> > > Chopin, Frédéric: Préludes op. 28
Sonntag, 17. Februar 2019

Chopin, Frédéric - Préludes op. 28

Tiefgreifende Einführung


Label/Verlag: Atma classique
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der junge kanadische Pianist Jean-Francois Latour überzeugt mit seinem Erstling, die den Préludes Fréderic Chopins gewidmet sind, und präsentiert sich als technisch und geistig ausgereifter Musiker, von dem man gerne mehr hören möchte.

Präludium bedeutet Vorspiel, Einleitung zu Größerem, wie zu den Bachschen Fugenkompositionen. Fréderic Chopins Präludien hingegen stehen allein, in ihrer kurzen, konzentrierten Form zunächst auch ziemlich einzigartig in der Musikgeschichte, die dergleichen vorher nicht kannte. Der junge kanadische Pianist Jean-Francois Latour hat nun Chopins vierundzwanzig Präludien als seinen Erstling eingespielt. Ein komplexes Vorspiel vielleicht zu dem, was die Zukunft bringt, und gleichzeitig eine tiefe Auslotung romantischer Gefühlswelten, der wenig hinzuzufügen ist.

Jean-Francois Latour verfügt schon über eine ausgereifte Technik, die souverän über alles Handwerkliche hinausgeht und Platz lässt für interpretatorische Feinheiten und Raffinessen. Beim ersten Hören mag ein relativ großzügiger Pedalgebrauch noch stören, jedoch wird schnell klar, dass dieser vor allem Mittel zum Zweck ist: Wie in impressionistischen Gemälden erschließt sich dem Betrachter der Sinn eines Bildes nicht bei der millimetergenauen Betrachtung einzelner Teile; nur im Überblick fügen sich die Farbkleckser zu einem großen Ganzen zusammen und aus dem Verschwommenen wächst ein klarer Eindruck des Abgebildeten. Ähnlich geht es dem Hörer beim Vorbeiziehen dieser musikalischen Eindrücke Chopins.

Präludien im eigenen Sinne sind hier nicht mehr gemeint, so vollständig – und doch in gewisser Weise offen – sind diese kleinen Apercus. In wenigen Takten, gerade einmal dreizehn im kürzesten, öffnen sich dem Spieler völlig neue musikalische Einblicke. Im neunten Präludium in E-Dur ist eine feste Tonalität kaum noch greifbar, so fließend ist der harmonische Verlauf, der in diesen achtundvierzig verschiedenen gebrochenen Harmonien nachvollzogen wird. Latour lässt sich Zeit für diese komplexen Stücke, seine Interpretationen zählen nicht zu den schnellsten, was jedoch weniger mit mangelnder Virtuosität, die er an anderer Stelle zu Genüge unter Beweis stellt, als mit der Sorge um die größtmögliche Nuancierung zu erklären ist.

Wo Latour sich in den schnelleren Werken allzu virtuosen Ausbrüchen, die schnell zum Selbstzweck geraten können, zu Recht verweigert, vermeidet er auch das Abrutschen in behäbig verkitschte Melancholie. Gerade die bekannteren unter Chopins Präludien, um die so manche Sage gestrickt wurde, werden hier von überflüssiger Patina befreit und erscheinen in ganz neuem, frischen Licht, wie zum Beispiel das so genannte ‘Regentropfen-Präludium’ in Des-Dur.

Als Nachspiel des wunderbar geschlossenen Zyklus erscheinen noch einige Einzelwerke Chopins zur Komplettierung der CD, die jedoch nicht immer die enorme Stringenz der Interpretation der Préludes erreichen können. Nichtsdestotrotz bietet Latour auch in diesen Werken – Mazurken, Nocturnes und eine Polonaise – interpretatorischen Weitblick und große Intensität. Die Rückungen in der Tempostruktur, die harmonischen Kühnheiten, allesamt verblüffende Neuerungen für Chopins Zeitgenossen, erscheinen auch dem heutigen Hörer als radikal und ungewöhnlich. So etwas zeugt von musikalischer Reife und lässt auf weitere spannende Eindrücke hoffen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Chopin, Frédéric: Préludes op. 28

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Atma classique
1
22.05.2007
EAN:

722056256025


Cover vergössern

Atma classique

Das Label ATMA - Seele oder Lebensgeist auf Sanskrit - wurde 1995 gegründet und bietet inzwischen mehr als 200 Aufnahmen von mittelalterlicher bis zu zeitgenössischer Musik mit einem besonderen Schwerpunkt im Barock. Für ihre Aufnahmen umgibt sich Johanne Goyette, Direktorin und zugleich Toningenieurin der Firma, gerne mit wagemutigen Künstlern, um in ihrem Studio Unerhörtes (und Ungehörtes) zu schaffen.
ATMA Classique vertreibt in Kanada, den Vereinigten Staaten, in Europa, Australien und Asien. Das Label erfreut sich zunehmend großen Erfolgs und genießt weltweite Anerkennung für die hohe Produktionsqualität sowohl in aufnahmetechnischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Zahlreiche Aufnahmen wurden mit Preisen (Diapason d?or, Goldberg, Prix Opus, Félix, JUNO u.a.) ausgezeichnet.
Im Juni 2004 hat ATMA Classique in Zusammenarbeit mit dem Festival Montréal Baroque den Grundstein zu einem anspruchsvollen Großprojekt gelegt: Über die nächsten fünfzehn Jahre sollen Johann Sebastian Bachs 200 geistliche Kantaten zum ersten Mal im hybriden SACD-Format (Super Audio Compact Disc) mit Surround-Sound aufgenommen werden.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Atma classique:

  • Zur Kritik... Bittersüße Häppchen: Einen Parforce-Ritt durch die Musikgeschichte in Bearbeitungen für Orgel übermittelt Dom Richard Gagné. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Anmut und Beweglichkeit: Die kanadische Sopranistin versucht nicht nur ihre divine Seite zu zeigen, sondern verdeutlicht gleichzeitig auch, dass ihr musikalische Vielfalt ein wichtiges Anliegen ist. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Auf der Klaviatur tanzen: Meisterhaft gelöst: Beschwingt und gar nicht kraftmeiernd legt Jalbert die halsbrecherischen Ballett-Bearbeitungen von Strawinsky und Prokofjew hin. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
blättern

Alle Kritiken von Atma classique...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Aller guten Dinge: Für sein aktuelles Label Ondine hat Christian Tetzlaff 2016 seine persönlich dritte und wohl expressivste Version von Bachs Zyklus für Violine solo eingespielt. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Thüringer Reichtum: Bachs Kopist Johann Peter Kellner im eigenen Ton. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Ausdrucksstarker Bach: Schon oft eingespielt, doch keinesfalls abgedroschen: Alexandra Ivanova und Anaïs Chen beweisen mit ihrer Einspielung von Bachs Sechs Sonaten für Violine und Cembalo auf eindrucksvolle Weise ihr Können. Weiter...
    (Susanna Morper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (2/2019) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Emil Nikolaus von Reznicek: Karneval-Suite im alten Stil - Tempo di marcia

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich