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Freitag, 7. Oktober 2022

Balfe, Michael William - Satanella

Romantisches Opern-Absurdistan mit Ohrwurm-Garantie


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vorliegende Naxos-Einspielung von Balfes 'Satanella' ist hoffentlich nur ein Startschuss, wenngleich ein äußerst gelungener, für Folge-Produktionen, in denen sich illustre Solisten die dankbaren Rollen greifen.

Die Opern von Michael William Balfe konnten ihre einstige Popularität nicht ins nächste Jahrhundert retten, obwohl sie im 19. Jahrhundert in England zu den unangefochtenen Publikumserfolgen zählten. Für hartgesottene Opernfans ist vielleicht gerade noch Balfes 'The Bohemian Girl' ein Begriff, zumindest mit der durch Joan Sutherland wiederbelebten Arie 'I dreamt I dwelt in marble halls', die in jüngerer Zeit auch Elina Garanca in ihr Album "Habanera" integrierte. Ansonsten ist es um Balfe noch immer ziemlich ruhig – zu Unrecht, wie die Ersteinspielung seiner Romantischen Oper 'Satanella', die im Juli 2014 in Manchster für das Label Naxos entstanden ist, beweist.

Zu verdanken ist diese Ausgrabung freilich dem renommierten Dirigenten Richard Bonynge, der als Spezialist für die Opern des 19. Jahrhunderts gelten darf. Schon seit vielen Jahren sammelt Bonynge Klavierauszüge von vergessenen Opern der englischen Romantik und setzt sich auch immer wieder für Michael William Balfe ein. Auf diversen Solo-Alben, die unter Bonynges Leitung stehen, finden sich einzelne Arien des irischen Komponisten. Nun hat der Dirigent die einst so populäre 'Satanella' aus dem Jahr 1858 neu editiert und mit einem entdeckerfreudigen Ensemble eingespielt.

'Satanella' klingt schon nach dämonischer Schauerromantik: Ein weiblicher Teufel wird auf ein Liebespaar angesetzt, um dem Dämon Arimanes eine weitere Menschen-Seele zu liefern. Doch diese Satanella verliebt sich in ihr Opfer. Allerhand absurde Verwicklungen von eifersüchtigen Nebenbuhlerinnen, Teufelspakten in der Familiengeschichte bis hin zu Piraten-Entführungen und Sextetten auf dem Sklavenmarkt sind letztlich die Folie für einen unterhaltsamen Opernabend, der alles bietet, was die Bühne kann: Blitze fahren vom Himmel und entlarven die Satansbraut, Dämonen erscheinen in gruseligen Bibliotheken und am Ende siegt die Macht der Liebe mit dem unvergleichlichen Theatercoup, dass Satanella die Fronten wechselt und vom Dämon zum Engel wird. Zugegeben, das ist alles reichlich krude, aber in keinem Moment langweilig. Wer an Meyerbeers 'Robert le Diable' seine Freude hat, der kann es kaum erwarten 'Satanella' in einer szenischen Produktion zu erleben.

Und Balfes Musik steht dem melodischen Einfallsreichtum einer Bellini- oder Donizetti-Oper in keinster Weise nach. Das oft erklingende 'Power of Love'-Motiv geht einem schon nach erstmaligem Hören stundenlang nicht mehr aus dem Kopf. Ebenso graben sich das Sextett im dritten Akt und die süffigen Balladen ins Ohr. Kurz: 'Satanella' ist eine Fundgrube für das nächste Opernwunschkonzert. Und Richard Bonynge hat hörbare Freude, diese lange zum Schweigen verurteilten Melodien wieder klanglich erfahrbar zu machen. Das Victorian Opera Orchestra legt sich herrlich süffig ins Zeug, ohne in die Kitsch-Falle zu treten. Auch das Libretto böte unzählige Anlässe, einen parodistischen Zugang zu 'Satanella' zu betonen, doch ein Belächeln von Balfes Operndramatik verbietet sich bei Bonynges unbedingter und liebevoller Ernsthaftigkeit, mit der er das Werk belebt. Diese Mischung aus großem Operngestus und federnder Leichtigkeit ist vielleicht das Verblüffenste an dieser Einspielung. Auf der einen Seite hört man Gilbert & Sullivan im Hintergrund anklopfen, auf der anderen Seite schmachtet belkanteske Schönheit im Liebesrausch aus den Lautsprechern.

Die John Powell Singers gehen mit großem Engagement zu Werke, sind aber in den hohen Frauenstimmen kein Aushängeschild für Klangschönheit. Dafür gibt es bei den Solisten keine Ausfälle, sondern viel hörbare Sangesfreude. Der Bariton Quentin Hayes ist eine relativ prominente und stimmstarke Besetzung für die Partie des Hortensius. Als leidgeprüfter Graf Rupert kommt der chinesische Tenor Kang Wang mit klangschönem Timbre zum Einsatz. Die Höhen der in der Tessitura wirklich unbequemen Partie attackiert Kang Wang leider mit ziemlich viel Kraft und auch seine Textbehandlung muss sich der wohl angestrebten Klangvorstellung unterordnen. Letztlich gelingt ihm aber eine glaubhafte Darstellung mit leicht heldischer Färbung.

Auch Sally Silver kann in der dämonischen Titelpartie überzeugen. Ihr silbrig klarer Sopran passt wunderbar zu den lyrischen Passagen, wie vor allem der Arie 'The Power of Love'. Dramatischere Farben gehen zu Lasten der Stimmqualität, Spitzentöne kosten hörbar viel Kontrolle und verhärten doch. So kommt die Sängerin in der großen Arie des zweiten Aktes an ihre Grenzen, weil ihr die nötige Souverönität fehlt, das Bravourstück wirklich als solches wirken zu lassen. Dennoch bleibt die oft geforterte Lyrik der Partie dem Hörer im Gedächtnis haften, die Sally Silver mit viel Zärtlichkeit, Persönlichkeit und Charme vermittelt.

Aus dem übrigen Ensemble seien noch der dämonische Arimanes von Trevor Bowes mit Gruselpotenzial, die souveräne Lelia von Catherine Carby und der ungemein stimmschöne und elegante Karl von Anthony Gregory erwähnt, der zwar als Bariton angekündigt ist, aber doch wohl eher tenorale Qualitäten zu verbuchen hat. Elizabeth Sikora als Lady, Christine Tocci als eifersüchtige Stella und Frank Church als Piratenanführer Bracaccio komplettieren die abenteuerlustige Sängerriege.

Die vorliegende Naxos-Einspielung von Balfes 'Satanella' ist hoffentlich nur ein Startschuss, wenngleich ein äußerst gelungener, für Folge-Produktionen, in denen sich illustre Solisten die dankbaren Rollen greifen. Und manche Träume sind bereits jetzt dazu verdammt, Träume zu bleiben: Joan Sutherland als Satanella – das wär's gewesen...

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Balfe, Michael William: Satanella

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
25.03.2016
Medium:
EAN:

CD
730099037877


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Balfe, Michael William


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Naxos

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