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Samstag, 25. November 2017

Schmidt-Kowalski, Thomas - Sinfonische Dichtungen

Bekenntnis zur Tonalität


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Neo-Romantiker Thomas Schmidt-Kowalski ist hier mit sechs Orchesterwerken vertreten, die (in eher unpassender Weise) als Sinfonische Dichtungen zusammengefasst werden. Der Komponist leitet das Orchester.

Leider ist es hierzulande immer noch so, dass formal traditionell denkende und tonal schreibende Komponisten kaum ernst genommen werden. Die Mühe, einen Eintrag zu Thomas Schmidt-Kowalski (geb. 1949) in den Musiklexika und -enzyklopädien unserer Zeit zu suchen, kann man sich schenken – man wird nichts finden. Und das, obwohl bereits über 100 Kompositionen vorliegen, die auch aufgeführt und zum Teil eingespielt wurden. Man macht es sich viel zu leicht, ästhetische Qualität anhand von Äußerlichkeiten messen zu wollen. Zweifelsohne kann auch heute noch unter Beibehaltung der Tonalität gute Musik komponiert werden, das hatte selbst der späte Schönberg noch erkannt. Und ob tonal oder atonal, formal traditionell oder avantgardistisch, letztendlich ist doch entscheidend, ob die Musik uns heutige Menschen berührt, ob sie etwas zu sagen hat, oder ob sie einfach so schön ist, dass man sie gerne häufiger hört. Wichtig ist natürlich, dass es überhaupt eine Möglichkeit gibt, solch abseitige Musik, die oft genug in dunklen Schreibtischschubladen ihrer Entdeckung harrt, zu hören. Nach zwei CDs mit Sinfonien und Konzerten bringt Naxos nun eine Platte mit kleineren Orchesterstücken Schmidt-Kowalskis heraus, die unter den Titel ‚Sinfonische Dichtungen’ subsumiert werden. Anders als bei den ersten beiden Produktionen ist nun der Komponist in Personalunion auch musikalischer Leiter; er steht dem Leipziger Symphonie Orchester vor.

Weit gefasster Gattungsbegriff

Es ist schon bezeichnend, dass Booklet-Texter Ulrich Mutz ausgerechnet 'Die Wiederkehr von Atlantis’ op. 103 aus dem Jahre 2005 als ‚etwas aus dem Rahmen fallend’ bezeichnet, ist es doch das einzige Werk auf der Platte, das vom Komponisten als ‚sinfonische Dichtung’ bezeichnet wurde. Tatsächlich wird man hier und auch bei den vergleichbaren 'Leidenschaft und früher Tod’ (UA 2004; darf bzw. soll man hier an 'Tod und Verklärung’ denken?) und 'Sternennacht’ op. 34 Nr. 2 – die Orchesterfassung (2007) eines bereits 1989 komponierten Kammermusikwerks – nicht von einer sinfonische Dichtung im Sinne Liszts sprechen, denn dafür sind die Werke zu kurz und ihr Programm zu wenig ausgeprägt. Es sind wohl eher Charakterstücke, wenn man hier zumindest noch auf die Dehnbarkeit des alles andere als unproblematischen Gattungsbegriffs hoffen kann. Bei den beiden Suiten für Streichorchester 'Meditationen’ op. 105 (2006/07) und 'Impressionen’ g-Moll op. 101 (1999) ist es jedoch grenzwertig, diese Gattung ins Feld zu führen. Und definitiv keine sinfonische Dichtung ist die 'Elegie in fis-Moll’, ein gänzlich unprogrammatisches Konzertstück für Viola und Orchester. Also: Die oft bemühten und etwas angestaubten ‚Orchesterwerke’ wären der passendere Titel für die CD gewesen.

Ironische Verkehrung

Im hier präsentierten Schaffen von Schmidt-Kowalski, der Schumann, Brahms und Bruckner als seine Vorbilder angibt, gibt es durchaus ‚ansprechende’ Musik. Die größer besetzten Orchesterwerke leiden etwas unter der dicklichen Instrumentierung; im Zusammenfall mit schwelgerischen Klängen kann das schnell in Richtung Schwulst gehen. Dass längere Sätze wie etwa in den Sinfonien aufgrund der resultierenden Farb- und Kontrastarmut etwas ermüdend wirken, fällt bei den kürzeren Stücken weit weniger ins Gewicht. Hier zeigt sich übrigens, dass Schmidt-Kowalski keinesfalls Stilkopien fabriziert; die Orchesterbehandlung ist nicht typisch für das 19. Jahrhundert, erinnert vielmehr an Filmmusiken. In ironischer Verkehrung strahlen die Sätze für Streichorchester ein größeres Farbspektrum aus als die Werke für großes Orchester. Die 'Meditationen’ und die 'Impressionen’ mit dem eingängigen Scherzo (fast schon Ohrwurmqualität) stellen sicher eine interessante Repertoire-Ergänzung für Streichorchester dar, so wie auch die Bratscher dankbar über die klangschöne Elegie sein dürfen. Diesen Werken wünscht man größere Aufmerksamkeit und Verbreitung. Ob das Schaffen Schmidt-Kowalskis dauerhaft bleibenden Wert hat, wird die Nachwelt entscheiden müssen.

Schwelgerische Klänge – schwelgerisch gespielt

In der Regel wird bei Aufnahmen Neuer Musik auf den Authentizitätsanspruch verwiesen, der aus einer Personalunion von Komponist und Dirigent/Interpret erwächst. Das gilt hier natürlich auch, wenn auch in geringerem Maße, da Schmidt-Kowalskis Musik einen mit dem klassisch-romantischen Repertoire vertrauten Orchestermusiker nicht vor Schwierigkeiten stellen sollte. Die Interpretationen des Leipziger Orchesters wissen dann auch zu überzeugen; die Musiker spielen technisch souverän und mit der richtigen Portion Emotionalität – dass hier nicht Aspekte der historischen Aufführungspraxis zum Tragen kommen, sondern auch beherzt dem Vibrato zugesprochen werden darf, versteht sich von selbst. Der rumänische Bratscher Emilian Dascal gestaltet die Elegie mit warmem Ton, sicherer Technik und innerer Verbundenheit mit der Musik. Im Orchester sind noch die stets weichen und klangschönen Trompeten zu erwähnen, die – anders als bei den genannten Vorbildern – hier auch einmal kantabel zu Werke gehen dürfen. Überzeugend auch der forsche Zugriff des Streicherkorpus in den Mittelsätzen der 'Impressionen’. Klangtechnisch bewegt sich die Aufnahme (November 2008) auf gehobenem Naxos-Niveau – der Klang ist natürlich und in stets gut an die jeweilige Situation angepasst. Auch äußerlich spricht die Produktion an; die CD-Hülle steckt in einer für Naxos ungewöhnlichen zusätzlichen Ummantelung aus Pappe, und der Booklettext (nur in deutsch vorliegend) ist großzügig gesetzt und wird durch einige seitenfüllende Fotografien abgerundet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schmidt-Kowalski, Thomas: Sinfonische Dichtungen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
25.05.2009
EAN:

730099128124


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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