> > > Denhoff, Michael: Hauptweg und Nebenwege
Dienstag, 21. November 2017

Denhoff, Michael - Hauptweg und Nebenwege

Magnum opus


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Man sollte sich die Zeit nehmen, das Stück ohne Pause zu hören. Es ändert den Rhythmus, eine Bußübung fast, eine Meditation.

Seltsam fremd steht ,Hauptweg und Nebenwege’ in unseren Tagen, gleichsam ein Werk, das den Rhythmus eines anderen Ortes, einer anderen Zeit atmet. Da ist zum einen die Ausdehnung, fast 160 Minuten, ungewohnt, ein Verlangen, Einhalt zu gebieten, eine Forderung, sich Zeit zu nehmen und sich einzulassen. Zum anderen der Klang: keine komplexen Rhythmen, kein eigenes harmonisches System, keine Klangflächen, keine Arbeit mit Klangfarben, kein Entdecken der Stille. Dass es ohne Besonderes ist, ist nicht das Besondere des Stückes, es hat etwas anderes Besonderes, das gerade aufgrund der Abwesenheit des Besonderen zum Vorschein kommt.

Morton Feldman?

Viele Aspekte erinnern an Morton Feldman. Die Ordnung in kurzen Abschnitten, ,pattern’ heißen sie bei Feldman, die wieder kehren und verändert werden, bei Denhoff jedoch deutlicher und reicher als bei Feldman. Der Gestus ist oft fragil, die Klänge getupft. Kleine Miniaturen, die auch einen Gedanken an Anton Webern evozieren. Dann ein deutlicher Bezug in den Zitaten, die, für den Zuschauer unsichtbar, aber gedruckt im Booklet, in die Partitur geschrieben sind. Abschnitt II, 7: ,to and fro in shadow from inner to outer shadow’, Samuel Beckett, aus dem Libretto für Feldmans Oper ,Neither’. Und natürlich die Dauer, hier kann sich das Stück ohne weiteres mit den späten Werken Feldmans messen. Dennoch ist Denhoff kein Feldman-Epigone, hat er seinen eigenen Stil, der jedoch bisweilen frappierend den Geist der Zwanziger Jahre heraufbeschwört. Viele musikalische Zitate sind kaum noch erkennbar, Alban Berg, Franz Schubert, Bernd Alois Zimmermann, Gustav Mahler ...

Quintessenz

Viele Stücke Michael Denhoffs verweisen im Titel auf andere Künste. Aus der Dichtung werden genannt Beckett, Celan, Rimbaud, Verlaine, Mallarmé, aus der bildenden Kunst Dürer, Goya, Kandinsky, Klee und in der Musik sind es Mahler, Bartók, Bach, Berg, Händel usw. Zudem äußert sich Denhoff gern in der Art eines musikalischen Tagebuches. Das ,Klangtagebuch’ vereint 366 Klänge für ein Jahr, ,Hebdomadaire’ ist ein Klavierzyklus aus 52 Stücken, und die in zwölf Teile geteilten ,Hauptweg und Nebenwege’ enthalten für jeden Tag einen Abschnitt: Teil I hat 31 Abschnitte, Teil 2 hat 28 usw. Vorn auf dem Cover ist das namensgebende Bild Paul Klees abgebildet. Die farbigen Felder, die zusammengesetzt die Wege bilden, finden quasi ihre Entsprechung in den ,pattern’, die im Muster ihres Auftauchens nicht nur die Tage, sondern auch die größeren Teile markieren. ,Hauptweg und Nebenwege’ ist mit seiner Form, seinen Anspielungen und Zitaten eine Quintessenz aus Denhoffs Schaffen, sein ,magnum opus’. Man sollte sich die Zeit nehmen, das Stück ohne Pause zu hören. Es ändert den Rhythmus, eine Bußübung fast, eine Meditation.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Denhoff, Michael: Hauptweg und Nebenwege

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
col legno
2
18.05.2005
157:16
EAN:
BestellNr.:

4099702002920
COL 20029


Cover vergössern

Denhoff, Michael


Cover vergössern

Interpret(en):Wollenweber, Birgitta


Cover vergössern

col legno

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

col legno - new colors of music


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag col legno:

  • Zur Kritik... Phänomenale Klangwirkungen: Eine neue Produktion des Labels col legno befasst sich mit einer Auswahl von elektroakustischen Kompositionen aus den Jahren 1957 bis 1986 und kleidet sie - den Voraussetzungen der heutigen Technologie entsprechend - klanglich neu ein. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Mahler in neuer Deutung: Franui versammelt auf dieser CD sehr eigenwillige Werke nach Liedern Gustav Mahlers. Weiter...
    (Fabian Bell, )
  • Zur Kritik... Vokale Kunststückchen: Aus sich selbst heraus vermitteln sich die außergewöhnlichen Mouthpiece-Kompositionen der Vokalartistin Erin Gee. Weiter...
    (Jasemin Khaleli, )
blättern

Alle Kritiken von col legno...

Weitere CD-Besprechungen von Patrick Beck:

  • Zur Kritik... Quartett trifft Human Beatboxing: Zweite CD des polnischen Quartetts Kwartludium. Kwartludium spielt die hier vorgestellten Kompositionen genau, sorgfältig, mit viel Liebe, atmosphärisch und vor allem überaus lebendig. Weiter...
    (Patrick Beck, )
  • Zur Kritik... Unsuk Chin wieder aufgelegt: Das Ensemble Intercontemporain spielt Werke von Unsuk Chin - auch in Wiederauflage eine tolle Aufnahme. Weiter...
    (Patrick Beck, )
  • Zur Kritik... Edgar Varèse in Salzburg: Ein kostbares Dokument der Salzburger Festspiele 2009 mit Kompositionen Edgar Varèses. Weiter...
    (Patrick Beck, )
blättern

Alle Kritiken von Patrick Beck...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Eigenes in Eigenem: Die Pianistin Sabine Liebner überzeugt mit einer klugen und durchdachten Anordnung von Klavierstücken Mauricio Kagels. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Stillstellung der Zeit: Die neueste Produktion des Organisten Dominik Susteck bringt Werke mit ungewöhnlicher Zeitstruktur von John Cage und Toshio Hosokawa mit eigenen Orgelimprovisationen zusammen. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Schwermütiger Liebestraum: Von 'La Rondine' gibt es alles andere als zu viele Aufnahmen, weshalb diese Neuerscheinung eine wirklich willkommene und gelungene Ergänzung darstellt. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich