> > > Verdi, Giuseppe: Otello
Montag, 22. Oktober 2018

Verdi, Giuseppe - Otello

Dauerbrenner


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Wiederveröffentlichung von Verdis 'Otello' lohnt vor allem wegen der stattlichen Sängerbesetzung und der überzeugenden Regieleistung.

Als Giuseppe Verdi und Arrigo Boito den 'Otello‘ schufen, war beiden bewusst, dass sie eine neue Art Oper in Italien etablieren wollten. Die Revisionen von 'Simon Boccanegra‘ und 'Don Carlo‘ legten das Fundament – die Charakterisierung der Hauptrollen wurde tiefgründiger, im Grunde eine Art „Nervendrama“ ganz eigener Art und doch merkwürdig Strindberg und Ibsen verwandt. Diese Komponente hebt Graham Vick in seiner Inszenierung für die Mailänder Scala hervor, von der die letzten Aufführungen im Dezember 2001 vor dem Umbau des Hauses ab 2002 mitgeschnitten wurden, hervor – in einer zylindrischen, im zweiten Akt art-déco-mäßig vegetabil geöffneten, im vierten Akt verliesartig bedrückend wirkenden Konstruktion Ezio Frigerios ist die Handlung auf die drei Protagonisten konzentriert. Zwar sind Volks- und Chorszenen organisch integriert (im dritten Akt etwa diagonal aufgeschnitten, um zum einen den „Riss“ zwischen Otello und Desdemona zu symbolisieren, gleichzeitig auch um den Einfluss von außen hereinzulassen, der das Drama seinem unvermeidbaren Ende zutreibt), doch lenken diese wie die „supporting roles“ nicht von der zentralen Handlungsebene ab. Vick ist mit denkbar einfachen Mitteln eine scharf umrissene, gleichzeitig historisch angemessene und doch zeitlose Darstellung zu finden, die „regietheatrale“ Modernisierung nicht nötig hat. Auch ist es Vick gelungen, alle Mitwirkenden von der in Italien immer noch üblichen Unart des „Proszeniumssingens“ abzuhalten. Die Kostümdesignerin Franca Squarciapino kann sich bezüglich Farben und Texturen der Renaissancekostüme ausleben, dennoch hat man nie das Gefühl, museale Menschen zu erleben. Matthew Richardsons Lichtgestaltung tut ein Übriges, um das Konzept stimmig abzurunden.

In der Titelrolle Plácido Domingo, kurz nach seinem sechzigsten Geburtstag. Mit den Aufführungen verabschiedete sich Domingo von der Rolle, die er erstmals 1978 im Schallplattenstudio für James Levine aufgenommen hatte (Live-Mitschnitte existieren seit mindestens 1975). Die Meinung der Kritik über seinen Rollenzugang ist seit langem gespalten. Die einen bewundern seine starke Identifikation mit der Rolle, die er – insbesondere hier, nach jahrzehntelanger Erprobung – bis ins kleinste Detail ausgestalten kann, andere beklagen den letzten Funken Hingabe und Entäußerung, die für die Rolle essenziell sei. In der Tat ist Domingos schwächster Moment jener, als er von Desdemona gegenüber „furchterregend“ (so die Regieanweisung) das Taschentuch fordert, das diese verloren und das Iago für seine Intrige genutzt hat. Hier bleibt Domingo sowohl stimmlich als auch darstellerisch zahm, äußerst zahm sogar. Stimmlich, weil die Jahre nicht an spurlos an seiner Stimme vorübergegangen sind. Zwar ist er in den mittleren und auch in den mittleren Registern immer noch herrlich bei Stimme, vom Piano bis zum Mezzoforte, doch bei stärkeren Ausbrüchen, vor allem in der Höhe hat er viel von seinem Schmelz und seiner Überzeugungskraft verloren. Ganz ohne Frage klingt er für einen Sechzigjährigen immer noch phänomenal, und dass der jugendliche Glanz verloren ist, passt auch in gewisser Weise zu Vicks Konzept – „Otello fu“. – Darstellerisch mag Domingo in der Tat der schäumenden Wut eines Jon Vickers, eines Ramón Vinay oder anderer Rollenexponenten entbehren, doch hätte er sonst eine derart lange und erfolgreiche Karriere machen können, hätte er Raubbau an seiner Stimme betrieben (und dieser wäre bei einer expressiveren Lesart der Rolle unausweichlich gewesen)?

Ebenfalls fast sechzigjährig ist Leo Nucci. Nie mit so reicher Stimme begabt wie etwa Piero Cappuccilli oder so reicher musikalischer Phantasie wie Tito Gobbi, überzeugt Nucci doch auf ganz eigene Art. Iago muss nicht schön klingen – und doch ist Nucci bestens aufgelegt, besser als sonst gelegentlich, insbesondere im Trinklied überrascht er mit Brillanz und Präsenz. Iago muss überzeugend klingen, und überzeugend wirken. Und das tut Nucci auf beste Art. Natürlich singt er in seiner Muttersprache, hat selten in einer anderen Sprache gesungen, doch gerade hierdurch überzeugt er – er weiß, wovon er singt, er hat die Rolle intensiv studiert, hat offensichtlich langjährige Erfahrung in ihr. Sein Rollenporträt erweist, wieso er als einer der wichtigsten Verdi-Baritone der vergangenen zwanzig Jahre gelten muss.

Barbara Frittoli ist ein „acquired taste“. Manch einer mag sie, manch einer hat das Gefühl, sie stehe der Desdemona musikalisch und darstellerisch fern. Frittolis Stimme spricht im Piano gut an, ist geläufig und klangschön, besitzt aber bereits ab dem Mezzoforte eine Schärfe, die für die Desdemona kaum geeignet scheint. Den Rezensenten erinnert sie hier an die junge Felicity Palmer, die vom lyrischen Sopran zum dramatischen Mezzo wechselte und mittlerweile Klytämnestra singt. In ihrer Strahl- (und Stahl-)kraft liegt durchaus ein schöner Klang, und sie stellt die Desdemona zunächst als durchaus starke Frau dar, kein blondes Dummchen, als das die Rolle manchmal dargeboten wird. Gerade darum ist sie so überrascht von Otellos Charakteränderung. Dennoch kann man Frittoli nicht ganz abnehmen, dass sie sich eines Mannes nicht erwehren könnte. Wie gekünstelt sie das Gebet im letzten Akt darstellt (nicht singt), zeigt, dass ihr in der Tat die Rolle nicht ganz auf den Leib geschneidert ist.

Leider können die Ensemblemitglieder der Mailänder Scala musikalisch keinesfalls an diese drei Hauptfiguren heran, was sie umso stärker zu Nebenfiguren degradiert. Cesare Catani als Cassio bleibt sowohl darstellerisch (dritter Akt) als auch musikalisch (erster Akt) blass; Rossana Rinaldi legt die Emilia ganz als Stichwortgeberin an – bis sie in der letzten Szene endlich aus sich herausgeht und darstellerisch wie musikalisch zu überzeugen weiß. Giovanni Battista Parodi holt vielleicht am meisten aus der undankbaren Rolle des Lodovico heraus, ist gut bei Stimme und auch darstellerisch zumeist überzeugend. Der Chor der Scala beginnt überzeugend – gerade im ersten Akt zeigt er Konzentration und Überzeugungskraft, auch wenn Vick die Figurenregie bewusst eher gedämpft behandelt zu haben scheint, um die Hauptfiguren umso stärker in den Vordergrund zu holen. Nach der Pause allerdings versagt der Chor im III. Akt zunächst fatal, scheint sich erst wieder fangen zu müssen. Der Kinderchor der Scala und des Conservatorio Giuseppe Verdi im II. Akt ist charmant und präsent. Das Orchester bietet leider äußerst gemischte Leistungen – von bestens aufgelegt bis zu kleinstädtisch ist alles zu hören – man wundert sich, dass Riccardo Muti, ein so auf das Detail versessener Dirigent, keine konsistentere Leistung hat hervorkitzeln können. Insgesamt jedoch überzeugt Muti – seine Tempi scheinen „richtig“, unaufgesetzt, dem Werk untergeordnet, im allerbesten Sinne kapellmeisterlich.

Die DVD war bereits 2003 bei TDK erschienen, hier erscheint sie unverändert, weiterhin ohne Extras (nur mit Untertiteln), das Booklet überschaubar, aber informativ. Bildregie (Carlo Battistoni) und Ton tun das Ihre, um den lebendigen Eindruck, den Vicks Inszenierung hinterlassen haben muss, auch ins Wohnzimmer zu transportieren. Insgesamt ein sehr erfreuliches Erlebnis, mit ein paar Einschränkungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Verdi, Giuseppe: Otello

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
1
20.07.2009
140:00
2001
EAN:
BestellNr.:

9783941311466
107 090


Cover vergössern

Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Arthaus Musik:

  • Zur Kritik... Repräsentativer Querschnitt: Diese Kompilation bietet etwas in die Jahre gekommene, aber teils lohnende Opernausschnitte. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Gluck ist sexy und aktuell: 300 Jahre Christoph Willibald Gluck wurden 2014 begangen. Aus diesem Anlass brachte Arthaus eine Box mit drei Opern-DVDs heraus, die beweist, was in Gluck steckt. Weiter...
    (Simon Haasis, )
  • Zur Kritik... So machen's zum Glück nicht alle: Die aktuelle Pariser 'Così fan tutte'-Produktion bietet musikalisch ein starkes Ensemble und szenisch vor allem ambitionierte Langeweile. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Arthaus Musik...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... Aufgehellt: Thomas Hampson und die Amsterdam Sinfonietta mit einem Herzensprojekt, dem gelegentlich Ecken und Kanten fehlen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Umgetitelt: Zwei Werke aus Walter Braunfels' später Schaffensphase in vorbildlichen Interpretationen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Jugendliche Reife: Überzeugendes Bach-Debüt eines jungen Niederländers. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Aufgehellt: Thomas Hampson und die Amsterdam Sinfonietta mit einem Herzensprojekt, dem gelegentlich Ecken und Kanten fehlen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Häusliche Kennerfreuden: Clavieristisches Heimwerken auf dem um 1780 immer noch gebräuchlichen Clavichord ist für Miklós Spányi immer noch Gegenstand seiner historisch perspektivierenden Gesamtschau. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Umgetitelt: Zwei Werke aus Walter Braunfels' später Schaffensphase in vorbildlichen Interpretationen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2018) herunterladen (3000 KByte) Class aktuell (3/2018) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Walter Braunfels: Sinfonica Concertante op.68 - Allegro di molto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich