> > > Haydn, Joseph: Cellokonzerte Nr. 1 & 2
Freitag, 23. Februar 2018

Haydn, Joseph - Cellokonzerte Nr. 1 & 2

Das große Rennen um Haydn


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Haydn-Einspielung von Nicolas Altstaedt schießt etwas über das Ziel des Profilgewinns hinaus.

Es scheint unter den äußerst häufig gespielten Kompositionen Werke zu geben, die der Auslaugung (noch) Widerstand leisten, und nicht von sich selbst überstrapaziert sind, wie etwa ‘Für Elise’; ein gewisser Zusammenhang zur Überführung in einen Klingelton ist hier wohl mit im Spiel. In diesem Bereich der tiefen Geschmacksache sind mir Haydns Cellokonzerte relativ unverwüstlich, obwohl sie allenthalben aufgeführt und eingespielt werden. Die hohe Frequenz der Haydn-Konzerte und ähnlicher Stücke verschiebt auch zusehends den Gestus einer CD, auf der sie erneut interpretiert wurden: Sie werden gezielte Kommentare zu anderen Interpretationen, und die Aufmerksamkeit des Hörers geht verstärkt auf diese Differenzen. Ob es nun Neuerungen der Aufführungspraxis, besonders ausgeprägte Individualstile oder überraschende Programmkombinationen sind: Je mehr man solche Werke hört und verfolgt, umso weniger hört man schließlich den Komponisten, beispielsweise Haydn. Die Musiker treten vor die Musik (und wenn auch sie abgetreten sind, hat man den Klingelton am Ende der Kette).

Haydns Cellokonzerte sind zuletzt mit Nicolas Altstaedt als Solist und der Kammerakademie Potsdam unter Michael Sanderling beim Label Genuin erschienen. Altstaedt hat die beiden Konzerte ‚pur’ vorgelegt, ohne den fast schon üblichen dritten Programmpunkt, und mit Deutlichkeit geht seine Interpretation auch auf Charakteristisches aus. Die Kammerakademie Potsdam entwickelt unter Michael Sanderling einen sehnigen, schlanken Klang, und steht dem Solisten konzentriert zur Seite.

Haydns Klangdramaturgie wird großzügig und intensiv gelesen, und ein sturmdrängerisches Gesamtbild stellt sich ein. Nicolas Altstaedt bringt sicherlich die Gestaltungskraft mit, um auszuführen und zu verklanglichen, was immer er sich vorgenommen hat. Die Gestaltung der Phrasen, Kommunikation und Timing mit dem Orchester, das ist alles gekonnt und auch mit Phantasie gearbeitet. Aber die Belastungsgrenze des Materials ist manchmal früher erreicht als die solistische. So gerät etwa der dritte Satz des Konzertes in C-Dur geradezu furios zu schnell, als hätte sich Altstaedt ein Wettrennen mit Jens Peter Maintz liefern wollen, der letztes Jahr ein sehr zügiges Finale des C-Dur-Konzertes vorlegt hatte. Das ist ein im Charakter beflügeltes, virtuoses Presto, aber eben kein 'Allegro molto' mehr. Die Eleganz und Verbindlichkeit des Satzes bleibt kaum mehr erhalten (wie etwa bei Maintz vollends), und der furiose Strich wirkt in manchen Attacken fast perkussiv. Dabei bleibt den Ohren keine Zeit mehr, zu verarbeiten, was Haydn an Schönheit komponiert hat: viele Nuancen werden überrannt. Wo Energie und Fingerfertigkeit im großen Stil bewundernswert sind, gerät die Interpretation zu radikal. Denn wie die schnellen Sätze sehr schnell, sind auch die langsamen sehr langsam. Mit bedecktem, melancholischem Ton singt Altstaedt die beiden 'Adagio'-Sätze, aber die Musik ist ja so traurig und verhalten nicht, sodass die intensiven Vorhaltstöne und gehauchten Glissandi teilweise etwas larmoyant wirken. Da ist nichts von der inneren Festigkeit und jenem weichen Optimismus, die die Interpretationen etwa von Heinrich Schiff oder Jean-Guihen Queyras auszeichnen. Altstaedt ist sicherlich ein großer unter den jungen Cellisten, aber ob er auch ein junger unter den großen ist, wage ich noch nicht überzeugt zu behaupten.

Was aber rückhaltlos in seiner Radikalität und abgesetzten Individualität begeistern kann, sind die Kadenzen, die in drei Fällen von Altstaedt selbst stammen. Hier werden nicht nur die Motive geschickt und phantasievoll ein- und ausgewickelt, sondern auch neue Spielweisen des Cellos nutzbar gemacht. Streckenweise entsteht hier ein überwältigend zeitgenössischer Klang, der sich überraschend und treffend mit dem umgebenden und enthaltenen Haydn paart.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ins Schwarze getroffen!
    Eine kenntnisreiche und treffende Kritik, der ich mich nur voll anschließen kann. Meine Empfehlung: Die vor der Entdeckung der historischen Aufführungspraxis entstandenen Einspielungen mit Maurice Gendron (enthalten in der Kassette "L'Art de Maurice Gendron"), die mit federnder Spielweise, berückendem Celloton und herrlichen Kadenzen begeistern.

    aficionado, 13.04.2017, 19:39 Uhr
    Registriert seit: 12.04.2017

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Cellokonzerte Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
01.09.2012
EAN:

4260036251487


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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