> > > Oranges & Lemons: John Playford's English Dancing Master
Sonntag, 22. Juli 2018

Oranges & Lemons - John Playford's English Dancing Master

Die Kunst des englischen Country Dances


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ihre gelungenen Bearbeitungen von John Playfords berühmten Dancing Master spielt das kleine Spezialensemble ?The Playfords? mit viel Hingabe, Schwung und Elan.

John Playford war zu Lebzeiten schon eine Legende, an der niemand im Londoner Musikleben des 17. und frühen 18.Jahrhunderts vorbei kam. Wie kein Zweiter wusste der einflussreiche Verleger bestens mit den Bedürfnissen des Marktes umzugehen und zog sich über die Jahre eine treue, unglaublich große Kundschaft heran, die seinen Musikalienladen belagerte, um seine neuesten Veröffentlichungen gleich zu erwerben.

Dabei begann der 1623 in Norwich geborene Playford seine Karriere eigentlich als politischer Schriftsteller, der aber in den Wirren des Bürgerkriegs in Gefangenschaft der Puritaner geriet, welche ihn, einen bekennenden Unterstützer des Königs, vor die Wahl stellten, seine Propaganda für die Monarchie zu beenden, oder sein Leben in Gefangenschaft zu fristen. Playford entschied sich daraufhin, eine Karriere als politisch unverdächtiger Musikverleger einzuschlagen, was sich bald auszahlen sollte. Denn die Menschen waren in den unsicheren, von Krieg, Pest und Feuer gezeichneten Zeiten dankbar für jede Art von Zerstreuung. Zwar hatten die Puritaner mit ihrem streng religiösen Regime jegliche Form von öffentlicher Unterhaltung verboten, doch blühte daraufhin eine für England typische Kultur der Hausmusik auf, die für ausländische Reisende immer wieder ein Grund für Verwunderung darstellte. In den bürgerlichen Familien konnte so gut wie jeder mindestens ein Instrument spielen. So traf man sich abwechselnd in den verschiedenen Häusern, um miteinander zu musizieren, tanzen und zu singen.

Playford war dabei der Haupt-Notenlieferant und sein ‘English Dancing Master’ (1651) kann mit Recht als Topseller bezeichnet werden. Die vielen erhaltenen Originaldrucke dieses Werkes sind ein beredtes Zeugnis seiner weiten Verbreitung und Popularität. Noch heute sind die von Playford zusammengestellten Anthologien eine wichtige Quelle, um über die Musik seiner Zeit zu forschen. Oft anonym, ohne Angaben zu Ursprung oder Komponist, abgedruckt, bilden die Stücke einen bunten Querschnitt durch die mannigfaltige Musikkultur. Exotische Titel, wie ‘Jamaica’ oder ‘The Indian Queen’ bedienten die Sehnsucht, den bedrängten Verhältnissen der Zeit zu entfliehen, während Stücke wie ‘Scotch Lap’, ‘Jenny Pluck Pears’ oder ‘Lilli Burlero’ die eigene Kultur feierten. 105 Country Dances versammelte die erste Ausgabe des ‘English Dancing Master’, wobei aber anzumerken wäre, dass es sich bei den als ländliche Tänze bezeichneten Stücken keineswegs um Volkstänze handelte, sondern um kunstvoll von französischen Tanzlehrern arrangierte Stücke zum Amüsement der gebildeten, meist städtischen Bewohn der Insel handelte. Dass Playford in seinem Titel so prominent das Wort ‘English’ verwendet ist dabei wohl eine ironische Anspielung auf die Dominanz der Franzosen im Tanzgeschäft.

Nach immer neuen Editionen sollte der Dancing Master eine stattliche Sammlung von 6217 Tänzen enthalten, deren eingängiger Charakter sie schnell zum Volksgut werden ließ. In den Büchern sind jeweils nur die Melodiestimmen mit einer Kurzbeschreibung der zu vollziehenden Tanzschritte enthalten, was aber Playfords Zeitgenossen ausreichende Informationen lieferte, um die Stücke entsprechend aufzuführen. Hingegen haben heutige Interpreten das Problem, dass viel von dem nur mündlich tradierten Wissen über diese Musik verloren gegangen ist und selbst intensive Recherche kein abschließendes Urteil über die richtige Aufführungsart zulässt. Dies ist aber auch gleichzeitig eine Chance, sich musikalische Freiheiten zu erarbeiten und die Musik den eigenen Bedürfnissen anzupassen.

Das deutsche Tanzmusikensemble ‘The Playfords’, das seit 2001 besteht, hat sich in dieser bei Coviello erschienenen Aufnahme ganz auf die Tanzbarkeit der Musik konzentriert. Mit ihrer jahrelangen Erfahrung bei unzähligen Veranstaltungen für historischen Tanz setzen sie in ihrer Interpretation auf starke rhythmische Akzente und tanzaffine Phrasierungen. Teilweise unterlegten sie die Stücke mit passend ausgewählten Texten, so dass die beiden Sänger Anne Schneider und Björn Werner die Melodiestimme führen.  

In ihren Rekonstruktionen verwenden 'The Playfords’ alte Handschriften und Drucke, die Rückschlüsse auf mögliche Aufführungsarten zulassen, um daraus weitere Stimmen zu entwickeln. Dabei zeichnen sich die Arrangements der ‘Playfords’ durch eine eher sparsam gesetzte Begleitung und dafür um so reicher verzierte Hauptstimmen aus. Die Rekonstruktionen sind ihnen durchweg überzeugend gut gelungen, so dass sich Melodie und Begleitung zu einem harmonischen Ganzen ergänzen. Einzig die von Nora Thiele bedienten Perkussionsinstrumente sind teilweise zu dominant, zu vordergründig und erinnern in ihrer Effekthascherei eher an Jahrmarktsmusik, was jedoch eine reine Geschmacksfrage ist und der sonstigen Qualität der Interpretation keinen Abbruch tut.

Besonders mitreißend ist das auch schon damals extrem populäre ‘An Italian Rant’, das einen solchen Siegeszug durch ganz Europa antrat, dass nicht mehr zu klären ist, aus welchem Land das Lied eigentlich stammt. Dem heutigen Hörer dürfte es auch aus ganz anderen Zusammenhängen bekannt sei, denn Smetana verwendete einen Teil als urslawische Melodie in seiner Moldau. Ferner wurde das Stück auch in der israelischen Nationalhymne untergebracht, so dass es auch von diesen Ländern als Volksweise für sich reklamiert wird. Björn Werner trägt das Stück mit guter stimmlicher Geläufigkeit geschmeidig vor.

Die Musiker spielen durchweg mit viel Schwung, Elan und großer Spielfreude. Ihre mitreißenden Phrasierungen setzen sie gezielt für tänzerische Effekte ein und erzielen dadurch die bestmögliche Tanzbarkeit. Man merkt, dass sie sich jahrelang im direkten Kontakt mit ihrem tanzwütigen Publikum ausprobieren konnten und dabei gelernt haben, geschickt die richtigen Register zu ziehen.

Von ihrer Anlage ist die CD sicher eher etwas für Kenner und Liebhaber barocker Tanzmusik beziehungsweise an englischer Musik Interessierter, als für das breite Publikum, doch sei die Aufnahme allen entdeckungsfreudigen und aufgeschlossenen Hörern sehr empfohlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Oranges & Lemons: John Playford's English Dancing Master

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Coviello Classics
1
01.05.2007
61:24
2006
EAN:
BestellNr.:

4039956207092
COV 20709


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Campion, Thomas
 - I care not for these Ladies - Circle of couples
Playford, John
 - Bellamira / Bobbing Joe -
 - Newcastle - Round for eight
 - Hearts Ease - 'Sing care away', Round for four
 - Scotch Cap - Longways for six (5 dancing verses)
 - Oranges and Lemons - Square for six couples
 - Jenny Pluck Pears - Round for six
 - An Italian Rant - 'Fuggi fuggi da' lieti amanti'
 - Epping Forrest -
 - Lilli Burleo - 'Ho Brother Teague', Longways for as many as will
 - The Indian Queen - Longways for as many as will
 - Upon a Summer's day - 'I Smell a Rat' Longways
 - Jamaica - 'The Joviall Broome Man'
Purcell, Henry
 - Gentle Sheperds - An Elegy on the Death of Mr. John Playford
Traditionell,
 - The Star of the County Down - 'A constant Wife'
 - Blacke Amaine - Almain for as many as will


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Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


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