> > > Haydn, Joseph: Sinfonien Nr.92, 96, 97
Montag, 24. Juni 2019

Haydn, Joseph - Sinfonien Nr.92, 96, 97

Das muss man erst mal toppen


Label/Verlag: hr-musik.de
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kürzlich, bei der Rezension von Haydn-Sinfonien in der Interpretation von Roy Goodman und der Hanover Band, stellte ich abschließend die Frage, ob sich diese Sinfonien wohl überhaupt mit mehr Schwung und Transparenz spielen lassen, als es dort geschah. Und schon bin ich eines Besseren belehrt worden: Ja, es geht. Oder zumindest in vergleichbar überzeugender Weise. Auch wenn es sich nicht um die gleichen Sinfonien handelt, so lassen sich zwischen der Interpretation von Roy Goodman und der vorliegenden des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt unter Hugh Wolff einige Parallelen ziehen; und einige Unterschiede ausmachen.

Die Gemeinsamkeiten beziehen sich vor allem auf die ?Hardware?, die Unterschiede auf das klangliche Resultat. Auch Hugh Wolff hat sei Orchester, ein eigentlich großdimensionierten Sinfonie-Orchester, zuerst einmal auf Kammerorchesterstärke verringert, um der Orchesterstärke, die Haydn wohl auch zur Verfügung stand, möglichst nahe zu kommen. Als zweiten Schritt greift das Orchester hier in den Bläsern und bei den Pauken auf Nachbauten historischer Instrumente zurück, drittens schulte Wolff seine Streicher in historischer Spielweise (fast ohne Vibrato), viertens lässt auch Hugh Wolff eine Cembalostimme frei aus der Partitur improvisierend die Sinfonie begleiten. Das wären so die Hauptkomponenten der Hardware. Und unter diesen Bedingungen gelingt es, drei Haydn-Sinfonien, die Nr. 92, 96 und 97 in den schillerndsten (Klang-)Farben erstrahlen zu lassen.

Das Sinfonie-Orchester Frankfurt musiziert hier so erstaunlich transparent und detailgenau wie das für ein Sinfonie-Orchester absolut ungewöhnlich ist. Hier macht sich die Erfahrung bemerkbar, die der Dirigent als Leiter des St. Paul´s Chamber Orchestra sammelte. Eine solch quasi kammermusikalische Auffächerung des Klangspektrums kann man sonst nur sehr selten in großen Orchestern hören. Hugh Wolffs Interpretation überzeugt von Beginn an. Ganz leise und verhalten die ersten Töne der Sinfonie in G-Dur Nr. 92, klar phrasierte Linienführung in der anschließenden Cello-Bewegung, fein ziseliert die Melodie im anschließenden Allegro spirituoso und sodann kraftvoll und energisch in den f-Tutti-Passagen. Und dennoch bleibt der Klang immer weich und klar. Das unterscheidet ihn von der Interpretation von Roy Goodman. Dort konnte man diverse Ecken und Kanten, Spitzen und Grate hören. Im Gegensatz dazu bemüht sich Wolff um einen nicht minder kontrastreichen Zugriff, bei dem jedoch der Klang niemals scharf oder kantig wird. Es kommt einem stellenweise so vor, als würde der Dirigent die einzelnen Stimmen zuerst auseinander nehmen, sie von vorne und hinten in ihrer Schönheit betrachten zu wollen und sie anschließend wieder in den homogenen Orchesterklang einzubetten. So ergibt sich der Eindruck eines detailfreudigen, dennoch keineswegs analytischen Ansatzes. Und durch diese Art der Darstellung werden Schichten der Partitur freigelegt, die sonst nur selten so klar vernehmbar sind: Vor allem kontrapunktische Techniken, Kanonteile, angefangene Fugati, etc. Diese ?alten? kompositorischen Techniken, die Haydn mit seinem klassischen Tonsprache vermengt, kommen hier deutlicher als anderswo zur Geltung. Eine mehr als interessante Interpretation, bei der Haydn nicht rückblickend von Mozart und Beethoven, sondern als Erbe barocker Techniken gesehen wird.

Die Phrasierung ist immer geprägt von Klarheit und vor allem von einer Kantabilität, die ihresgleichen sucht, wie zum Beispiel im zweiten Satz der Sinfonie Nr. 97 und besonders im zweiten Satz der Sinfonie Nr. 96 mit den zart hervortretenden Soloviolin-Stimmen, die nach einem Quartsextakktord quasi kadenzierend in den fortlaufenden musikalischen Satz eingebettet werden. Dies wird von dem intonatorisch perfekt musizierenden Orchester in vorbildlicher Manier umgesetzt.
Auch der Klang der Aufnahme trägt zum äußerst positiven Eindruck dieser Einspielung bei. Die Balance innerhalb des Orchesters ist bestens, der Klang der Bläser wird wundervoll authentisch eingefangen. Niemals hallig oder schwammig, lassen sich die einzelnen Stimmen deutlich nachvollziehen und die Soli in ihrer klaren Tongebung und geschmeidigen Linienführung genießen. Da haben die Techniker des Hessischen Rundfunks tolle Arbeit geleistet.

Der Versuch, die Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis auf moderne Sinfonie-Orchester zu übertragen, ist somit mehr als geglückt. Und der Zuhörer wird mit einer überwältigend energischen und feingliedrigen Interpretation beglückt. Falls das alles noch nicht reicht, so sei noch angefügt, dass das Booklet viele interessante Informationen und Erläuterungen, für Laien, wie für ?Kundige?, enthält. Und diesmal stelle ich die Frage nach der Möglichkeit einer besseren Deutung noch mal, im Glauben, dass diese Interpretation nicht übertroffen werden kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Sinfonien Nr.92, 96, 97

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
hr-musik.de
1
01.09.2003
71:00
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4035714100155
HRMK 0015-03


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Haydn, Joseph


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Dirigent(en):Wolff, Hugh
Orchester/Ensemble:Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt


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