> > > MacMillan, James: The sacrifice
Donnerstag, 24. Mai 2018

MacMillan, James - The sacrifice

Kein Modekomponist


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


James MacMillans zweite Oper 'The Sacrifice' liegt hier in einer rundum überzeugenden Einspielung vor.

James MacMillan (geb. 1959) ist einer der bekanntesten britischen Komponisten der Gegenwart. Wäre man gehässig, könnte man vielleicht von einem Modekomponisten sprechen, denn sein Schaffen ist momentan in nahezu aller Munde. Naxos, LSO live, Hyperion, RCA und Chandos gehören zu den Labels, die seine Musik zugänglich machen, Musik fast jeder Gattung. In Momenten auf Britten aufbauend, ist die Musik des gebürtigen Schotten dennoch ganz eigen – die stark erweiterte Tonalität weist immer wieder starken Traditionsbezug auf, ist vielleicht auch deshalb so erfolgreich. Kraftvoll und poetisch, klangreich und doch immer auf den Punkt ist seine Musik, einem klaren Konzept unterworfen, das auch formal überzeugt.

'The Sacrifice' ist MacMillans zweite Oper, eine Auftragskomposition der Welsh National Opera und dort am 22. September 2007 unter Leitung des Komponisten uraufgeführt. Auch die hier als Mitschnitt vorgelegte Aufführung am 6. Oktober im Donald Gordon Theatre des Wales Millennium Centre in Cardiff sollte eigentlich von MacMillan geleitet werden, doch Reiseverzögerungen bewirkten, dass der zweite Dirigent der Aufführungsreihe, Anthony Negus, kurzfristig einspringen musste. Die Oper wurde ein unmittelbarer Erfolg, die Uraufführungsinszenierung gastierte in London und das Werk gewann den RPS (Royal Philharmonic Society) Award 2008.

Die Oper rührt wie momentan so viele Werke des Genres ans Mythische, ans Zeitlose. Michael Symmons Roberts (geb. 1963), ein in Nordengland geborener renommierter Dichter, hat in seinem Libretto von poetischer Überhöhung Abstand genommen zugunsten einer klaren, immer noch sehr bildreichen Sprache und bezieht sich auf die walisische Sage "The Mahinogion", besonders die Geschichte von Branwen, die Tochter von Llŷr, in die Gegenwart oder nahe Zukunft transferiert. Im ersten Akt heiraten Sian, eine Harfenistin und Musiklehrerin, und Mal, ein ehemaliger Guerilla und Terrorist, aus politischen Gründen, um endlich zu Frieden zu gelangen. Damit nicht zu Rande kommt Evan, ein Soldat (und Assistent von Sians Vater, einem General), der während der Feierlichkeiten Mal mit dem Messer attackiert. Im sieben Jahre später spielenden zweiten Akt sucht Mal, mittlerweile Vater zweier Söhne, die Versöhnung mit Evan, der aber das erstgeborene der beiden Kinder erschießt. Erst im dritten Akt wird die Gewaltspirale durchbrochen, wenn sich der General als Evan verkleidet und von Mal getötet wird. Sians Schlussgesang zu dem den Werktitel generierenden Opfer ihres Vaters kann jedoch nicht davor täuschen, dass nur ein äußerst fragiler Frieden erreicht ist.

Dramaturgisches Konzept und musikalische Umsetzung (Orchesterbesetzung) des Werkes sind von überraschender Traditionsverbundenheit – MacMillan fordert keine multiplen Szenerien, keine ungewöhnlichen Instrumente, und doch ist seine Musik im besten Sinne modern. Vor allem ist sie auch aufführbar, wie das bestens aufgelegte Team der Welsh National Opera beeindruckend zeigt. Chor und Orchester sind bestens einstudiert, Negus leitet die Aufführung mit beeindruckender Intensität. Vor allem Lisa Milne (Sian) erweist sich als herausragender „Aktivposten“, beeindruckend in ihrer Intensität, eine Sängerin, die stimmlich ein wenig an Helen Donath in ihrer besten Zeit gemahnt, und hoffentlich mit einer ähnlich langen und erfolgreichen Karriere vor sich. Milne kennen wir seit rund fünfzehn Jahren als immer verlässliche, oft gloriose Sängerin, die sich auch immer wieder der zeitgenössischen Musik verschreibt. Der Bariton Leigh Melrose, der 2001 zum Cardiff Singer of the World gewählt wurde, hat in seiner Rolle als Evan bereits ein starkes, hier aber nicht störenden Vibrato. Dennoch muss man fragen, wie es sein kann, dass internationale Preisträger – etwa auch Jonathan Lemalu – immer wieder zu starkes Vibrato haben, so dass ihre Stimme schon früh älter klingt als sie in Wirklichkeit ist. Peter Hoare (Mal) ist bereits häufig als Charaktertenor tätig, wie seine Kollegen immer wieder auch im Bereich Neuer Musik; eine sehr gesunde, attraktive Stimme mit Potenzial zum Heldentenor, vorausgesetzt, er lässt sich nicht zu früh verheizen. Der Bassbariton Christopher Purves als General hat bereits eine ähnlich beeindruckende Karriere wie Milne hingelegt – und ganz zu Recht. Hochmusikalisch und voller Bühnenpräsenz, mag er durchaus Simon Keenlyside Konkurrenz machen. Zuletzt Sarah Tynan in der eher kleineren Koloratursopranrolle von Sians Schwester Megan – eine Sängerin, die noch am Beginn ihrer Karriere steht, sich aber ebenfalls bereits ihre Sporen in der Neuen Musik erworben hat. Zusammen mit Chor und Orchester bieten sie eine in jeder Hinsicht überzeugende Aufführung. Sehr empfehlenswert, aber keine leichte Kost.

Die Live-Atmosphäre beeinträchtigt nicht im Geringsten das Gesamterlebnis – alle Sänger sind von vorbildlicher Wortverständlichkeit. Sicher ist dies (und auch das ausgezeichnet eingefangene Orchester) auch das Verdienst von BBC Radio 3, das die Aufführung mitschnitt, die nun, unterstützt durch die Peter Moores Foundation, auf CD vorgelegt wird. Das umfangreiche Booklet, das wirklich alles liefert, was für ein in Deutschland so unbekanntes Werk erforderlich ist (Einführung, Inhaltsangabe, Libretto, Künstlerbiografien), zeigt, dass auch heute noch, den Willen vorausgesetzt, Exemplarisches geleistet werden kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    MacMillan, James: The sacrifice

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
2
01.04.2012
EAN:

095115157220


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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