> > > Biber, Heinrich Ignaz: Violinsonaten Nr. 3, 5, 6
Freitag, 23. Februar 2018

Biber, Heinrich Ignaz - Violinsonaten Nr. 3, 5, 6

Musizieren ohne Scheuklappen


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Werke von Luciano Berio und Heinrich Ignaz Franz Biber auf einer Platte, gemeinsam musiziert von Experten für alte und neue Musik - funktioniert das? Irvine Arditti und das Ensemble Lyriarte beweisen es.

Längst ist die früher so strikte Trennung zwischen den auf zeitgenössische Musik spezialisierten Interpreten und den Musikern der historisch-orientierten Aufführungspraxis einem gegenseitigen Interesse und Verständnis gewichen. Unternehmungen wie das von der Ernst von Siemens Stiftung geförderte und jüngst bei harmonia mundi auf CD veröffentlichte ‘About Baroque’-Projekt mit Werken zeitgenössischer Komponisten für das Freiburger Barockorchester verdeutlichen gar, dass inzwischen auch das Wissen um die vielfältigen Möglichkeiten wechselseitigen Voneinander-Lernens die Oberhand gewonnen hat. Denn es kann ungemein produktiv sein, sich die Musizierhaltungen des jeweils anderen anzueignen und im Sinne einer Erweiterung des eigenen ästhetischen Horizonts einzusetzen.

Begegnung über drei Jahrhunderte hinweg

Ein faszinierendes Beispiel für ein solches Aufeinandertreffen dokumentiert eine bei Oehms Classics erschienene SACD, auf der Irvine Arditti, Primarius des nach ihm benannten Arditti String Quartet und damit einer der führenden Interpreten der dem zeitgenössischen Komponieren verpflichteten Musikszene überhaupt, und das Trio Lyriarte, das mit Rüdiger Lotter (Violine), Olga Watts (Cembalo) und Axel Wolf (Laute und Theorbe) drei bedeutende Spezialisten aus dem Bereich barocker Aufführungspraxis vereinigt, im musikalischen Dialog aufeinander treffen. Dabei werden zwei auf den erste Blick scheinbar so unvereinbare Welten wie jene des der Sonaten Heinrich Ignaz Franz Bibers (1644-1704) und jene des an den Entwicklungen der Musik nach 1950 orientierten Komponierens von Luciano Berio (1925-2003) miteinander konfrontiert.

Der Hörer wird durch diese Konzeption auf ungewöhnliche Weise gefordert, denn er sieht sich dem Alternieren kompositorischer Hinterlassenschaften gegenüber, die im Abstand von rund dreihundert Jahren entstanden sind und folglich in musikalischer Hinsicht Extrempositionen vertreten. Vermittelnd wirkt dabei höchstens der Umstand, dass es sich in beiden Fällen um bedeutende Beiträge zur Violinliteratur handelt: Auf der einen Seite stehen die historisch bedeutsamen Werke des barocken Meisters – drei Sonaten aus den ‘Sonatae a violino solo e basso’ (1681) sowie die ‘Partia III’ aus der Partitensammlung ‘Harmonia artificiosa-ariosa’ (1696) –, mit denen Biber neue Maßstäbe in der technischen Beherrschung seines Instruments setzte; auf der anderen Seite markiert Berios ‘Sequenza VIII per violino solo’ (1976) ein wichtiges Stadium der Neudefinition geigerischer Virtuosität nach 1950, was in sechs ausgewählte Stücken aus den ‘Duetti per due violini’ (1979-83) durch ihre Fixierung auf bestimmte strukturelle oder klangliche Fragestellungen auf andere Weise vertieft wird.

Diese auf den ersten Blick sehr ungewöhnliche Kombination zeitigt in der Abfolge der einzelnen Werke überraschende Folgen, denn die beiden Komponisten bewegen sich trotz der enormen Distanz aufeinander zu und lassen unvermutete Zusammenhänge aufscheinen. Die Modernität von Berios ‘Sequenza’ wird so im Hinblick auf Bibers Sonaten relativiert, während letztere eine Aufwertung erfahren und in der Tat im neuen Kontext aufgrund ihrer mitunter experimentellen Faktur und Klanglichkeit wesentlich aktueller wirken. Dadurch verschieben sich, wie Lotter in seinem hellsichtigen Booklet-Text ganz richtig betont, auch unsere Bewertungsmaßstäbe für die Musik: Die Deutung der wahrgenommenen Klänge als historische Objekte zweier unterschiedlicher Epochen wird unwesentlich angesichts der Frage, welchen Bezug wir heute zu beiden haben.

Wechselseitige Beleuchtung

Entsprechend ihres jeweiligen Spezialistentums liefern die beteiligten Musiker hervorragende Werkwiedergaben ab. Die Musiker von Lyriarte verstehen es, die Solosonaten Bibers als Dramen en miniature zu formulieren, in deren Mittelpunkt jeweils ein enorm spannender Variationensatz steht. Dabei wird der im Vordergrund stehende Lotter durch die farbige und abwechslungsreiche Continuo-Gestaltung von Watts und Wolf unterstützt, die viel zum klanglichen Profil der Kompositionen beiträgt. Und Arditti beeindruckt in Berios ‘Sequenza’ durch die mit Perfektion gepaarte Gelassenheit, mit der er dem Werk eine stringente klangliche Gestalt zu geben vermag. Allerdings werden die Kompositionen Bibers nicht nur im Sinne einer einfachen Gegenüberstellung mit den Werken Berios konfrontiert, sondern auch die Musiker selbst werden Teil dieser Konfrontation: So widmet sich Barockviolinist Lotter gemeinsam mit Arditti den eingespielten ‘Duetti’ von Berio, während sich Arditti wiederum in Bibers ‘Partia’ auf das historisch ausgerichtete Musizieren mit dem Trio Lyriarte einlässt.

Die Ergebnisse sind in allen Fällen erstaunlich und zeigen, dass es von beiden Seiten keinerlei Vorbehalte gegen die ästhetischen Prämissen einer ganz anders gearteten Musik- und Interpretationsauffassung gibt. Mehr noch: Die Einspielung legt nahe, dass scheinbar unvereinbare Musizierweisen einander ergänzen und gegenseitig befruchten können. Vielleicht kann sie daher auch den Anstoß für weitere, vergleichbare Projekte geben. Denn nicht nur die Musiker selbst haben hörbar Freude an den neuen Aufgaben; auch der Hörer kann davon profitieren, weil sich aufgrund der ungewöhnlichen Kontextualisierung der ausgewählten Musik ganz neue Perspektiven ergeben. Und das ist gut so.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Biber, Heinrich Ignaz: Violinsonaten Nr. 3, 5, 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
20.10.2006
EAN:

4260034866119


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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