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Donnerstag, 28. Oktober 2021

Bruckner: The Symphonies Vol.1 - Hansjörg Albrecht, Orgel

Orgelsinfonik


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hansjörg Albrecht gelingt die fabelhaft bildkräftige Deutung einer substanziell zutreffenden Orgeltranskription der ersten Bruckner-Sinfonie.

Mit dem Zielpunkt des 200. Geburtstags Anton Bruckners im Jahr 2024 hat sich der Organist und Dirigent Hansjörg Albrecht daran gemacht, mit einer bei Oehms Classics erscheinenden Reihe sämtliche Sinfonien Anton Bruckners in Bearbeitungen für Orgel einzuspielen. Es gab schon früher Dokumente einzelner Initiativen – zuletzt Gerd Schaller mit der von ihm vervollständigten Neunten Sinfonie, zuvor verschiedene Hände, die teils mit ausdrucksvollen Einzelsätzen wie dem Adagio aus der Siebten Sinfonie hervorgetreten sind. Dieses großsinfonische Konvolut konsequent auszuleuchten, systematisch daraufhin zu befragen, inwieweit es auf der Orgel wirklich ‚funktioniert‘, ist überzeugend gedacht und beherzt gehandelt: Es gibt kaum einen Text von mehr als fünf Sätzen Länge zu Bruckners Sinfonik, der nicht auf das Blockhafte, auf das in Registrierungen Denkende – auf die substanzielle Nähe zur Musik der Orgel und auf Bruckner als Virtuosen dieses Instruments hinwiese. Daran ist unbedingt etwas, überraschend ist vielleicht, wie mühelos und verlustfrei der Übertrag gelingt.

Kongeniale Transkriptionen

Das liegt sicher an den kongenialen Transkriptionen des Würzbürger Komponisten, Organisten und Musikhistoriker Erwin Horn, der neben der ersten Sinfonie c-Moll WAB 101 auch die weiteren Bruckner-Programmpunkte der Platte übertragen hat: Das sind die 'Drei Orchesterstücke' WAB 97 von 1861/63 und der Marsch in d-Moll WAB 96 aus derselben Entstehungszeit. Es sind dies knappe Charakterstücke, die sichere Wirkung machen, umstandslos Stimmungen evozieren und in medias res gehen. Vielleicht sind sie in diesen Qualitäten auf der Orgel sogar glaubwürdiger darstellbar als im Orchester, wo sie ohne Kontextualisierung leicht ‚hingeworfen‘ wirken können. Der Reihe von Hansjörg Albrecht ist in jeder Folge ein ‚Bruckner-Fenster‘ beigegeben: Der Kommentar zur jeweiligen Sinfonie als Hauptsache, aus heutiger Perspektive formuliert. Hier kommt eine Komposition von Oscar Jockel (geb. 1995) aus dem Jahr 2021 unter dem etwas gewundenen Titel 'Denn er hatte noch eine dringende Verabredung mit den drei Eichen und den zwei Bächen am Fuß des goldenen Berges' zu Gehör, die laut der Aussage des Komponisten nicht weniger als eine ‚Essenz‘ der ersten Sinfonie sein soll. Dass dieser Anspruch eingelöst wird, kommt nicht ganz klar zutage – erste schwebende, dann stärker dräuende Klänge der Orgel sind zu hören, sehr dicht registriert, eine Klanglichkeit von allmählich sich auftürmenden Akkorden, die mit scharfen Vorhalten fortschreiten: Ein gewiss interessantes Stück, dessen Bruckner-Kontext nur hörend nicht so deutlich wird, wie im Text des Beihefts apostrophiert.

Höhepunkt und Kern des Programms ist die Erste Sinfonie c-Moll WAB 101, in der Linzer Version von 1865/66. Sie war auf Bruckners kompositorischem Weg ein gewaltiger, hochgradig gelungener Einstand – spät, aber ungemein selbstbewusst trat er mit ihr hervor. Und sie weist im Grunde schon alle Elemente auf, die auch für die Werke der Reife – heute weit populärer als zumindest die ersten beiden Sinfonien – charakteristisch sein sollten. Es sind ausgeprägte Satzcharaktere zu erleben: Ein energisches Allegro am Beginn, dann ein tastendes, suchendes Adagio, dass sich im Verlauf in lyrischer Schönheit verströmt, gefolgt von einem musikantisch-derben Scherzo, einmündend in ein mit ‚bewegt und feurig‘ überschriebenes Finale, das dieser Vortragsbezeichnung ganz und gar entspricht, auch wenn es in Bruckners späteren Sinfonien noch apotheotischer zugehen mag. Es ist bei allem Bewusstsein für Bruckners Orgel-Affinität erstaunlich, wie viel von all diesen Charakteristika sich im organistischen Tableau sicher entfaltet, fast schon ungestört und auf verblüffende Weise selbstverständlich.

Rundum überzeugend

Dazu trägt entscheidend der Interpret bei: Hansjörg Albrecht hat ein erkennbar klares Bewusstsein für Bruckners Architektur, für Formen und Konturen, dazu höchste klangliche Imaginationskraft – in der Summe entscheidende Erfolgsfaktoren, um aus dieser Musik, diesem Orgelstück eine echte Sinfonie werden zu lassen. Zweifellos spiegelt des Vermögen bei Albrecht auch die reiche Erfahrung mit Orgelbearbeitungen groß besetzter Orchesterwerke – zum Beispiel bei Wagner, Bruckner oder zuletzt mit einer von Amerika inspirierten Platte, die eine fulminante Orgelversion der Neunten Sinfonie von Antonín Dvořák vorstellte. Manualiter und pedaliter bleibt er nichts schuldig. Doch leistet er entschieden mehr, dank subtiler Kenntnis der Musik wie des Instruments. Bei letzterem handelt es sich um die große Rieger-Orgel, die 2018 neu in das Brucknerhaus in Linz eingebaut wurde: 51 Register sind auf drei Manuale und Pedal verteilt; sie bilden zusammen ein hochplastisches Werk, mit einer Fülle an überaus kernigen Registern, die gerade dem Plenum ein stattliches Gepräge geben, in ihrer Vielfalt einem klugen Disponenten wie Albrecht zugleich alle Möglichkeiten für die Zeichnung wahrhaft sinfonischer Klangbilder einräumen. Die üppigen Mittel des Instruments bringt der Organist mittels einer hochaktiven, plastischen Artikulation differenziert zur Geltung – auf diese Weise das rhythmische Element pointierend, ohne diese Sphäre äußerlich zu forcieren. Er nutzt die registratorischen Möglichkeiten souverän aus, die Vielfalt der charaktervollen Stimmen vorstellend. Und das in entschieden gewählten Tempi, in stimmigen Relationen, die sinfonisches Gepräge geben. Reich und vielfältig ist das Abbild des formidablen Instruments: Strukturen voller Saft und Kraft werden erlebbar gemacht, dazu kontrastierend zauberschöne, zarte Flötenregister mit feinsten Wirkungen modelliert – in der Summe ein edles Klangbild, das die Wirkung der Präsentation noch einmal steigert.

Hansjörg Albrecht gelingt die fabelhaft bildkräftige Deutung einer substanziell zutreffenden Orgeltranskription der ersten Bruckner-Sinfonie – diese 'Erste' bildet, wie zuvor schon die oft verkannte 'Nullte', eine starke Basis der Reihe. So mag sie ihren Lauf nehmen und wird dabei fortwährend interessieren und vermutlich auch begeistern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Die Reihenfolge
    Man muss sich bei dieser Edition aber schon fragen, warum man mit der 0. Sinfonie angefangen hat. Die kommt chronologisch zwischen der 1. und der 2. und nicht davor.

    Farlis, 23.09.2021, 13:16 Uhr
    Registriert seit: 10.01.2006

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner: The Symphonies Vol.1: Hansjörg Albrecht, Orgel

Label:
Anzahl Medien:
OehmsClassics
1
Medium:
EAN:

CD
4260034864771


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Bruckner, Anton


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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