> > > Antheil, George: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2
Dienstag, 21. November 2017

Antheil, George - Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Mit kontrolliertem Ungestüm


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Beckers Stunde schlägt vor allem in den beiden Klavierkonzerten von 1922 und 1926.

Er nannte sich selbst ‚bad boy of music’, George Antheil, dieser Koketterie-Großmeister unter den Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er spielte fortwährend im Sandkasten der Musikgeschichte, rieb sich hier ein bisschen Strawinsky-Sand in die Augen, stolperte dort über eine Debussy-Burg und geriet mehr als einmal ganz gerne in eine Keilerei mit den Erbschleichern des 19. Jahrhunderts. Ja, dieser Antheil war ein ungezogener Bengel, weil er nie das tat, was man von ihm erwartete, weil er immer dann flink aus einer Schublade heraussprang, sobald ihn jemand darin auf ewig ablegen wollte. Rotzfrech malträtierte er sein Publikum mit Maschinen im Symphonieorchester, kruden Klavierkonzerten und perkussiven Klaviersonaten, deren oberste Prämisse nicht die Methode, sondern das Experiment war. George Antheil tobte sich aus wie ein kleiner Junge, der er immer blieb. Er wurde nie erwachsen. Welch glücklicher Umstand für einen Komponisten! Die rührigen Leute von cpo, gepriesen seien sie, dokumentieren stetig das musikalische Tagebuch dieses ewig Pubertierenden. Die NDR Radiophilharmonie hat unter der Leitung von Eiji Oue einen neuen Silberling mit Musik von Antheil vorgelegt. Dieses Mal die beiden Klavierkonzerte und die Jazz Symphony. Markus Becker hat den Klavierpart übernommen und steuert zusätzlich noch Antheils Sonaten und weitere Klavierstücke von George Antheil bei.

Skandale zum Wohle der Musikgeschichte

Hätte es Antheil nicht gegeben, vielleicht wären andere zur Stelle gewesen, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Traditionen auf ähnliche Weise auf den Kopf gestellt hätten. So radikal jedoch konnte das nur Antheil, und sein – Achtung Wortwitz – Anteil daran geschah indessen relativ unbewusst. Er schrieb, was ihm in den Sinn kam. Und das mischte die Musik im 20. Jahrhundert denn doch gehörig auf. Seine 1927 uraufgeführte Jazz Symphony, für 22 Instrumentalisten geschrieben, collagen- und rondoformartig, zählt zu den wichtigsten Beiträgen zur Gattung Symphonie im 20. Jahrhundert. 1955 konventionalisierte Antheil die Symphonie und richtete sie für ein Symphonieorchester ein. In dieser Fassung ist das Stück auf dieser Aufnahme zu hören. Oue arbeitet das Plastische des Collagenhaften mit der NDR Radiophilharmonie explizit heraus. Die Schichtung rhythmischer Parameter kommt hier außerordentlich gut zur Geltung, nicht zuletzt aufgrund der Mitwirkung von Markus Becker, dessen Anteil an Antheil hier kompositionsgebunden beschränkt bleibt.

Beckers Stunde schlägt vor allem in den beiden Klavierkonzerten von 1922 und 1926. Das Neoklassizistische am zweiten Klavierkonzert basiert lediglich auf melodischen Formeln, die auf die reine Geste reduziert werden, das erste ist eine überaus kecke Verbeugung vor Igor Strawinsky. Markus Becker ist der Referenz-Pianist für Antheils Klavierkonzerte. Vielleicht mag das verwundern angesichts seiner Gesamteinspielungen von Max Regers Klavierwerk, zeugt aber umso mehr von der Wandlungsfähigkeit dieses Pianisten. Kraftvoll, aber nicht angestrengt setzt sich Becker mit seinem Part auseinander und ihm gerät unter seinen Händen ein Schwingen und eine tiefgehende Leichtigkeit, die so frisch ist, als sei die Tinte, mit der Antheil seine Musik schrieb, noch nicht trocken. Markus Becker geht gleichsam mit kontrolliertem Ungestüm ans Werk. Das setzt sich dann übrigens auch in den Solo-Klavierwerken fort. Dass in den Klavierkonzerten technische Brillanz und rhythmisch-dynamisches Zusammenwirken mit der Radiophilharmonie eine kaum zu überbietende Stringenz erfahren, macht diese Einspielung zu einer Referenzaufnahme. Oue leitet aus der Faktur des Orchesters sämtliche Schärfen, Kantigkeiten, spröde und krude Episoden ab, unterstreicht sie und fördert damit den großen Zug, der sich zwangsläufig einstellt, wenn ein Orchester, wie hier geschehen, in allen Registern äußerste Konzentration und zugleich Spielwitz einbringt.

Die Tontechnik hält ein ausgewogen rundes Klangbild parat, in Höhen und Tiefen bestens austariert. Sollte es jemals einen Preis für beste Booklettexte geben, so hätte ihn Eckhardt van den Hoogen längst verdient. Selten, nein, nie bekommt man anderswo solch witzig-spritzige und zugleich fundierte Einführungstexte zu lesen, die schlichtweg Spaß machen.

Unbedingt anhören, unbedingt lesen. Eine Referenzeinspielung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Antheil, George: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.12.2005
EAN:

0761203710928


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Antheil, George


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Dirigent(en):Oue, Eiji
Orchester/Ensemble:NDR Radiophilharmonie
Interpret(en):Becker, Markus


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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