> > > Veerhoff, Carlos H.: Symphony No. 6 "Desiderata"
Mittwoch, 14. November 2018

Veerhoff, Carlos H. - Symphony No. 6 "Desiderata"

Carlos H. Veerhoff - Nie gehört!?


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Carlos H. Veerhoff, 1926 in Buenos Aires als Sohn deutscher Eltern geboren, wuchs in Berlin auf. Er studierte in Berlin bei Hermann Scherchen und in Köln u.a. bei Hermann Grabner, Boris Blacher. Nach einer Unterrichtstätigkeit in Argentinien assistierte Veerhoff 1950/51 bei Ferenc Fricsay in Berlin. Heute lebt Veerhoff als freischaffender Komponist in Murnau. Seit den 50er Jahren wurden seine Werke von Rudolf Kempe, Rafael Kubelik, Sir Georg Solti, Hans Rosbaud und weiteren führenden Dirigenten aufgeführt.
Auf der vorliegenden CD finden sich nun Kompositionen aus den letzten 18 Jahren; Das ?Pater Noster? op. 51, 1985 geschrieben, ?Alpha-Zeta? op. 54 aus dem Jahr 1986 und die sechste Symphonie mit dem Untertitel ?Desiderata? op. 70, komponiert 1996.

In seiner Tonsprache geht Veerhoff einen eigenen Weg, seine Kompositionstechnik ist vielleicht am ehesten mit Karl Amadeus Hartmann, Wolfgang Fortner, Bernd Alois Zimmermann und v.a. Hans Werner Henze vergleichbar ? wenn man unbedingt Vergleiche ziehen muss. Die ?Burlesque für sechsstimmigen Chor a cappella ? Alpha-Zeta? benutzt als ?Textvorlage? das deutsche Alphabet. Unterteilt in verschiedene Gruppen von Lauten erscheint hier das von anderen, z.B. Luigi Nono, propagierte Zerlegen eines Textes in seine phonetischen Bestandteile liebevoll persifliert. Aus Klangfeldern, durch den stufenlosen Übergang von A-E-I-O-U gesungen, werden durch verschiedene Lautkombinationen interessante und rhythmisch differenzierte Möglichkeiten der Alphabetverarbeitung erschlossen. Dies wird vom Chor des Mitteldeutschen Rundfunks unter der Leitung von Howard Arman sehr deutlich, facettenreich und nuanciert interpretiert. Die dynamischen Abstufungen sind auf dieser Aufnahme ebenfalls recht passabel, auch wenn Unterschiede noch deutlicher gemacht werden könnten.

Das ?Herzstück? dieser Produktion ist jedoch die sechste Symphonie, als ?Desiderata? bezeichnet, für Orchester, Chor, drei Solisten und Sprecher. Diese Auftragskomposition des MDR trägt den Untertitel: Gewidmet den Gewinnern des Friedensnobelpreises. Aus drei größeren Teilen bestehend, tritt dieses Werk dem Hörer gleich zu Anfang als komplexes, dennoch nicht als schwer verständliches Stück entgegen. Nach einer Orchestereinleitung, die mit dem Einstimmen der Instrumente, wie dies auch Maurizio Kagel praktizierte, anfängt, gewinnt das Klangmaterial an Struktur und es lassen sich deutlich Phasen erhören, die zum nächsten Teil, einigen Grundbausteinen des Lexikons vieler Sprachen, nämlich ?ich, du, wir, ja, nein? in verschiedenen vorgetragen, hinführen.
Es schließt sich ein nächster Abschnitt an, der einen Teil der Rede Andrey Sakharovs anlässlich seiner Entgegennahme des Friedensnobelpreises 1975 zur Grundlage hat. Diese wird vom Sprecher auf russisch vorgetragen, vom Chor als ?Dolmetscher? auf englisch. Anhand dieser Beispiele lässt sich das ganze Werk einordnen; als Gefüge aus Chorteilen, solistisch gesungenen und gesprochenen Partien. Zusammengehalten wird dies durch die Grundintention dieses Werkes, ?Desiderata?, also ?Erstrebenswertes?, ?Ersehntes? darzustellen. Veerhoff stellt hier v.a. die Humanität heraus, das friedliche Zusammenleben der Völker dieser Erde. Hierfür verwendet er Texte in verschiedenen Sprachen (deutsch, englisch, spanisch, polnisch, indisch, kiswahili) und aus verschiedenen Kulturen: ein ?Sonnengesang? aus dem Ägypten 3000 v. Chr., ein Gedicht von Ingeborg Bachmann, Teile der UNO-Charta, und verschiedener Autoren aus Korea, Vietnam, Kenya, Tschechien und einen Teil aus seiner Oper ?Targusis?. Dies alles wird zusammengehalten durch ein Band, das sich vom ersten Moment an dem Hörer entgegendrängt; diese Musik bleibt kein Rätsel, sie offenbart sich sogleich. Womit nicht gesagt sein soll, dass diese Tonsprache simpel und eingängig sei. Das ganz bestimmt nicht. Doch hier ist eine Ausgeglichenheit zwischen Ausführenden und Aussage (Text) erreicht, die man in dieser Form ? meiner Meinung nach ? selten findet. Auch wenn es manchmal etwas plakativ anmutet ? Teile der UNO-Charta zu vertonen ist hierfür ein passendes Beispiel ? so wirkt dies an keiner Stelle überzogen. Vielmehr scheint Veerhoff in einer geistigen Verwandtschaft zu Karl Amadeus Hartmann zu stehen, zumindest was die Herausstellung der Humanität betrifft, der überdeutlich Appell an den Menschen zu friedlichem Zusammenleben. Vom Orchester, vom Chor, von den Solisten und vom Sprecher wird dies in einer einzigartigen Intensität dargeboten.
Die Ausgewogenheit der Komposition spiegelt sich auch im Klangbild wider. Ein ausgesprochenes Lob verdienen die Solisten und der Sprecher, Boris Carmeli, für die ausgezeichnete Textverständlichkeit. Auch wenn der Chor an einigen Stellen klanglich nicht so präsent ist, so handelt es sich hierbei doch um eine durchaus gute klangliche Realisierung dieser vielschichtigen Werkes.
Zuletzt auf dieser CD ist noch das ?Pater Noster? für fünfstimmigen Chor und Orchester vertreten. Hier leitet Michael Gläser den Chor des Mitteldeutschen Rundfunks.

Insgesamt ist dies ein empfehlenswertes Beispiel zeitgenössischen Komponierens. Veerhoffs Werke stellen sich nicht als spröde und trocken dar, sie offenbaren schnell ihre Intention und leiten den Hörer durch ein komplexes, jedoch auch für ?ungeübte Hörer? zu durchschauendes musikalisches Gefüge; zumindest wenn sie ? wie hier ? so klar, strukturiert und nuancenreich dargeboten werden, wie das auf dieser CD der Fall ist. Das Booklet gibt zwar nur geringe Auskunft über die Stücke, was jedoch nicht als Mangel gelten soll. Dafür sind alle Texte enthalten, immerhin.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Veerhoff, Carlos H.: Symphony No. 6 "Desiderata"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Veröffentlichung:
col legno
1
03.03.2003
64:05
2002
EAN:
BestellNr.:

4099702003927
WWE 1CD 20039


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Veerhoff, Carlos H.


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Dirigent(en):Gläser, Michael
Arman, Howard
Hager, Leopold
Meister, Johannes
Orchester/Ensemble:Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks
Interpret(en):Carmeli, Boris (Speaker)
Polster, Hermann Christian (Bass)
Scheibner, Andreas (Baritone)
Hagedorn, Elisabeth (Soprano)
Chor des Mitteldeutschen Rundfunks,


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col legno

Welche Produktion von col legno Sie auch vor sich haben, eines ist gewiss: bunt wird sie sein und außergewöhnlich. Wir widmen uns herausragender Musik der Gegenwart und den Visionen ihrer Protagonisten.

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

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