> > > Strauss, Richard: Die Frau ohne Schatten
Samstag, 22. September 2018

Strauss, Richard - Die Frau ohne Schatten

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Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Wiederveröffentlichung Strauss' 'Die Frau ohne Schatten' kann mit einer exzellenten Sängerriege aufwarten, aus der einzig Fischer-Dieskau etwas negativ herausfällt.

'Die Frau ohne Schatten’ ist sicher nicht eine der bekanntesten Opern von Richard Strauss, auch wenn dieser sie besonders schätzte. Nicht überall fand sie Gegenliebe – auch bei den Dirigenten nicht. Günther Lesnigs Übersicht über die Aufführungen Strauss’scher Opern im 20. Jahrhundert listet insgesamt rund 1450 Aufführungen – ähnlich viele wie von 'Capriccio’, aber weit hinter 'Salome’, 'Elektra’, 'Der Rosenkavalier’, 'Ariadne auf Naxos’ und 'Arabella’. Dies liegt ohne Frage an der nicht unbedingt leicht verdaulichen Handlung – Strauss’ und Hofmannsthals Intention, eine Art ‚neue Zauberflöte’ zu kreieren, misslang mangels eingängiger Melodik, auch wenn man das Werk vom Sujet her durchaus Mozarts ‚deutscher Oper’ vergleichen kann. Auch Hofmannsthal und Strauss nutzen Maschinenzauber, Prüfungen, ein Kaiser- und ein niederes Paar, doch fehlt ihnen alles Tümelnde – im Gegenteil sind sowohl das Kaiserpaar als auch Barak und sein Weib, selbst die Amme in einem Netz von Vorgaben und Forderungen an sie gefangen.

Strauss vermutete, dass die Frosch (wie er das Werk in der Korrespondenz mit Hofmannsthal gerne nannte) ‚zu früh nach dem letzten Krieg auf die deutschen Theater musste’. Hier irrt sich Strauss wohl – vielmehr war es wahrscheinlich die sich nach dem Ersten Weltkrieg rasant wandelnde Ästhetik, die vielen Komponisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts große Schwierigkeiten verursachten. ‚Die Bärte wurden abgeschnitten’, wenn man so will, und auch in Richard Strauss’ Schaffen verspürt man diesen Bruch – doch im Grunde erst zeitversetzt – so schnell war es Strauss nicht möglich, seinen Stil den Zeiterfordernissen anzupassen. Und als er es tat (etwa mit 'Intermezzo’), so war es Hofmannsthal (und dem Publikum) auch nicht recht. Heute kennt man den Opernkomponisten Strauss nicht mit 'Friedenstag’ oder 'Intermezzo’ – Opern, mit denen er die an ihn gestellten Erwartungen konterkarierte, sondern mit den wenigen Werken, die dem Repertoirekanon einverleibt wurden. In diesem Zusammenhang ist es fast überraschend, dass 'Die Frau ohne Schatten’ immerhin mit 'Capriccio’ gleichziehen kann.

'Die Frau ohne Schatten’ erfordert Interpreten, die ihren Rollen nichts schuldig bleiben, große Singdarsteller, und auf Tonträger gar muss sich die darstellerische Kraft der Sänger aufs Vokale reduziert übertragen. So eignet sich die Oper (auch wegen der geforderten technischen Mittel) hervorragend als Festoper. Joseph Keilberth hat die Komposition in seiner langen Karriere als Dirigent nur in einer Inszenierung dirigiert – 1963/4 in München; nach seinem Tod übernahm Wolfgang Sawallisch das Werk und verabschiedete sich als Generalmusikdirektor mit ihm 1992. Die 1963er-Produktion wurde sogar vom Fernsehen übertragen, doch nur ein etwa zehnminütiger Ausschnitt scheint sich erhalten zu haben.

Leonie Rysanek wurde in der Rolle der Kaiserin legendär (schon in Böhms Wiener Studioproduktion von 1955 ist sie zu hören, doch auch 1964 unter Karajan und 1974 aus Salzburg und 1977 aus Wien, beide Male unter Böhm) – da ist es für jede andere Interpretin schwer mitzuhalten. Ingrid Bjoner, die später zur Färberin wechselte, hat die Kaiserin weltweit gesungen, bleibt der anspruchsvollen Partie musikalisch nicht das Geringste schuldig, klingt sogar jugendlicher als Rysanek. Einzig in Bezug auf ihre Textverständlichkeit könnte man Einwände machen. Als Kaiser konnte Keilberth auf einen der aufstrebenden jugendlichen Heldentenöre seiner Zeit zurückgreifen, Jess Thomas, der mit Hans Hopf (der schon 1955 unter Böhm gesungen hatte) alternierte. Ein böses Wort (in der Oper gesungen von der Amme) reduziert den Kaiser auf ‚einen Jäger und einen Verliebten’ – Thomas, der die Rolle auch in Buenos Aires und Wien sang, verleiht der Rolle eine umfassende Dimension. Selbst sein leichtes Vibrato setzt er als Stilmittel ein und verleiht dem Kaiser, ganz anders als manch ein Sänger jüngerer Generation, einen Hauch fast Tristanesker Tragik. Seine große Szene im zweiten Akt erlangt eine Größe, die der Behauptung, Strauss habe die Tenorstimme nicht gemocht, jede Grundlage entzieht. Nur brauchte Strauss halt den rechten Anlass, auf eine Tenorstimme zuzugreifen.

Die Amme ist mit Martha Mödl luxuriös besetzt – doch gerade in dieser Rolle braucht man eine Singdarstellerin, am besten ein Sängerin, die auch vokal diese facettenreiche Rolle voll mit Leben füllen kann. Nicht immer klingt Mödl klangschön, aber sie erfüllt ihre Partie mit beeindruckender Präsenz, die ‚normale’ Mezzosoprane wie Hanna Schwarz oder Ruth Hesse einfach nicht aufbringen können. Wenn Mödl singt ‚Keikobad’, läuft einem allein schon bei der Erwähnung des Namens ein Schauer den Rücken herunter. Einen äußerst passenden Gegenpart bietet Hans Hotters Geisterbote – die Eröffnungsszene der beiden Sänger zeigt nicht nur, wie gut die beiden Stimmen harmonieren, sondern vor allem, wie große Singdarstellerpersönlichkeiten beeindruckende Szenen aufzubauen imstande sind.

Inge Borkh hat zwar nie große Berühmtheit erlangt hat, wird aber in Kennerkreisen sehr geschätzt. Die Färbersfrau hat sie in Brüssel, Frankfurt am Main, London, München, New York, Strasbourg und Stuttgart gesungen – merkwürdigerweise aber nie in Wien oder Salzburg, was aber keinesfalls an ihren Leistungen liegen kann. Borkh passt wunderbar in Keilberths Ensemble – sie ist bestens bei Stimme von den höchsten bis zu den tiefsten Tönen, voller Prägnanz und Präsenz, bietet vorbildliche Textbehandlung und vermittelt auch die Jugendlichkeit der Färbersfrau. Eine Freude ihr zuzuhören.

Enttäuscht war ich von Dietrich Fischer-Dieskau als Barak. Der Sänger hat diese Rolle fast nur in München gesungen, und in gewisser Weise kann ich das nachvollziehen. Er singt die Partie wunderbar lyrisch und ungeheuer musikalisch, aber man kann ihm (auf das Klangerlebnis reduziert) nicht das Kreatürlich-Menschliche seiner Rolle abnehmen. Wenn er singt 'dass ich sie trage auf diesen Händen’, gerät dies ungewollt komisch, denn nie und nimmer kann dies bei Fischer-Dieskau anders als figurativ gemeint sein. Möglicherweise ist dies durchaus in der Rollenstruktur selbst begründet – meines Erachtens erfordert der Barak (zumindest auf der Klangbühne) einen Bassbariton, einen Sänger, der über vokal greifbare Kraft verfügt.

Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper musizieren unter Keilberths Leitung inspiriert und mitreißend – insgesamt handelt es sich wahrscheinlich bei dieser Produktion um eine der am besten gesungenen der Frau ohne Schatten, die es je gab. Die Deutsche Grammophon hatte, ebenso wie Keilberths Münchner Arabella, auch seine Münchner Frau ohne Schatten live mitgeschnitten – ein eindeutiger Vorteil gegenüber österreichischen Rundfunkmitschnitten, die sich seinerzeit klangtechnisch vielfach nicht mit deutschen Produktionen messen lassen können. Die Wiederveröffentlichung bei Brilliant verzichtet auf alle Informationen zur Produktion und bietet gerade einmal eine Inhaltsangabe – doch ist ihr Verdienst, den Mitschnitt wieder verfügbar zu machen, nicht zu gering zu schätzen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Richard: Die Frau ohne Schatten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
3
18.09.2009
EAN:

5029365909525


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