> > > Schumann & Elgar: Klavierquintette
Samstag, 3. Dezember 2022

Schumann & Elgar - Klavierquintette

Doppelbödigkeiten


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Lars Vogt und Freunde legen eine faszinierende Live-Einspielung der Klavierquintette von Robert Schumann und Edward Elgar vor.

Mit einer 2007 entstandenen Live-Einspielung aus dem Kraftwerk in Heimbach setzt das Label CAvi-music seine Dokumentation musikalischer Ereignisse vom alljährlich stattfinden Kammermusikfestival ‚Spannungen’ fort. Gegenstand sind diesmal zwei Kompositionen, deren Verbindung auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, sich in der Praxis aber als außergewöhnlich gute Wahl entpuppt: Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44 (1842) und Edward Elgars Klavierquintett a-Moll op. 84 (1918/1919). Im Gegensatz zu einigen Produktionen der älteren Festivaljahrgänge profitiert diese neue Aufnahme von der Live-Situation und ihren Umständen: Das Zusammenspiel der jeweils beteiligten Musiker ist ausgezeichnet und die enorme Stringenz bei der Darstellung sowie die tatsächlich erlebbare Konzentration bei der Aufführung beider Werke macht den leicht dumpfen Klang wieder wett.

Gerade bei Schumanns Es-Dur-Quintett macht sich der Ansatz der Musiker – es spielen hier Lars Vogt (Klavier), Christian Tetzlaff und Radoslaw Sluc (Violine), Tatjana Masurenko (Viola) und Gustav Rivinius (Violoncello) – zur überlegten Durchformung des Werkes besonders bemerkbar. Im Mittelpunkt steht keine statische Interpretation, sondern ein unruhiges Vorwärtsdrängen, das schon die Unisono-Präsentation des Kopfsatzthemas bestimmt und dazu beiträgt die Doppelbödigkeit der scheinbar romantisch schwelgenden Musik aufzuzeigen. Den Musikern gelingt es, in Exposition und Durchführung – hier besonders schön bei der dramatischen Darstellung der rezitativisch anmutenden Verläufe – eine seltsam zwiespältige Unruhe walten zu lassen, die sie mit der Reprise in einen fast verklärten Tonfall münden lassen, nur um mit dem anschließenden Trauermarsch die Stimmung vollends umkippen zu lassen.

Dass der zweite Satz im Tempo nicht in einen zähes marschartiges Dahindämmern verschleppt wird, ist ein weiterer Verdienst dieser wunderbaren Aufnahme: Vielmehr herrscht eine Spannung, die auf den ersten Satz zurückgreift, den prägnanten Marschrhythmen in den kontrastierenden Dur-Teil mit zart gezeichneten Texturen eine andere Klangwelt entgegensetzt und die Zerrissenheit im ‚Agitato’-Mittelteil ins Unheimliche hineinsteigert. Alles wirkt hier, auch in Scherzo und Finale, eng aufeinander bezogen, und wenn Schumann dann in der Coda des Schlusssatzes die Musiker eine Doppelfuge anstimmen lässt, dann schwingt in der vorliegenden Aufnahme selbst in der Euphorie dieser Steigerung noch der Eindruck mit, dass die dunkle Seite der Musik nicht vollends verdrängt wurde. Das erweist sich – trotz zahlreicher alternativer Aufnahmen des Werkes – als Interpretationsansatz überzeugend und schlüssig.

Nicht minder eindrücklich ist Elgars a-Moll-Quintett geraten, bei dessen Besetzung Christian Tetzlaff durch Antje Weithaas und Gustav Rivinius durch Claudio Bohórquez ersetzt wurden. anspruchsvolle dreisätzige Komposition überzeugt hier die unprätentiöse, klare und über weite Strecken sehr verhaltene Wiedergabe. Den Interpreten gelingt es tatsächlich, mit ihrer tastenden, manchmal fast asketisch anmutenden und klanglich genau ausgefeilten Interpretation dem komplexen emotionalen Gehalt der Musik auf die Spur zu kommen. Jegliches überflüssige Pathos verschwindet dadurch aus dem Werk, die Spätromantik wird als gebrochene hörbar, und auch die emphatischsten Passagen des Finales fangen diesen Eindruck nicht mehr auf. Selten habe ich Elgars Werk so nackt, aber auch so packend gehört. In ihrer Gesamtheit ist dies – gerade auch wegen dieser ungewöhnlichen Kombination und der in beiden Werken aufgezeigten Doppelbödigkeit – eine sehr empfehlenswerte und vor allem auch intensive CD.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schumann & Elgar: Klavierquintette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
02.08.2010
65:52
2007
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4260085531271
CAvi8553127


Cover vergössern

"Ungewöhnliche Kopplung - Hoch-SPANNUNG Die Gattung des KLAVIERQUINTETTs läßt sich fast als Vorstufe zur Gattung des Klavierkonzerts bezeichnen. Das Streichquartett mit dem solistischen Klavier! ROBERT SCHUMANN hat ein besonderes Werk geschaffen, den Höhepunkt seiner ersten 30 Jahre, eines Schaffensrausches innerhalb von knapp drei Jahren 1839/42, nach vielen Solo-Klavierwerken, Liedern etc.. Ein Stück, das in allen vier Sätzen ungeheuerlichen Drive komponiert findet, enorm viel Elan, Emotion und poesievolle Romantik verbindet, ein Feuerwerk - wie gemacht für das Festival SPANNUNGEN. Fast 80 Jahre später (fast) ein Gegenstück: EDWARD ELGARs Klavierquintett, zumindest für Kontinentaleuropa allerdings fast eine NEUENTDECKUNG. Es gibt kaum Konkurrenzaufnahmen. Der englische Komponist ist durch das "Pomp and Circumstance" (stets bei den PROMs in London ein Hit) berühmt und hier ein Begriff geworden. Elgar ist ein extrem produktiver und ideenreicher Komponist gewesen, von dem leider viel zu wenig in unseren Sphären bekannt ist. Brahms hat sicherlich bei seinem Stück über die Schulter geschaut. Virtuosität und Sinnlichkeit, Schwere und ein eher getragener Habitus in der Melodie machen seine großen Stärken aus. Eine völlig unübliche Kopplung - Live bei (und von) den SPANNUNGEN 2007 - unter Hoch-Spannung! "


Cover vergössern

Aachener Zeitung: "..... Jetzt ist u.a. eine CD mit Klavierquintetten von Robert Schumann und Edward Elgar erschienen. Um den Dürener Pianisten Lars Vogt scharen sich je vier bewährte Streicher aus der Heimbacher "Familie", wobei der Wert vor allem in der Frische, Spielfreude und Spontaneität liegt, die sich in der entspannten Arbeit am Rursee entfalten kann. Damit verliert sogar ein Schwergewicht wie Edward Elgars Klavierquintett seine vermeintliche Dickfelligkeit. Und die jugendliche Aufbruchsstimmung von Schumann Geniestreich op. 44 wird nur selten so impulsiv und überrumpelnd ausgespielt wie hier (P.Ob.) 5 Sterne"


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Prof. Dr. Stefan Drees zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Hörfreuden: Die Interpretation der drei Musiker überzeugt mit jeder Note und bereitet beim Zuhören sehr viel Freude. Weiter...
    (Christiane Bayer, 06.08.2006)
  • Zur Kritik... Dokumentation mit Schwächen: Eine Box mit 14 CDs präsentiert musikalische Höhepunkte aus der zehnjährigen Geschichte des Festivals ‘Spannungen: Musik im Kraftwerk Heimbach’, kann damit aber nicht so recht überzeugen. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 19.06.2007)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Forsch und erfrischt: Eine frische, zupackende Telemann-Lesart durch das polnische Altberg Ensemble und seinen Leiter Peter Van Heyghen. Das Programm zeigt einen schönen Ausschnitt der stilistischen Elastizität und Wendigkeit des Komponisten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Detailverliebt: Alina Ubragimovas Einspielung der Capricci op. 1 von Paganini zeichnet sich nicht durch die Herausarbeitung des großen Bogens aus. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Hörgenuss französischer Cello-Konzerte: Daniel Müller-Schott und Alexandre Bloch am Pult des Deutschen Symphonie-Orchester Berlin bieten französische Meisterwerke höchst expressiv als Ganzes und mitreißend in jedem Detail. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2022) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich