> > > Sonaten für Horn & Hammerklavier: Werke von Krufft, Beethoven, Haydn & Leidesdorf
Montag, 27. Mai 2019

Sonaten für Horn & Hammerklavier - Werke von Krufft, Beethoven, Haydn & Leidesdorf

Lyrisches Legato und bärbeißige Akzente


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Anneke Scott und Kathryn Cok legen eine Platte mit Hornsonaten vor, die nicht nur der Farben des Naturhorns wegen fasziniert, sondern auch wegen des vehementen musikalischen Zugriffs.

Der Tonträgermarkt wurde in der letzten Zeit nicht gerade überschwemmt mit Aufnahmen von Hornsonaten. Da weckt jede neu erscheinende Einspielung Interesse. – Und es ist umso erfreulicher, wenn man es mit einer zu tun hat, die den Hörer gefangen nimmt, wie etwa die nun vom holländischen Challenge Records veröffentlichte CD mit dem schlichten Titel ‚Sonatas for Horn and Fortepiano‘. Was sich aber so brav anhört, birgt ordentlich Zündstoff. Dafür sorgt Anneke Scott, die sich den letzten Jahren als einer der führenden Virtuosen auf diversen historischen Horntypen etabliert hat, sowohl als Solistin als auch in verschiedenen ‚period orchestras‘ und auf dem Feld der Kammermusik. Letzteres bestellt sie mit der amerikanischen Pianistin Kathryn Cok, einer Spezialistin für historische Claviere.

Romantisches Kantabile in klassisch klarer Formung

Zu hören sind drei wesentliche Beiträge auf dem Gebiet der Hornsonate um 1800: Beethovens F-Dur-Sonate op. 7 wird eingerahmt von der E-Dur-Sonate von Nikolaus von Krufft und der Sonate Es-Dur op. 164 von Maximilian Joseph Leidesdorf in Zusammenarbeit mit der Hornvirtuosin Camilla Bellonci. Vor allem die Sonaten von Beethoven und Krufft gehören zu den bekannten Beiträgen des Hornrepertoires. Hier allerdings atmen beide Stücke ein wenig ‚Luft vom anderen Planeten‘: Der Einsatz eines Naturhorns (Nachbau eines Horns von Lausmann, ca. 1790) verleiht der Musik eine Vielfalt von Klangfarben, die freilich einem Ventilhorn moderner Bauart kaum zugänglich sind. Die reichhaltige Chromatik, die sowohl Krufft als auch Beethoven und Leidesdorf/Bellonci der Solistin abverlangen, muss durch gestopfte Töne klanglich realisiert werden, wodurch eine reichhaltige Palette an Klangfarben entsteht, je nach Registerlage und Umfang der Stopfanforderung vom minimal eingedunkelten Ton bis zum ‚gepeinigten‘ Laut.

Kraftvoller Zugriff

Anneke Scott meistert die Tour de force, die ihr die Sonaten abverlangen, mit Bravour. Ihre technische Expertise ist Grundlage dafür, dass sie über die technischen Anforderungen hinaus sich des musikalischen Ausdrucks annehmen kann. So gelingen ihr, etwa im Kopfsatz von Kruffts E-Dur-Sonate, brillante Kontraste zwischen lyrischem Legato und deftigen, zuweilen fast bärbeißigen Akzenten. Mit rhythmischem Biss werden die Synkopierungen lebhaft modelliert. Kruffts Tonsprache, die eine ins 19. Jahrhundert weisende Harmonik und sehr kantabel erfundene Melodik mit volkstümlich daherkommenden Alberti-Bässen im Klavier abwechseln lässt, seine kompositorisch-stilistische Stellung um 1800 (die Sonate wurde 1812 veröffentlicht) widerspiegelnd, wird von den beiden Musikerinnen sehr sorgsam in der Dynamik, klarer Phrasierung, aber mit ordentlich Schmackes in den Akzenten sehr energisch und lebendig aufgeladen. In Beethovens Sonate wirken einige dynamische Kontraste dann fast ein wenig zu schroff und wild. Da solcherlei Rustikalität allerdings mit dem röhrenden Ton zumal im tiefen Register wunderbar harmoniert und als Teilmoment eines geschlossenen interpretatorischen Konzepts erkennbar wird, ist sie nur konsequent. Langsame Sätze wie auch das eingeschobene 'Largo' aus Haydns sogenanntem ‚Reiter-Quartett‘ gelingen mit gut geführtem Atem und viel Sinn für instrumentalen Gesang. Wie die Interpretinnen im 'Andante espressivo' der Krufft-Sonate Phasen des ungeduldigen Vorwärtsdrängens in den Kontext des langsamen Satzes einbetten, nimmt gefangen.

Von der Aufnahmetechnik werden die Klangschattierungen – insbesondere des Horns – sehr direkt an den Hörer weitergegeben. Dennoch verleiht die natürlich wirkende Raumakustik dem kernigen Klang genügend Volumen; man hat nicht den Eindruck, im Schalltrichter zu sitzen. Zuweilen allerdings kann man sich kaum dessen erwehren, dass Anneke Scotts wunderbare Klänge einen gleichsam in den Schalltrichter ihres Horns einsaugen. – Eine spannende und packende Einspielung mit vielen Ecken und Kanten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sonaten für Horn & Hammerklavier: Werke von Krufft, Beethoven, Haydn & Leidesdorf

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Challenge Classics
1
06.06.2011
63:22
2007
EAN:
BestellNr.:

608917251524
CC72515


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"Werke für Naturhorn und Hammerflügel um 1800: Anneke Scott, die wohl derzeit weltweit beste Naturhornspielerin, hat sich mit der Kathryn Cok am Hammerflügel zusammengetan, um sehr seltene Kammermusik-Preziosen des frühen 19. Jahrhunderts auszugraben. Sie widmen sich diesen anspruchsvollen Werken sehr einfühlsam und virtuos."


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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