> > > Respighi, Ottorino: Sämtliche Werke für Violine & Klavier Vol.
Montag, 28. September 2020

Respighi, Ottorino - Sämtliche Werke für Violine & Klavier Vol.

Ein hörenswerter Aussenseiter


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ergebnis ist atemberaubend, und so man hat das Gefühl, dass in dieser emotional hoch aufgeladenen Musik jedes Tüpfelchen genauestens musikalisch formuliert ist und an seinem richtigen Platz sitzt.

Kunstwerke, die am Ende einer Epoche entstehen, schöpfen meist aus den Traditionen der Vergangenheit, erweisen sich dabei häufig als artifiziell und kompliziert, aber dennoch voller unbewusster Abhängigkeiten und bewusster Zitate, so dass sie als traditionsbejahend und -beladen wahrgenommen werden. Zu Lebzeiten der Künstler sind entsprechende Werke oft erfolgreich, gerade weil sie unübersehbar auf dem Boden der Tradition gründen und damit trotz ihrer gelegentlichen Manierismen den Gewohnheiten des Geschmacks entgegenkommen. Sobald sich aber eine neue Art von Ästhetik etabliert hat, geraten solche Schöpfungen jedoch die Falle einer völlig außer Mode geratenen, überholten Kunst und werden daher von den nachfolgenden Generationen dem Vergessen überantwortet. Diese Situation trifft auch auf das Schaffen des italienischen Komponisten Ottorino Respighi (1879-1936) zu, das zwar mit einigen wenigen Kompositionen für Orchester im heutigen Konzertrepertoire vertreten ist, während der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg aber fast vollständig vernachlässigt wurde.

Neubewertung

Als Beitrag zu einer längst fälligen, unvoreingenommenen Bewertung von Respighis Komponieren jenseits ideologischer Grabenkämpfe verstehen die Geigerin Ilona Then-Bergh und der Pianist Michael Schäfer ihre auf insgesamt drei CDs angelegte Gesamteinspielung der Werke für Violine und Klavier beim Label Genuin. Für den ersten Teil dieses Projekts haben sich die beiden Musiker die Trias der vom Komponisten selbst publizierten Originalwerke für diese Kammermusikbesetzung vorgenommen, weitere Veröffentlichungen mit Bearbeitungen und unveröffentlicht gebliebenen Werken sollen folgen.

Den Höhepunkt der vorliegenden Einspielung bildet die 1916/17 entstandene Sonate h-Moll, die sich vom musikalischen Anspruch her sicherlich mit Kompositionen wie der nahezu gleichzeitig entstandenen Sonate von Claude Debussy messen kann. Das Werk steht in der Tradition der großen Konzertsonaten des 19. Jahrhunderts, erweist sich als dramatisches Opus mit dynamischem Schwung und enormer emotionaler Kraft. Über alle drei Sätze hinweg wechseln Passagen förmlich eruptiver Intensität mit Abschnitten von angespannter Zurückhaltung, die gar in Phasen großer harmonischer und melodischer Ruhe münden. Die Umsetzung der unruhigen, erregten Atmosphäre des Kopfsatzes lässt sofort aufhorchen: Das Duo folgt den komplexen Verschachtelungen der Musik, macht dabei einerseits die Komplexität hörbar, erhält aber das aufgrund des dichten Klaviersatzes sehr heikel auszubalancierende Klangbild fast immer klar, obgleich es sich manchmal kaum merklich in Richtung Klavier neigt.

Die Komposition verlangt nicht nur den Interpreten, sondern auch dem Hörer ein Höchstmaß an Konzentration ab. Tatsächlich bietet die Wiedergabe ein packendes und konzentriertes Erlebnis, geadelt von spieltechnischer Sicherheit und mitreißend im Hinblick auf das physische Durchhaltevermögen, das hier gefordert wird und die Komposition zu einer wahren Tour de force für beide Mitwirkenden macht. Das Ergebnis ist atemberaubend, und so man hat das Gefühl, dass in dieser emotional hoch aufgeladenen Musik jedes Tüpfelchen genauestens musikalisch formuliert ist und an seinem richtigen Platz sitzt.

Salon und Konzertsaal

Neben der anspruchsvollen Sonate enthält die Einspielung die beiden früher entstandenen Zyklen der ‘Sei pezzi’ (1907) und der ‘Cinque pezzi’ (1912), in denen das Klavier begleitend hinter die führende Violine zurücktritt. Von ihrem Anspruch her erscheinen diese Stücke wesentlich leichtgewichtiger und der großen Sonate kaum ebenbürtig, eher für den Salon als für den Konzertsaal gedacht. Dennoch enthalten sie eine Fülle schöner Musik, erweisen sich als kleine Tongemälde von großem Einfallsreichtum, die eine enorme Leichtigkeit im Duktus und bei der Handhabung verschiedenster musikalischer Charaktere verraten.

Auch wenn Then-Berghs Violinspiel durchaus überzeugen kann, wirkt der Vortrag nicht ganz so konzentriert wie in der fesselnd musizierten Sonate, und manchmal lassen sich gar kleine Einbußen in Bezug auf die Intonation bemerken. Allerdings fehlt es nicht an schönen Momenten, so bei der Gestaltung melodischer Arabesken im ‘Madrigal’, die mit dynamisch abwechslungsreicher Linienführung und warmer Tongebung gezeichnet sind, bei der klanglich gedämpften Zurückhaltung der ‘Berceuse’ sowie bei den reichen Tempomodifikationen der ungarisch anmutenden ‘Humoreske’ aus den ‘Cinque pezzi’, aber auch, wenn sich in den ‘Sei pezzi’ die Violine in der ‘Leggenda’ als eloquente Geschichtenerzählerin entpuppt oder in der eleganten ‘Valse caressante’ mit viel Raffinement das Parfüm des Wiener Walzers über der Musik ausgießt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Respighi, Ottorino: Sämtliche Werke für Violine & Klavier Vol.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
21.07.2006
Medium:
EAN:

CD
4260036250633


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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