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Sonntag, 23. Januar 2022

Sibelius, Jean - Sämtliche Sinfonien

Sieben mal Sibelius


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leif Segerstam und das Danish National Symphony Orchestra stellen mit den Sinfonien von Jean Sibelius nicht nur ihr interpretatorisches Können, sondern auch ihre Affinität zu skandinavischen Kompositionen unter Beweis.

An Gesamteinspielungen der Sinfonien des finnischen Nationalromantikers fehlt es inzwischen zum Glück kaum mehr. Auch startete im Herbst letzten Jahres die Sibelius-Edition bei dem schwedischen Label BIS. Nichtsdestotrotz wird die Musik von Jean Sibelius (1865-1957) gerade in deutschen Konzertsälen immer noch viel zu selten aufgeführt. Wenn überhaupt, dann begnügt man sich in aller Regel mit der zweiten Sinfonie oder dem Violinkonzert, vielleicht noch die Finnlandia als Eröffnung oder den Valse Triste als Zugabe, das war‘s auch schon. So wirklich interessant wird es bei dem von Adorno in einer historisch leider allzu wirksamen Glosse verdammten Meister aber erst mit der erschreckend modernen vierten Sinfonie. Gerade dass man ab diesem Zeitpunkt bei Sibelius keine motivisch-thematische Arbeit im herkömmlichen Sinne mehr findet, diese nun in subkutane Bereiche abtaucht, spricht für den fortschrittlichen Personalstil des vermeintlich hinter den Entwicklungen des 20. Jahrhunderts Zurückgebliebenen.

Dass der aus dem westfinnischen Vaasa stammende rauschbärtige Komponist und Dirigent Leif Segerstam ein Händchen für die Sinfonik seines Landsmannes besitzt, hat der derzeitige Chefdirigent des Helsinki Philharmonic Orchestra zuletzt mit eben diesem demonstriert. Noch aus der Zeit davor, genauer gesagt in den Jahren 1990-92, ist die nun bei Brilliant Classics vorliegende Wiederveröffentlichung eines Sibelius-Zyklus mit dem Danish National Symphony Orchestra angesiedelt.

Von op. 39 bis op. 109

Von den kleinen Schludrigkeiten, die man dem Komponisten von bereits über 180 Sinfonien nachsagt, hört man auf diesen Einspielungen aus der Kopenhagener Danish Radio Concert Hall nur sehr selten etwas. Auffällig der durchweg intensive, ´nordische´ Klang des Rundfunkorchesters. Was man unter diesem vielbeschworenen Begriff verstehen kann, ergibt sich allerdings erst aus den Interpretationen: Tief elegisch schon die Klarinettenmelodie unter Paukentremolo zu Beginn der Sinfonie Nr. 1 in e-Moll. Ohne sie zu zerdehnen, erschafft die Langsamkeit mit der sie geblasen wird einen immens weiten Klangraum von hoher atmosphärischer Dichte, in dem sich dann der Rest der Sinfonie ereignen wird. Kurze Generalpausen erzeugen beredtes Schweigen, so dass der heftige Einsatz heller Streicher, welcher den eigentlichen Beginn des Werkes markiert, umso mehr überrascht. Von fast schmerzhafter Expressivität ist das Tschaikowsky-Thema im Finale des op. 39, kurz vor dem gekonnt katastrophal inszenierten, noch einmal in dynamische Extreme ausbrechenden Schluss.

Prinzipiell überzeugt das Danish National Symphony Orchestra in jeder Instrumentengruppe. Ob es sich um das von Hörnern dominierte epische Finale der fünften Sinfonie in Es-Dur handelt, um die starke Präsenz der Flöte im Largo der vierten Sinfonie in a-Moll oder dem polyphonen Streichergewebe in den ersten fünf Minuten der Sinfonie Nr. 7 in C-Dur, Segerstam führt die mäandernden Hauptstimmen in klarer Linienführung ihrem Ziel entgegen. Etwas problematisch wird es manchmal bei den ziemlich individuell gewählten Tempi, die teilweise extremen Schwankungen unterliegen: Einerseits gewinnen Sibelius´ kontrastreiche wie komplexe Strukturen dadurch an Klarheit, weil einzelne Abschnitte sich so deutlicher voneinander absetzen. Andererseits wirken diese gelegentlich abrupten Beschleunigungen und Drosselungen an einigen wenigen Stellen einfach nur unmotiviert und darum wenig sinnvoll, etwa auf dem Höhepunkt des Andantes der ersten Sinfonie. Überdies trägt genau hier die nicht unauffällige, jedoch meist kaum störende Hallakustik der Aufnahme dazu bei, dass sich die Orchesterschichten miteinander vermischen und die Transparenz verloren geht Auch lässt Segerstam das Andantino der dritten Sinfonie in C-Dur so langsam spielen, dass man bei aller Waldesidylle beinahe einschläft.

Solche kleinen Mängel kommen allerdings nicht gegen den ansonsten hervorragenden Gesamteindruck der vier CD-Box an. Auf jeden Fall hat man hier die derzeit beste preiswerteste Gesamteinspielung der Sibelius-Sinfonien vor sich. Leif Segerstam und das Danish National Symphony Orchestra befinden sich auf Augenhöhe mit Interpretationen von Neeme Järvi, Osmo Vänskä oder Esa-Pekka Salonen. Und authentischer als Karajan klingt das allemal.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sibelius, Jean: Sämtliche Sinfonien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
4
10.01.2008
Medium:
EAN:

CD
5029365886727


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