> > > Mariss Jansons - The Edition: Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons
Dienstag, 9. August 2022

Mariss Jansons - The Edition - Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons

Ehrendes Gedenken


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine außergewöhnliche Edition für einen außergewöhnlichen Dirigenten.

Am 01. Dezember 2019 verstarb Mariss Jansons. Zwei Jahre später hat der Bayerische Rundfunk zu seinen Ehren eine aufwendig produzierte, 70 Tonträger starke Gedenk-Box herausgebracht.  Konzeptionell ist damit genau das gelungen, was man sich von einem solchen Projekt idealerweise erhofft: Ein denkbar umfassender, repräsentativer Querschnitt durch die 16 Jahre seiner Amtszeit als Chefdirigent des BRSO, der das immense, vielschichtige Repertoire, das beide Seiten miteinander gepflegt und erarbeitet haben, eingehend beleuchtet.  

Respektvoller Austausch

Zwischen zwei exponierten Ereignissen spannt die Produktion den großen übergeordneten Bogen: Eingerahmt wird die Ausgabe von der ersten gemeinsamen Probe zu Berlioz‘ „Symphonie fantastique“ Ende Oktober 2003, bei der das Orchester Jansons mit der Münchner Stadthymne „Solang der alte Peter“ ein Willkommensständchen darbringt, und dem letzten gemeinsamen Konzert am 08. November 2019 in der New Yorker Carnegie Hall. Neben derjenigen zum Amtsantritt bieten zwei weitere Probenmitschnitte zu Strauss‘ „Till Eulenspiegel“ und Tschaikowskys Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64 Einblick in Jansons‘ Arbeitsweise mit dem Orchester, die auch in diesen Dokumenten hörbar von seinen musikalischen und menschlichen Prinzipien geprägt ist: Jansons verlangt viel, das aber stets im respektvollen, konstruktiven Austausch mit den Musikern. Vom diktatorischen oder despotischen Gebaren anderer Kollegen seiner Generation gab es bei Jansons nie auch nur eine Spur.

Besonders authentisch

Nicht weniger als 15 Neuveröffentlichungen hat die Box zu bieten, darunter so schwergewichtige Meilensteine wie die Komplettierung des Mahler-Zyklus, der damit (abgesehen vom Fragment der „Zehnten“) nun unter Jansons geschlossen vorliegt. Mit Mozarts Requiem gesellt sich nun zusätzlich zur BR-Klassik-Einspielung mit der Berliner Akademie für Alte Musik unter Leitung von Howard Armen eine weitere hochkarätige Aufnahme dieses Werks. Arvo Pärts „Berliner Messe“ (in Kombination mit Poulencs „Stabat Mater“) ist ein Beweis für Jansons‘ kompetentes Engagement auch für zeitgenössische Werke. Davon kann man sich auch in Werken von Johannes Maria Staud, Rodion Schtschedrin, Raminta Šerkšnytė, Jörg Widmann oder Giya Kancheli überzeugen mit denen der legendäre Beethoven-Zyklus aus Tokio flankiert worden ist. Besondere Authentizität erhält das Porträt durch die vielen Live-Aufnahmen. 11 Tonträger sind im SACD-Format technisch veredelt, mit Haydns „Harmoniemesse“ aus der imposanten Basilika Waldsassen und Schönbergs „Gurre-Liedern“ (sogar mit einer Werkeinführung!) zum 60-jährigen Jubiläum des BRSO aus der Philharmonie im Gasteig kann man auch zwei Konzerte auf DVD miterleben. Bei Schönberg kann man sich dabei – ebenso wie z.B. in Mahlers „Achter“, Respighis „Pini di Roma“ oder Strauss‘ „Alpensinfonie“ – davon überzeugen, dass Jansons das ganz große, monumentale symphonische Format ebenso souverän beherrschte wie die kleinere, intime Dimension etwa einer Haydn-Symphonie oder Ouvertüre. Sogar eine vollständige Oper ist mit Tschaikowskys „Pique Dame“ (in konzertanter Aufführung aus dem Gasteig) enthalten, darin beweist Jansons, dass er auch im Musiktheater zu Hause war. Last, but not least hat er – neben der genannten Haydn-Messe – auch kirchenmusikalische Werke emotional und spirituell tiefgreifend durchdrungen, exemplarisch zu hören in Schuberts Messe Nr. 2 G-Dur D 167 und Gounods „Cäcilienmesse“.

Diskographisches „Must-Have“

Insgesamt 75 Stunden Musik hält die Edition bereit. Ein Highlight herauszugreifen ist da schwierig bis unmöglich. Jansons‘ Beethoven-Zyklus hat ohnehin schon Kultstatus, auch Schostakowitsch gehört zu den Komponisten, zu denen er einen speziellen Bezug hatte. Die vorliegenden Interpretationen der „Leningrader“ sowie der Symphonien Nr. 5, 6 und 10 haben fraglos eine besondere Qualität. Allein schon insofern war Jansons hier ein herausragend berufener Exeget, als er u.a. Schüler von Jewgenij Mrawinsky war, der seinerseits Schostakowitsch nicht nur persönlich gekannt, sondern auch mehrere seiner Symphonien mit den Leningrader Symphonikern uraufgeführt hatte. Wenn einer wusste, wie Schostakowitsch geht, dann er, sein wertvolles Wissen hat er an Jansons direkt weitergegeben. Auch Brahms fühlte dieser sich besonders verbunden, nicht zufällig äußert sich sein Kollege Simon Rattle im Booklet über einen ganz speziellen Brahms-Moment mit Jansons. So ist es ein Glück, dass auch dieser Zyklus vollständig enthalten ist, und mit der e-Moll-Symphonie op. 98, die Jansons in seinem letzten Konzert mit dem BRSO aufgeführt hat, schließt sich denn auch der Kreis auf signifikante Weise. Aber auch sonst war Jansons‘ musikalische Ansprache stets fesselnd und direkt – genau das macht ihn als Dirigent und das Spektrum dieser Ausgabe in seiner Gesamtheit so besonders. Auf 72 reich bebilderten und eingehend illustrierten Seiten sind im Begleitbuch u.a. präzise Angaben und Aufnahmedaten zu sämtlichen Werken in systematischer Reihenfolge enthalten. Dazu gibt es persönliche Fotos und würdigende Beiträge, wie z.B. Thomas Hampsons warmherzige Laudatio anlässlich der Verleihung des „Ernst von Siemens-Musikpreises“ an Jansons im Jahr 2013. Ein Interview mit Jansons selbst ist ebenso darin zu finden wie eines mit dem zukünftigen Chefdirigenten Simon Rattle, der sich voll respektvoller Bewunderung über seinen Vorgänger und dessen musikalische Lebensleistung äußert.

Entsprechend eindeutig lautet das Fazit: Adäquater kann man eines der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts kaum gedenken. Ein „Must-Have“ für alle Jansons- und BRSO-Fans – und für alle, die es werden wollen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Thomas  Gehrig Kritik von Thomas Gehrig,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mariss Jansons - The Edition: Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
BR-Klassik
70
04.11.2021
999:99
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4035719002003
900200


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"MARISS JANSONS · THE EDITION Mariss Jansons war einer der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit; er wurde weltweit gefeiert und hoch verehrt. Mariss Jansons – The Edition dokumentiert auf 70 Tonträgern in einer Box im repräsentativen LP-Format sein Engagement als Chefdirigent von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, der langjährigen letzten Station seines Lebens- und Berufsweges, in der Zeit von 2003 bis 2019. Überwiegend Live-Aufnahmen aus München, Tokyo, Wien, New York, Waldsassen und dem Vatikan ermöglichen es den Hörerinnen und Hörern, ebenso bewegende wie mitreißende musikalische Höhepunkte selbst klanglich zu erleben. Die 70 Discs (davon 15 Werke zum ersten Mal im Handel auf CD erhältlich), 11 SACDs und 2 DVDs beinhalten ein bemerkenswert vielfältiges Repertoire von der Sinfonik über große Chorwerke bis hin zur Oper, von der Wiener Klassik bis zur Neuen Musik. Mariss Jansons – The Edition umfasst Werke einer Vielzahl von Komponisten, darunter auch jeweils vollständige Zyklen der Sinfonien von Beethoven, Brahms und Mahler. Ergänzt wird sie durch hochinteressante Probenmitschnitte, die Zeugnis einer vertrauensvollen künstlerischen Zusammenarbeit mit den Orchestermusikern „auf Augenhöhe“ ablegen und ein großformatiges zweisprachiges 72-seitiges Booklet/Buch mit Hintergrundinformationen, Essays, einem Interview und ausführlichem Tracklisting. Mariss Jansons wurde von den Musikerinnen und Musikern „seines“ Orchesters geschätzt wie kaum ein anderer Dirigent, er wurde vom Münchner Publikum geliebt und von seinen Fans in den internationalen Konzertsälen von Tokyo bis New York verehrt. Das beiliegende Buch enthält u.a. die Laudatio von Thomas Hampson anlässlich der Verleihung des Ernst von Siemens Musikpreises 2013, einführende Texte, ein Interview „Der Taktstock“, Künstlerbiographien in englischer und deutscher Sprache, umfangreiches Bildmaterial sowie ein ausführliches Tracklisting, teilweise mit erläuternden Texten zu den Aufnahmen und Mariss Jansons Beziehung zu den Werken. Vollständige Zyklen der Sinfonien von Beethoven, Brahms und -erstmals auch- Mahler. Etliche Mitschnitte werden erstmals in dieser Box veröffentlicht: Bruckner: Messe Nr. 3, Mahler: Symphonien Nr. 3, 4, 6 und 8, Mozart: Requiem, Schostakowitsch: Konzert für Klavier und Trompete & Symphonie Nr. 9 sowie die beiden Zusammenstellungen mit Pärts Berliner Messe, Poulencs Stabat mater und Stravinskys Psalmensymphonie sowie Tschaikowskys Romeo und Julia, Strawinskys Feuervogel und Varèses Amerique. „Dirigenten bei der Probe“ - Proben-Mitschnitte Mariss Jansons Erläuterungen in deutscher Sprache; inklusive seiner Antrittsrede bei der ersten Probe mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Berlioz’s Symphonie fantastique, Proben für die Konzerte am 23. und 24. Oktober 2003 in der Philharmonie im Gasteig, München. Ganz unmittelbar ist mitzuerleben, wie die Wünsche und Anweisungen des Dirigenten umgesetzt werden, wie seine Erläuterungen und sein Temperament das Klangergebnis verändern und welche Gedanken hinter der Werkdeutung stehen. Dank dieser einmaligen Aufzeichnungen kann die besondere Zusammenarbeit zwischen Mariss Jansons und dem BRSO dokumentiert werden."


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter der Marke BR-KLASSIK seit 2009 den Musikfreunden angeboten. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 200 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO), das Münchner Rundfunkorchester, der Chor des Bayerischen Rundfunks sowie die Konzertreihe musica viva genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden auf BR-KLASSIK - dem hauseigenen Label - dokumentiert.

Die Reihe BR-KLASSIK WISSEN liefert spannende Werkeinführungen und Hörbiografien mit vielen Hintergrundinformationen und Musikbeispielen. 

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Berater geleitet. Mit ihm konnte der Bayerische Rundfunk einen erfolgreichen, externen Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Spotify u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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