> > > Pettersson, Allen: Violinkonzert Nr. 1 für Violine & Streichquartett
Samstag, 15. August 2020

Pettersson, Allen - Violinkonzert Nr. 1 für Violine & Streichquartett

In Petterssons Welt


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Neuproduktion mit dem Leipziger Streichquartett, der Geigerin Yamei Yu und dem Pianisten Chia Chou bietet Einblicke in die musikalische Welt des schwedischen Komponisten Allan Pettersson.

Die Sperrigkeit und Ausdehnung vieler seiner Werke mag eine übermäßige Präsenz des Schaffens von Allan Pettersson (1911-1980) in unseren Konzertsälen bislang verhindert haben. Immerhin sind sehr gute Einspielungen vieler Arbeiten erhältlich, zu welchen auch diese Neuproduktion von Dabringhaus und Grimm gehört. Allerdings ist die Platte in Bezug auf Werkfolge und -auswahl seltsam heterogen: Sie vermischt drei frühe, sehr knapp gehaltene Kompositionen für Violine und Klavier – die 'Zwei Elegien' (1934), das 'Andante espressivo' (1938) und die 'Romanze' (1942) – mit dreien (Nr. 2, 3 und 7) der insgesamt sieben Sonaten für zwei Violinen aus dem Jahr 1951 und enthält schließlich Petterssons originelles dreisätziges Konzert für Violine und Streichquartett (1949). Die Dramaturgie dieser Abfolge erschließt sich beim Hören nicht so recht, zumal die einzelnen Kompositionen stilistisch stark voneinander differieren. Zum Einstieg in die eigenwillige, sehr persönliche musikalische Welt des schwedischen Komponisten ist die CD aber hervorragend geeignet, zumal sie mit einer exzellenten und klaren Klangqualität aufwartet und im Booklet einen Essay von Michael Kube enthält, der die Annäherung an Pettersson erleichtert.

Ganz dem romantischen Gestus ist die Wiedergabe der drei Violine-Klavier-Miniaturen im sehr gut aufeinander abgestimmten Zusammenspiel der Geigerin Yamei Yu und des Pianisten Chia Chou verpflichtet. Dagegen setzen Yu und Andreas Seidel, Primarius des Leipziger Streichquartetts, bei ihrem Vortrag der Sonaten auf den Kontrastreichtum der Werke, der sich beispielsweise in der Sonate Nr. 7 als Gegensatz zwischen den romantisch ausgeloteten Kantilenen und den moderneren Texturen entfaltet. Das ist zwar spannend und präzise musiziert, lässt sich aber im Ergebnis nicht mit der packenden Einspielung vergleichen, die das schwedische Duo Gelland vor einigen Jahren vorgelegt hat (BIS, 2000), zumal der hinter den Werken stehende Gedanken des Zyklischen, verkörpert in sehr unterschiedlichen Ausdruckscharakteren, durch die Beschränkung auf eine Auswahl von drei Werken völlig unterlaufen wird.

Musikalischer wie interpretatorischer Höhepunkt ist das komplexe Konzert für Violine und Streichquartett, bei dessen Umsetzung sowohl Yamei Yu als auch die Mitglieder des Leipziger Streichquartetts überzeugen. Allerdings stellt sich passagenweise die Frage, ob die Realisierung nicht doch eine stärkere Präsenz des Soloparts im Vergleich zu den vier Stimmen der Ensemblestreicher hätte berücksichtigen müssen. Denn klanglich werden gelegentlich die Grenzen zwischen den Ausführenden und damit auch die Wahrnehmung von musikalischem Vorder- und Hintergrund verwischt, so dass sich die Dramaturgie des Werkes in seiner Abfolge von Soli und unterschiedlich gestalteten dialogischen Situationen nicht immer nachvollziehen lässt. Die technische Umsetzung durch die fünf Musiker ist allerdings brillant. Vor allem der Zugriff auf die spieltechnisch avancierten Stellen zeigt – so im dritten Satz die klangliche Verzerrung durch Vierteltonabstufungen –, auf welchem Niveau hier musiziert wird und wie durch die Vielfalt an Klangfarbenzeichnung und die damit verbundene Intensität der Wiedergabe Spannungsbögen gezeichnet werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pettersson, Allen: Violinkonzert Nr. 1 für Violine & Streichquartett

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
15.04.2011
Medium:
EAN:

CD
760623152820


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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