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Dienstag, 11. Dezember 2018

Scelsi, Giacinto - Orchesterwerke

In den Klang hineinlauschen


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielt unter Leitung von Peter Rundel und Hans Zender Orchesterwerke von Giacinto Scelsi.

Es ist schon häufig erzählt worden und gehört mittlerweile zu den großen Erzählungen der neueren Musikgeschichte: dass der Italiener Giacinto Scelsi (1905-1988), als er Ende der 1950er-Jahre nach krisenhaften Zusammenbrüchen und nach Hinwendung zu ostasiatischer Philosophie ein musikalisches Ausdruckskonzept entwickelte, das aus der Konzentration auf den einzelnen Ton resultierte. Wie man diesen ‚Ursprungsmythos’ und den Umstand, dass Scelsi seine Werke durch Titelgebung und Kommentare häufig mit dem Nimbus des Enigmatischen versah, auch deuten mag: Tatsache ist, dass er mit den entsprechenden Kompositionen der Entwicklung um etliche Jahrzehnte vorauseilte. Unbemerkt und unberührt von Strömungen und Schulen entwickelte er eine Konzeption, die sich andernorts erst während der Achtziger- und Neunzigerjahre herauskristallisierte und dem Schaffen des Italieners daher gegen Ende von dessen Leben zu immenser Aufmerksamkeit verhalf.

Scelsi fasst den Ton als Klang auf, als Summe von Obertönen, so dass sich seine Musik aus dem Zusammenwirken von Dynamik, Rhythmik und unterschiedlichen Obertonverhältnissen (im Sinne von Klangfarben) generiert. Was sonst bei der Tonproduktion bloß mitschwingt, wird in Scelsis Werken nach außen gekehrt und bestimmt daher die Erscheinungsweise der Musik. Dies hat auch bedeutsame Konsequenzen für den Zeitverlauf einer Komposition, denn das genaue Fokussieren auf bestimmte Eigenschaften von Klängen erfordert Zeit, ist nicht mit einem gerichteten Entwicklungsprozess zu fassen, sondern entfaltet sich auf Grundlage jener Bedingungen, die jeweils als Ausgangspunkt eines Werkes gewählt wurden.

Anhand der hier eingespielten Kompositionen lässt sich vor allem nachvollziehen, was an Scelsis Musik so aufregend ist: Bei der ersten Berührung bietet sie dem Hörer keinerlei Anhaltspunkte, ist nicht über affektive oder stilistische Muster aus anderer Musik zu fassen, sondern erfordert einen regelrecht intuitiven Zugang über die Wahrnehmung des Klangs und seiner ständigen Veränderungen. Am besten ist es, die vorliegende CD des Labels NEOS aus der Reihe ‚Musica viva’ einfach nur auf sich wirken zu lassen: zu hören, wie sich die Musik von den Einzeltönen wegbewegt, wie sie die einmal gesetzte Zentraltönigkeit allmählich einfärbt, durch mikrointervallische Abstufungen einen Raum öffnet, der sich als harmonische Tiefenstruktur empfinden lässt, die dann immer anders ausgeleuchtet wird, dabei jeweils andere Farbwerte in den Vordergrund stellend.

Vier Werke für unterschiedliche Orchesterbesetzungen erklingen hier, gespielt vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Peter Rundel und Hans Zender. Insbesondere Zenders Interpretationen merkt man die lange und tiefgehende Beschäftigung mit der Klangwelt des Italieners an. Gerade die ‚Quattro pezzi (su una nota sola)’ (1959), die zu den frühesten Kompositionen gehören, in denen der Komponist seine neue Klangvorstellung umgesetzt hat, zeichnen sich durch eine feine, dynamisch sehr differenzierte Umsetzung aus. Das vierteilige ‚Chukrum’ für großes Streichorchester (1963) – als einziges Werk unter der Leitung von Peter Rundel eingespielt – fesselt mit vielfach gestaffelten Streicherklangfarben und gleichsam irisierenden Farbsträngen, mit denen Scelsi die harmonischen Räume gestaltet. Die Komposition ‚Natura renovatur’ für elf Streicher (1967) zeigt darüber hinaus, wie der Komponist in der Beschränkung auf eine kleinere Streicherbesetzung gar noch sublimere Wirkungen erzeugt.

Faszinierend ist schließlich auch die klangliche Entgegensetzung von Orgel (gespielt von Elisabeth Zawadke) und Orchestergruppen im ‚Hymnos’ (1963), der mit gewaltigen Klangsteigerungen und kraftvollen Massierungen, aber auch mit feinen, fast zärtlichen Passagen aufwartet: Hier bewegen sich die Klänge im Raum und treten aufgrund der zweichörigen Anlage miteinander in Wechselwirkung. Für Hörer, die sich mit Scelsis Komponieren vertraut machen möchten, bietet die CD insgesamt einen sehr guten Einstieg. Auch wenn man berücksichtigt, dass einzelne Kompositionen schon im Rahmen anderer Produktionen zu hören waren, ist hier aufgrund der überlegten Werkauswahl ein vielschichtiges Porträt des Orchesterkomponisten Scelsi geglückt. Die exzellente Klangqualität und die Leistungen des Orchesters, das in diesen Live-Mitschnitten besonders spannungsvoll und erstaunlich souverän wirkt, machen die Produktion zu einem rundum gelungenen Erlebnis.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Scelsi, Giacinto: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
15.08.2008
EAN:

4260063107221


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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