> > > Schubert, Franz: Klaviersonate B-Dur D 960
Mittwoch, 12. Dezember 2018

Schubert, Franz - Klaviersonate B-Dur D 960

Weit mehr als nur ein Klangwerkzeug


Label/Verlag: Clavier
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gerrit Zitterbart ist mit dieser Schubert-Platte eine Sternstunde gelungen - nicht nur wegen des famos klingenden Hammerflügels, sondern ebenso wegen seines unaffektierten, intelligenten Spiels. Eine dringende Empfehlung!

Wie selten sind wirkliche Sternstunden im heutigen Tonträgergeschäft geworden! Zumal, wenn es um das so genannte Standardrepertoire geht. Da scheinen fast alle Interpretationsmöglichkeiten ausgereizt, zumindest im Rahmen des ästhetisch Konsensfähigen; eine wirklich durch und durch subjektiv geprägte, konsequent durchgeführte Gestaltung versucht ohnehin kaum jemand – der Gegenwind ist einfach zu groß, wenn man eine radikale Lesart zur Diskussion stellt.

Gerrit Zitterbart ist nun beileibe kein Radikaler, und doch gelingt ihm mit seiner neuen Schubert-Einspielung eine kleine Sensation, eine Platte, die man gehört haben muss – und das lässt sich von jüngeren Veröffentlichungen kaum jemals mit Recht behaupten. Dieses interpretatorische Ereignis ist keines, das sich durch radikal neue Sichtweisen auf Schuberts Klaviermusik auszeichnet, sondern gleichsam ein leises. Die Klasse von Gerrit Zitterbart, seit Jahren einer der musikalisch redlichsten Pianisten, der kaum Aufhebens um seine (große) Kunst macht, präsentiert sich vor allem darin, dass er zum einen alles richtig zu machen scheint, was es bei Schubert richtig zu machen gilt, zum anderen jene Fallen wendig umspielt, in die andere Pianisten so schnell tappen.

Mittel zum Zweck

 

Sich seit einiger Zeit mit historischen Tasteninstrumenten beschäftigend, hat er für seine Schubert-Einspielung einen ganz dicken Fisch angeln können: ein Hammerklavier aus der Fabrikation Nannette Streicher und Sohn aus dem 1829. Dieses Instrument ist kein herkömmliches Hammerklavier (wenn man im 19. Jahrhundert von ‘herkömmlich’ sprechen kann angesichts der Fülle von unterschiedlichen Detaillösungen jedes einzelnen Clavierbauers), sondern ein ganz besonderer Schatz, besitzt es doch eine so genannte oberschlägige Mechanik; d.h., der Hammer schlägt die Saite die nicht von unten an, sondern von oben, gleichzeitig befindet sich die Tastatur oben. Dass diese Mechanik nicht nur dem Stimmer einige Geschicklichkeit abverlangt, sondern auch klangliche Raffinessen zu bieten hat, zeigt sich bereits in den ersten Takten der groß dimensionierten B-Dur-Sonate D 960 von Franz Schubert. Der (in der mittleren Lage befindliche) Diskant zeigt eine sehr helle, silbrig leuchtende Klangfarbe, zusätzlich wird dies im oberen Register durch eine dezent klirrende Abtönung ergänzt, ein wunderschöner, ganz einzigartiger Klavierklang.

Gerrit Zitterbart vermeidet (auch in seinem Booklettext) jeden Instrumentenfetischismus und nutzt dieses exzellente Instrument im wörtlichen Sinne als Instrument, als Mittel und Klangwerkzeug nämlich. Was er aber dank seiner pianistischen Fähigkeiten und auch seiner Feinfühligkeit im Umgang mit den klanglichen Eigenarten dieses Hammerflügels erreicht, ist eine Darstellung der B-Dur-Sonate, die vom ersten bis zum letzten Ton restlos überzeugt – und das schafft bei den Ausmaßen dieses Werks kaum jemand. Anders als etwa Malcolm Bilson oder Andreas Staier, die sich ebenfalls mit historischen Instrumenten dieses Brockens annahmen, verliert sich Zitterbart niemals in Details, auch wenn seine Lesart vor kleinen, kaum zu überschätzenden Detailgestaltungen, nur so überquillt. Jene subtilen Modellierungen im Kleinen sind bei Zitterbart verbunden mit einem Blick über die gewaltigen Ausmaße eines Satzes hinweg.

Freilich ermöglichen erst die klanglichen Eigenschaften des Streicher-Flügels einige Gestaltungsmaßnahmen: So kann Zitterbart über eine wirklich kontrastreiche und fein abgestufte Dynamik jene Dramaturgie der Schattierungen erreichen, für deren Darstellung andere Pianisten mit modernen Instrumenten auf agogische Mittel zurückgreifen müssen. Das hier verwendete Instrument scheint für den vollen Klang der B-Dur-Sonate geradezu prädestiniert: Die Bässe kommen ohne verschwimmendes Grummeln punktgenau und haben eine unwiderstehliche Färbung. Davon profitiert etwa der langsame Satz auf unvergleichliche Weise, denn hier wird unmittelbar deutlich, dass die tragende Melodie in der Mittellage von den unterschiedlichen Farben der Register im ganz unteren und höheren Bereich umarmt wird – großartig, und so effektvoll kaum auf einem modernen Konzertflügel darstellbar!

Neben der auf Schritt und Tritt erfahrbaren Vorzügen und Möglichkeiten des Instrumentes ist es aber in ebenso hohem Maße die musikalische Gestaltungskraft Gerrit Zitterbarts, die für das hervorragende Ergebnis einsteht. Wie er Phrasen ohne künstliche Unterbrechung zu Ende bringt, wie Steigerungen erzeugt werden, wie er selbst in der Reprise des Kopfsatzes aus der linken Hand manch nie Gehörtes ans Licht zu bringen vermag, wie er das hüpfende Thema des Finales artikuliert, wie knackig er jene vielmehr wie gegen den Takt gesetzte Akzente klingenden Takteinsen im Trio einmeißelt, wie er ohne die Wunderwaffen des Hammerflügels (Pedalzüge!) dynamische Abstufungen schafft – all dies ist großartig, meisterlich, fabelhaft und kaum genug zu loben.

Freilich kann der Streicher-Flügel in der B-Dur-Sonate sowie auch in den folgenden, ganz unaffektiert gespielten Tänzen seine optimale Wirkung nur dank einer superben Klangtechnik entfalten, die etwa das fast schmerzlich hart klingende f’’’’ ebenso direkt an den Hörer weitergibt wie die silbrigen Mittellagen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Klaviersonate B-Dur D 960

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Clavier
1
10.12.2007
EAN:

4012652000235


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Clavier

Auf dem Label Clavier werden ausschließlich Produktionen mit historischen Tasteninstrumenten - Originalen und Kopien - vorgestellt. Dies können Solo- oder Kammermusikproduktionen mit Clavichord, Orgel, Cembalo oder Hammerklavieren und frühen Flügeln zwischen 1700 und 1900 sein. Allen Produktionen gemeinsam ist, daß die Instrumente im Booklet genau vorgestellt und dokumentiert werden.


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