> > > Sibelius, Jean: Violinkonzert d - Moll op. 47
Dienstag, 21. Mai 2019

Sibelius, Jean - Violinkonzert d - Moll op. 47

Selbstverständliche Schönheit


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nach der fantastischen Aufnahme der Szymanowski-Konzerte ist Frank Peter Zimmermann erneut eine Einspielung gelungen, die - zumindest für die Aufnahmegeschichte der letzten 30 Jahre - als Referenzaufnahme gelten kann.

Jean Sibelius’ 1905 uraufgeführtes dreisätziges Konzert op. 47 ist eines der am häufigsten aufgeführten und aufgenommenen Werke des 20. Jahrhunderts für Violine und Orchester. Das eigenwillige Werk bietet dem Solisten viele Möglichkeiten zu glänzen, gilt aber auch als anspruchsvoll und ein wenig sperrig. Durchgesetzt wurde es in den 30er Jahren von Jascha Heifetz, der es als expressives Virtuosenstück präsentierte. 1946 kam der Gegenentwurf heraus: Ginette Neveu fand, wesentlich langsamer als Heifetz, in dem Konzert ein Meisterwerk schwermütiger Poesie. In den 50er und 60er Jahren kamen die tänzerisch-dynamischen Versionen des Franzosen Christian Ferras (mit Karajan und Szell) und David Oistrachs lyrisch aufgehellter Schöngesang hinzu. Fast alle international geachteten Geiger der letzten 30 Jahre haben, trotz der übermächtigen Vorbilder, das Konzert aufgenommen, zuletzt, beide auf sehr gutem Niveau, der genialische Armenier Sergej Khachatryan und die hochtalentierte Georgierin Lisa Batiashvili. Jetzt hat sich der 45-jährige Frank Peter Zimmermann (nach der temperamentvollen, aber im Tempo recht langsamen EMI-Einspielung von 1992 unter Mariss Jansons) dem Werk zum zweiten Mal gestellt.

Seine Interpretation ist in jeder Beziehung begeisternd. Bereits die ersten Töne des Kopfsatzes nehmen unmittelbar gefangen. Frappierend ist die unaufgeregte Musikalität, mit der sich Zimmermann der heiklen Aufgabe stellt. Er verzichtet ganz auf selbstgenügsames Virtuosentum und musikalisches Muskelspiel und lässt seine Stradivari einfach ‚singen‘. Seine stets präzise artikulierende und zielbewusst disponierende Gelassenheit bekommt dem Werk über die Maßen. Dass gerade der erste Satz mit seiner komplexen, fragilen Architektur oft der mangelnden Balance zwischen Solist und Orchester zum Opfer fällt, kann man sich bei der selbstverständlichen Schönheit der vorliegenden Einspielung kaum vorstellen.

Zimmermanns lange Soli wirken nie ausufernd, sein uneitles Spiel lässt nie Zweifel daran, dass es sein vordringliches Interesse ist, mit dem Orchester gemeinsam zu musizieren. Diese Einstellung befeuert das Helsinki Philharmonic Orchestra unter dem jungen John Storgards spürbar. Das Orchester ist offenbar hervorragend besetzt – der Solofagottist und die Kontrabässe seien heraus gehoben. Es spielt mit großer Leidenschaft und warmem, vollem Streicherklang, der besonders im langsamen zweiten Satz auf das Wunderbarste zur Geltung kommt. Der dritte Satz schließlich gelingt auf einem selten zu hörendem Niveau. Storgards schlägt schnelle Tempi an (nur Heifetz war schneller), die Zimmermann scheinbar mühelos mitgeht, erneut mit überaus differenzierter, farbenreicher Artikulation. Orchester und Solist beginnen, verglichen mit vielen der genannten Einspielungen, verhalten. Sie lassen sich dynamischen Spielraum, den sie im Verlauf des Satzes zu wunderbar organischer Steigerung nutzen. Laut werden sie dabei nie. Dieser dritte Satz wirkt – vollkommen musiziert.

Auch die Toningenieure des finnischen Labels Ondine haben hervorragende Arbeit geleistet. Zimmermann ist klanglich nur leicht vor das Orchester gezogen, seine Stradivari ist sehr natürlich abgebildet. Geige und Orchester haben nicht zu viel Raum und klingen hervorragend zusammen. Insgesamt darf die Akustik als warm und ein wenig trocken bezeichnet werden, die Streicher klingen in den tiefen Registern attraktiv verschattet. Der einzige Makel dieser CD ist (neben dem absurden und unangemessenen Cover) die Zusammenstellung der Werke. Bietet das kurze Orchesterstück 'Der Barde' op. 64 noch neckische Einzelheiten wie die merkwürdig dominanten Harfen-Arpeggios, fällt die längere Tondichtung 'Die Waldnymphe' op. 15 doch stark gegen das Violinkonzert ab. Zu brav und spannungsarm kommt diese Musik daher, trotz reizender Momente. Es wäre schön gewesen, die hervorragende Interpretation des Konzerts einem gewichtigeren Werk, etwa einer der späten Sinfonien, gegenüber zu stellen, oder Frank Peter Zimmermann noch mehr Raum zu geben, vielleicht mit Sibelius’ selten aufgenommenen Humoresken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sibelius, Jean: Violinkonzert d - Moll op. 47

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Ondine
1
01.09.2010
62:57
2008
EAN:
BestellNr.:

761195114728
ODE 1147-2


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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