> > > Mahler, Gustav: Symphonie Nr. 4 G-Dur
Samstag, 15. Dezember 2018

Mahler, Gustav - Symphonie Nr. 4 G-Dur

Luisi hat Mahler bedacht


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Angesichts der großen Konkurrenz an Aufnahmen von Mahlers 4. ist diese solide Einspielung dann doch eher von lokalem Interesse.

Beim MDR Sinfonieorchester denkt man, spätestens seit Fabio Luisi da ist, auch in Reihen und Zyklen. Das ist gut für die Bindung des Publikums und das ist künstlerisch wichtig, weil konsequent verfolgte Projekte in der Regel weiter bringen, als das übliche Stückwerk der Abonnementskonzerte. So ist neben einer Berlioz-Reihe und neben der verdienstvollen Einspielung der Sinfonien Franz Schmidts inzwischen auch die vierte CD mit Gustav Mahler erschienen. Fabio Luisi bringt diese mit seinem MDR Sinfonieorchester seit Anfang 2004 beim sächsischen Label querstand heraus. Sie alle spiegeln wieder, was Luisi in seinen Leipziger Jahren seit 1996 mit dem Klangkörper des MDR erreichen konnte, den Daniel Nazareth auf einem international indiskutablen Stand hinterlassen hatte.

Geordnete Übersicht

Die Tugenden des MDR Sinfonieorchesters liegen nicht unbedingt in einem groß aufblühenden, vollmundigen Klangbild. Wohl aber in einer übersichtlichen, klug ausbalancierten Orchestersprache. Nichts poltert oder scheppert hier, alles klingt wohl überlegt. Manchmal auch zu überlegt. Trotzdem: die Steigerungen sind handwerklich und technisch klug aufgebaut, erreichen ihren Höhepunkt durch Intensität und nicht durch Lautstärke. Die einzelnen Stimmgruppen klingen ausgeglichen, treten in den Dialog mit den anderen. Ein wenig Aufmüpfigkeit könnte manchmal nicht schaden, denkt man sich, doch dann überzeugt wieder die klare Struktur mit der hier unprätentiös die musikalische Linie vorangetrieben wird. Fabio Luisi und seine Musiker verlieren sich nicht in Abseitigem, sondern richten den Fokus auf das zentrale Geschehen der melodieseligen Partitur.

„Bedächtig, nicht eilen“ ist der erste Satz von Gustav Mahlers 4. Sinfonie in G-Dur überschrieben. Sehr wörtlich nimmt Luisi das und die übrigen Satzbezeichnungen und erreicht damit eine deutliche Transparenz des Orchesters, aber auch der kompositorischen Struktur. Starke Aufmerksamkeit widmet er zudem immer wieder der dynamischen Differenzierung, setzt Soli in Szene und lässt die Bläser dialogisieren. Mit leichter Hand scheint das inszeniert. Das hat einen großen, durchdachten Überbau – aber nicht immer den Blick für das Andersartige der Mahlerschen Sinfonie. So fehlt hinter aller Präzision und Überlegtheit der Interpretation auch der Mut zum Vordergründigen und zur Positionierung im großen Feld der Mahler-Interpretationen. Scherchens Modernität, Mengelbergs Qualität der Übersteigerung, Kubeliks spätromantische Sicht, Bernsteins Sinnlichkeit oder Gielens analytischer Avantgardeblick – um wahllos einige prominente Interpretationsansätze schlagwortartig zu benennen – sind tiefgründiger im Umgang mit dem Material und seinem Kontext. Solch überlegener Zugang fehlt Luisi mit den Musikern des MDRs. Luisi hat merklich gedacht und bedacht – aber das ist nur der halbe Weg.

Ohne Ironie

Als Idee scheint Luisis Interpretation deutlicher aus einem deutschen, wenig heiteren 19. Jahrhundert heraus gedacht, das von romantischer Ironie wenig gehört hat. Diese und klangliche Überraschung vermißt man auch im vierten Satz, in dem die Österreicherin Sandra Trattnigg mit dunkel-gemäßigtem Sopran zwar ordentlich und wortverständlich singt, aber die Zwischentöne leider nicht anklingen lässt. Die Sinfonie klingt nach ziemlich genau 60 Minuten ebenso präzise und unspektakulär aus, wie sie begonnen hatte.

Man kann sich schwungvollere Wiedergaben denken, ja wünschen, und die breiten Tempi mögen nicht nach jedermanns Geschmack sein. Auch weil sie die Bindungen der Phrasen nicht immer fließend erscheinen lassen. In den besten Momenten führt das jedoch zu einem kammermusikalisch geprägten Zusammenspiel. Was dabei allerdings fehlt ist die ganz große Klangsinnlichkeit, die dann wohl doch an den zwar akkurat aber wenig flexibel spielenden Streichern ihre Grenzen findet (3. Satz). Mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, der Luisi ab der Spielzeit 2007/08 als Generalmusikdirektor vorstehen wird, dürfte das dann anders klingen.

Es fehlt über die vier Sätze hinweg der markante, dramaturgisch gesetzte Bogen, der über dem geatmeten Bogen des musizierenden Orchesters steht. Sicherlich, das ist alles eigenständig und nahe am Notentext dirigiert und entwickelt. Doch eine packende Spannung erreicht die im September 2005 entstandene Aufnahme nur im Detail, nicht jedoch über die Gesamtarchitektur hinweg. - Angesichts der großen Konkurrenz an Aufnahmen von Mahlers 4. ist diese solide Einspielung dann doch eher von lokalem Interesse.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mahler, Gustav: Symphonie Nr. 4 G-Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
26.05.2006
EAN:

4025796006070


Cover vergössern

Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Querstand:

  • Zur Kritik... Mitteldeutsche Orgelromantik: Wer glaubt, dass die Orgelmusik sich zur Zeit der Romantik auf Mendelssohn-Bartholdy und Max Reger beschränke, wird hiermit eines Besseren belehrt. Außer Mendelssohn wurden drei andere, zumeist unbekannte Komponisten eingespielt. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Wenig innig: Weitgehend entschlackte Sichtweise auf einen Komponisten der musikalischen Romantik. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Lebendige Musikpflege: Eine runde und hochwertige h-Moll-Messe und ein lebendiges Abbild der engagierten und fruchtbaren Arbeit Michael Schönheits in Merseburg. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Querstand...

Weitere CD-Besprechungen von Uwe Schneider:

  • Zur Kritik... Beverly Sills' amerikanische Norma: Nach über 30 Jahren ist die Studio-'Norma' von Beverly Sills erstmals auf CD erhältlich. Eine Wiederbegegnung mit jener Zeit, die das Ende des Belcanto-Gesangs einläutete. Weiter...
    (Uwe Schneider, )
  • Zur Kritik... Sinfonische Märchenoper: Das Märchen vom Fischer und seiner Frau als spätromantische Oper mit starken sinfonischen Akzenten. Musikalisch überzeugend dargeboten in einem Mitschnitt aus dem Theater Aachen. Weiter...
    (Uwe Schneider, )
  • Zur Kritik... Kleine Oper um eine große Primadonna: Entdeckungswürdige, charmante Konversationoper um eine Primadonna des 18. Jahrhunderts, von Gabriel Pierné in kunstvolle, subtile Klangfarben gesetzt. Weiter...
    (Uwe Schneider, )
blättern

Alle Kritiken von Uwe Schneider...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Unspektakuläre Gesamtschau: Dass die Cembalomusik von Johann Joseph Fux nun umfassend auf einer preiswerten Doppel-CD erhältlich ist, darf man begrüßen. Über knapp 140 Minuten ist sie jedoch selten wirklich spannend. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Ein Meister: Ein Meilenstein für die Arcadelt-Rezeption: Nicht weniger ist diese Box von Ricercar. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ungebremst theatralisch: Rachel Podger und Brecon Baroque legen eine Aufnahme italienischer Geigensonaten vor, die man gehört haben sollte. Weiter...
    (Gero Schreier, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2018) herunterladen (4200 KByte) Class aktuell (4/2018) herunterladen (2986 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Kaiserin Josephine - Ich heiße Sie alle ganz herzlich willkommen!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich