Ali Baba - Opera - Ouvertüre
 - Duo Concertante über Themen aus Bellinis I Puritani für Cello, Kontrabass und Orchester -


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Interpret(en):Martin, Thomas
Welsh, Moray
Petracci, Franco


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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