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Freitag, 5. Juni 2020

Tobias Koch spielt - Klavierwerke von Robert & Clara Schumann

Poetisches Rankenwerk


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tobias Koch widmet sich Schumanns Klavierwerken auf einem historischen Flügel - das Ergebnis bezaubert durch Klarheit und Poesie.

Kein Interpret hat sich des Klavierwerks Robert Schumanns, auf historische Instrumente zurückgreifend, so intensiv angenommen wie Tobias Koch, zumindest was den Niederschlag auf den Tonträgermarkt anbelangt. Vor wenigen Jahren überraschte der Spezialist für historische Tasteninstrumente mit einer Schumann-Einspielung, vor allem mit einer erhellenden Interpretation der 'Gesänge der Frühe’ op. 133. Nach einer Gesamteinspielung von Schumanns Werken für Violine und Klavier, einer empfehlenswerten Burgmüller-CD und einem Abstecher zu Schumanns Freund Felix Mendelssohn Bartholdy legt Tobias Koch nun – passend zu den Feierlichkeiten in diesem Jahr – eine weitere Schumann-Aufnahme vor.

Vier Aspekte sind es, die auch diese Platte zu einer uneingeschränkt empfehlenswerten machen: die überzeugende inhaltliche Konzeption, die Verwendung eines großartig klingenden Instruments, eine ebenso durchdachte wie feinfühlige Interpretation und nicht zuletzt eine exzellente Klangtechnik, die dem Label GENUIN einmal mehr zu aller Ehre gereicht. Tobias Koch macht mit seiner Programmzusammenstellung deutlich, wie sehr Robert und Clara Schumann – vor allem auch musikalisch – aufeinander bezogen waren. Wenn Roberts intensive Beschäftigung mit Bachschem Kontrapunkt ihn als Selbsttherapie aus tiefsten Nervenkrisen rettete, dann scheinen auch in Claras kompositorischem Werk Präludien und Fugen auf, die Fugenthemen ihres op. 16 „indes vorgegeben von ihrem Herrn Gemahl“ (wie es Tobias Koch in dem flüssig formulierten, kenntnisreichen Booklettext formuliert). Gleichzeitig erweist sie seinen 'Vier Studien für den Pedalflügel‘ op. 56 einen großen Dienst, wenn sie diese kontrapunktischen Schmuckstücke gegen Ende ihres Lebens für Klavier zu zwei Händen arrangiert –zum ersten Mal auf vorliegender CD eingespielt. Worum sich das unter ‚Klavierwerke aus Dresden 1845–1849‘ zusammengeführte Programm dreht, ist die mal mehr, mal weniger geschmeidige Einbindung kontrapunktischer Techniken in Schumanns Klavierwerke.

Es gelingt freilich besonders gut, das polyphone Rankenwerk, tief eingelassen in einen integrierenden Klaviersatz, auf einem historischen Flügel hörbar, erlebbar werden zu lassen. Mag sein, dass Schumann seine kontrapunktischen Techniken gar nicht so klar und prägnant modelliert haben wollte – ein Vergnügen ist es allemal, das Wurzelwerk seines Klaviersatzes bar allen Klangschlamms so wunderbar knorzend aufgetischt zu bekommen. Tobias Koch nutzt einen Londoner Érard-Flügel aus dem Jahr 1852. Der etwas eindunkelnde Klang des Instruments, auch der gute Klangausgleich der Register, steht den 'Vier Fugen‘ op. 72 sehr gut zu Gesicht. Die verschlungenen Linienführungen der d-Moll-Fuge, anfangs ohne metrische Orientierung, gelingen Tobias Koch mit subtilem Anschlag sehr kantabel, während in der folgenenden 'sehr lebhaften‘ Fuge vor allem die knackigen, aber leichten Bässe für Konturenschärfe sorgen. Leider betont Tobias Koch in der 'Nicht schnell und sehr ausdrucksvoll‘ zu spielenden Fuge den zweiten Teil der Anweisung (‚sehr ausdrucksvoll‘) nicht über Gebühr; die zarten Gewebe dieser f-Moll-Fuge könnten durchaus etwas mehr Kantabilität vertragen und auch etwas mehr freien Atem in der Tempogestaltung.

Eingehegt zwischen den einleitenden 'Vier Märschen‘ op. 76, die nicht nur von der Klangrundung des Érard-Flügel profitieren, sondern vor allem auch von dem frisch ansprechenden Ton im tiefen Register (z.B. 'Lager-Scene. Sehr mäßig‘), und den 'Vier Fugen‘ finden sich die in Dresden entstandenen 'Waldszenen' op. 82. Auch sie enthüllen – unter so sorgfältig disponierenden Händen wie jenen von Tobias Koch – ein kontrapunktisches Geflecht, das hier ohne Mühe erkennbar wird. Tobias Kochs Zugang ist aber gottlob nicht allzu analytisch, so dass das poetische Moment dieser stimmungssatten Musik keineswegs untergeht. Im Gegenteil: Einige Zuspitzungen des musikalischen Charakters scheinen direkt auf der Modellierung des Polyphonen zu fußen. Schon der 'Eintritt‘ lebt von den Gegengewichten in der rechten Hand, die Tobias Koch mit subtil gestaltetem Anschlag positioniert. Vor allem die scharfen Punktierungen der 'Verrufenen Stelle‘ lassen die Klangvorzüge des historischen Flügels unmittelbar deutlich werden: Wo der heutige Concert Grand im Bass allzu bullig daherkommt, setzt der Érard erdig-trockene Akzente. Dass auch das hohe Register nicht den silbrigen Klang anderer Flügel der Zeit entfaltet, sondern ebenfalls etwas verdunkelt erscheint, lässt den Klaviersatz sehr homogen erscheinen.

Über Tobias Kochs technische Expertise gibt es keinen Zweifel. Einzig manch lyrische Linie dürfte noch ein wenig freier singen, beispielhaft dafür das ausnotierte Rubato-Spiel im 'Abschied‘, die hier als Nachschlagfiguren daherkommen, ein wenig zu texttreu-steif. Dass auch die 'Drei Präludien und Fugen' op. 16 von Clara Schumann, so motorisch auch manche der Fugen wirkt, eine suggestive Klanglichkeit entfalten können, geht auch auf das Konto einer fabelhaften Klangtechnik, den Érard-Flügel in all seiner verschatteten Farbigkeit optimal einfangend. Dem Hörer werden klangliche Nuancen präsentiert, ohne aber Instrument wie Pianist zu nahe zu rücken – ein weiteres Musterbeispiel für herausragende Klangabnahme an einem historischen Instrument.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tobias Koch spielt: Klavierwerke von Robert & Clara Schumann

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
20.01.2010
Medium:
EAN:

CD
4260036251593


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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