> > > Chopin, Frédéric: Frühe Klavierwerke
Sonntag, 27. Mai 2018

Chopin, Frédéric - Frühe Klavierwerke

Blick in die Schatzkammer


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Costantino Mastroprimiano widmet sich dem frühen Schaffen Chopins auf einem historischen Flügel. Das Ergebnis spricht für sich: Klarheit, Durchhörbarkeit, helle Klangfarben.

Auch anlässlich der Chopin-Jahre 2009/2010 wird das Schaffen des Komponisten merkwürdigerweise auf Tonträger bislang nur wenig von Interpreten der Alten Musik-Szene gesucht. Dies ist umso überraschender, als jeder, der Chopin einmal auf einem Instrument seiner Zeit gehört hat, das Symbiotische zwischen Musik und Instrument nicht mehr leugnen kann. Natürlich ist eine beeindruckende Interpretation nicht notwendigerweise von der Wahl des ‚richtigen‘ Instruments abhängig, doch weht ein Hauch vom Geist der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts über den Interpretationen auf dem Hammerklavier und verleiht so eine zusätzliche Komponente, die ‚moderne‘ Interpretationen nicht aufbieten können (oder wollen und damit die Musik zu ‚zeitgenössischer’ Musik machen).

Costantino Mastroprimianos Wahl der Klavierstücke für diese CD ist eine ganz eigene. Konsequent wählt er ausschließlich Musik, die in den Jahren 1821–1829 entstand, also zwischen Chopins zehntem und zwanzigstem Geburtstag. Da findet sich keiner der berühmten ‚Schlager‘, vielmehr Kompositionen, die stets im Schatten der späteren Meisterwerke gestanden haben. Die früheste Komposition auf der CD ist eine noch in Polen entstandene Polonaise As-Dur aus dem Jahr 1821, ein reizendes kleines Stück des Zehn- oder Elfjährigen. Mastroprimiano wählt hier bewusst etwas freie Agogik, die aber bei diesem frühen Stück eher unbeholfen denn intentionell wirkt (man stelle sich vor, man wolle auf die Musik tanzen). Viele Übergänge gestaltet er aber äußerst präzise und zeigt damit, dass er keineswegs vom Blatt spielt. Mastroprimiano musiziert diesmal auf einem Wiener Hammerflügel von Conrad Graf aus dem Jahr 1826 aus dem Besitz der Familie Contucci in Montepulciano, einem Instrument mit silbrigem, intimem, feinem Klang, doch mag die Stimmung des Instruments nicht ganz nach jedermanns Geschmack sein – ein wenig ‚blechern‘ klingt es gelegentlich (durch die Stimmung?), woran man sich aber schnell gewöhnt. In dem Rondo c-Moll op. 1 von 1825 klingt der Hammerflügel in Momenten gar einen Hauch trocken, doch eben dies spiegelt viel stärker als viele moderne Instrumente die Eigenheiten der Musik der Zeit und verleiht gerade diesen Jugendwerken besonderen Charme; außerdem ist selbst im virtuosesten Passagenwerk Durchhörbarkeit garantiert. Außerdem bietet das Instrument bei Bedarf harfengleiche Raffinesse: Dass diese Werke für den privaten Salon und nicht für den Konzertsaal gedacht waren, spiegelt sich in jedem Ton.

Ob in den beiden kurzen Mazurken G-Dur und B-Dur, der Polonaise b-Moll oder dem Rondo à la Mazur F-Dur op. 5 – Mastroprimiano findet eine riesige Menge an Farben für diese Miniaturen des Teenagers, der 1826 von der Mittelschule an das Warschauer Konservatorium wechselte, wo er 1829 sein Studium abschloss. Die Gruppierung auf der CD macht Chopins Entwicklung offenkundig – das Rondo à la Mazur etwa ist ein enormer Schritt vorwärts nach den vorgenannten Werken, und nicht ganz zu Unrecht fragt sich der Bookletautor, warum Chopin die drei Polonaisen aus den Jahren 1827–1829 nicht selbst mit einer Opuszahl versah (die Nennung als Opus 71 geschah erst posthum); eine Polonaise Ges-Dur lässt sich den drei genannten Werken gleichberechtigt zur Seite stellen.

Ein Schmunzeln werden die Variationen ‘Souvenir de Paganini’ über das bekannte neapolitanische Lied ‘La Ricciolella’ in den Warschauer Salons ausgelöst haben – ein wenig sentimental, virtuos und voller Charme. Mastroprimiano endet mit einer Rarität – dem Klavierauszug von ‘Casta Diva’ aus Bellinis ‘Norma’, der für einen Konzertvortrag mit Pauline Viardot-Garcia entstand. Doch muss man sich fragen, ob in diesem letzten Track nicht eine Sängerin, und eine hochkarätige dazu, hätte hinzutreten sollen. Ohne die Singstimme wirkt die Transkription, die insgesamt handwerklich gut gemacht ist (aber auch nicht mehr), merkwürdig zahm und ein wenig enttäuschend. Ein überraschend umfangreiches Booklet (16 Seiten, wenn auch nur auf Englisch) zeigt, dass selbst ein Billiglabel nicht unbedingt immer an falscher Stelle spart. Äußerst natürlicher Klang komplettiert eine rundum gelungene Produktion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Chopin, Frédéric: Frühe Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
07.05.2010
EAN:

5028421940663


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