> > > Symphonieorchester des BR, Otto Klemperer: Werke von Brahms und Haydn
Montag, 3. August 2020

Symphonieorchester des BR, Otto Klemperer - Werke von Brahms und Haydn

Das alternative Brahms-Erlebnis mit Otto Klemperer


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bevor Otto Klemperer die Brahms-Symphonien für EMI in London im Studio einspielte und damit einen Meilenstein der Brahms-Diskografie schuf, dirigierte er die Vierte 1957 live in München. Jetzt wurde der Mitschnitt neu remastered auf CD veröffentlicht.

Der Grund, warum ich diese CD haben wollte, war die Aufnahme von Brahms‘ 4. Symphonie in e-Moll, ein Live-Mitschnitt aus dem Münchner Herkulessaal vom September 1957. Denn: Der Otto-Klemperer-Brahms-Zyklus, der ab 1961 für EMI entstand, ist für mich nach wie vor das größte symphonische Brahms-Erlebnis überhaupt. Weil da die Musik mit einer radikalen Sachlichkeit als architektonisches Gebilde erfahrbar wird, das aufregend modern klingt und immer wieder brutal in den Einzelmomenten aufeinander und gegeneinander kracht, weit entfernt von jeglicher ‚Romantik‘. Bei EMI wird das Ganze vom Philharmonia Orchestra in London mit scharfer Attacke gespielt, hier nun dirigiert Klemperer ein paar Jahre zuvor das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Die Resultate sind sehr verschieden, nicht weil das BR-Orchester besser oder schlechter spielt, sondern vor allem weil die Akustik mit einem leichten Hall der Klemperer-Interpretation die knallharte Radikalität nimmt und sozusagen weicher klingen lässt. Dazu kommt, dass der Münchner Klangkörper insgesamt einen wärmeren Sound produziert, zumindest so wie er hier von den Tontechnikern eingefangen ist. Und die Mikrophone lassen die Musik nicht so direkt wirken, sondern mit größerem (auch emotionalem) Abstand. Das ist nicht ohne Reiz, vor allem als Vergleich zu der EMI-Studioaufnahme. Aber an deren Maßstäbe setzende Qualitäten kommt dieser Live-Mitschnitt nicht heran. Was dazu führte, dass mich unverhofft die Aufnahme von Haydns Symphonie Nr. 101 ('Die Uhr') am meisten beeindruckte. Warum hier Brahms mit Haydn kombiniert wird, bleibt das Geheimnis der BR-Klassik-Verantwortlichen. Denn der Mitschnitt entstand ein Jahr zuvor, im Oktober 1956, ebenfalls im Herkulessaal. Er war also nicht Teil des Brahms-Abends (da gab es Bach und Strawinsky als weitere Komponisten).

Unerhörte Leichtigkeit

Mit der kleineren Orchesterbesetzung stört der dezente Hall nicht, und die Haydn-Musik kommt mit einer unerhörten Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit herüber, die ich auch bei anderen großen Brahms-Dirigenten bewundert habe, die sich Haydn widmeten, etwa Leonard Bernstein und Günter Wand (der hat Haydn des Öfteren seinen Bruckner-Abenden vorangestellt und dann das Finale als Zugabe vor der Pause wiederholt). Der Münchner Haydn-Klang ist weit entfernt von dem, was man heute unter ‚historisch informierter Aufführungspraxis‘ versteht, aber auch diese Art der 1950er-Jahre-Interpretation ist ‚historisch‘ und so wie hier zu hören ein wunderbares Erlebnis. Besonders das ‚tickende‘ Andante ist eine Freude und wird vom Orchester mit spürbarer Liebe gespielt, ohne je dick aufzutragen (was bei Brahms öfter der Fall ist).

Das Remastering von Marie-Josefin Melchior ist hervorragend, kann aber nichts daran ändern, dass bei Brahms der EMI-Studioklang unmittelbarer ist. Das Live-Erlebnis ist – interessanterweise – nicht das wirkungsvollere Erlebnis. Trotzdem ist dies ein wichtiges Dokument in der Klemperer-Diskografie.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Symphonieorchester des BR, Otto Klemperer: Werke von Brahms und Haydn

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
1
28.06.2019
070:10
1956
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719007176
900717


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Brahms, Johannes
Haydn, Joseph


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"OTTO KLEMPERER DIRIGIERT HAYDN UND BRAHMS Otto Klemperer war einer der bedeutendsten deutschen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Nach seiner Rückkehr aus der Emigration leitete er als Gastdirigent einige der wichtigsten deutschen Orchester – auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Eine Chefdirigentenposition in seinem Heimatland nahm er jedoch nicht wieder an: mit Nachkriegsdeutschland fremdelte er; außerdem war er bereits hoch betagt und gesundheitlich angeschlagen. – Im April 1956 stand Klemperer erstmals am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks: es war das Debüt eines fast Einundsiebzigjährigen. Bis Mai 1969 sollte er in München an insgesamt elf Abenden dirigieren: fünf Programme fanden im Rahmen der Abonnementskonzerte statt (mit jeweils zwei Aufführungen), außerdem leitete er ein Sonderkonzert mit Kompositionen von Mendelssohn. Sein Repertoire reichte vom Barock über Klassik und Romantik bis hin zur zeitgenössischen Musik: von Bach über Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Bruckner und Mahler zu Strawinsky. Das Publikum war stets ebenso begeistert, wie die Fachkritik. Die euphorischen Rezensionen betonten die „höchste Vollendung“ der Interpretationen; man war sich bewusst, dass – aufgrund des hohen Lebensalters des Dirigenten und seines gesundheitlichen Zustandes – die Münchner Konzerte „das Siegel des Unwiederholbaren“ trugen, dass sich „diejenigen, die das Glück hatten, diese Konzerte zu hören, ihr Leben lang daran erinnern würden“. Auf der neuen CD von BR Klassik sind Klemperers Interpretationen von Haydns Symphonie Nr. 101 „Die Uhr“ (aufgenommen in den Konzerten am 18. und 19. Oktober 1956) und von Brahms’ vierter Symphonie (aufgenommen am 26. und 27. September 1957) zu erleben. (Zwischen Oktober 1956 und September 1957 war der Dirigent nicht in München aufgetreten.) – Beide Werke zählen zum Kernbestand des klassischen und romantischen symphonischen Konzertrepertoires, mit dem Klemperer wie sein Münchner Klangkörper aufs Beste vertraut waren. Die Aufnahmen – nach Originalaufnahmen neu gemastert – dokumentieren das interpretatorische Können einer großen Dirigentenpersönlichkeit am Pult eines der besten Orchester des 20. Jahrhunderts. Sie befriedigen längst nicht nur historisches Interesse, sondern sind auch für die Ohren heutiger Musikliebhaber überzeugend und packend musiziert."


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 150 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm konnte der Bayerische Rundfunk einen erfolgreichen, externen Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Spotify u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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