> > > Sir Michael Tippett: Symphonies No.3 & 4: BBC Scottish Symphony Orchestra, Rachel NIcholls, Martyn Brabbins
Samstag, 15. Juni 2019

Sir Michael Tippett: Symphonies No.3 & 4 - BBC Scottish Symphony Orchestra, Rachel NIcholls, Martyn Brabbins

Symphonien gegen den Zeitgeist


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Beethoven hin – Strawinsky her. Michael Tippetts dritte und vierte Symphonien sind, trotz mancherlei Rückblicks auf die Tradition, beeindruckende Werke der Gegenwart, zumal in dieser erstklassigen Interpretation.

Hat Michael Tippett das musikalische Erbe Gustav Mahlers angetreten? Sicherlich eine problematische These, doch wenn man einen Blick auf Tippetts dritte Symphonie aus den Jahren 1970–72 wirft, scheinen zumindest zwei Punkte dafür zu sprechen: Die gewaltige, fast einstündige Ausdehnung des Werkes und das Hinzutreten eines Solosoprans. Vor allem der letzte Aspekt erinnert an Mahlers vierte Symphonie – der Stil der beiden Werke ist dann aber doch recht unterschiedlich. Während Mahlers Vierte im Finale die ‚himmlischen Freuden‘ besingt, spielt bei Tippett der Blues eine zentrale Rolle. Außerdem bezieht sich der Brite kompositorisch direkt auf Beethoven, indem er aus dessen neunter Symphonie zitiert. Die berühmte 'Ode an die Freude' wird nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges durch von Tippett selbst stammende Texte umgedeutet, vielleicht sogar gleichsam zurückgenommen – eine hochphilosophische Fragestellung, auf die auch schon Thomas Mann mit seinem Roman 'Doktor Faustus' abzielte.

Doch auch ohne diesen komplexen Überbau kann man die Symphonie natürlich hören und sich von ihrer Wirkung beeindrucken lassen, wenn sie – selten genug – einmal in einem Konzertsaal hierzulande erklingt. Martyn Brabbins, der sich wie nur wenige Dirigenten für Tippetts Orchestermusik engagiert hat, legt die monumentale Dritte auf dieser Doppel-CD bei Hyperion vor. Er leitet das BBC Symphony Orchestra, die Sopranistin ist Rachel Nicholls. Zu hören sind außerdem zwei Werke aus der Feder des Tondichters: Die vierte (und letzte) Symphonie, komponiert in den Jahren 1976/77, und die (später zurückgezogene) Symphonie in B-Dur, die Tippett nicht als seine erste Symphonie gelten lassen wollte. Bevor man hier aber zu Paradoxien wie einer ‚Nullten‘ greift (so immer noch bei Bruckner zu lesen), spricht man wohl wirklich einfach nur von der Symphonie in B-Dur, komponiert 1932, überarbeitet 1934 und nochmals 1938.

Individuell eingefärbte Rückblicke

Die Dritte gliedert sich in zwei Abteilungen, der erste Teil besteht wiederum aus zwei längeren, rein instrumentalen Sätzen. Im zweiten Teil tritt in vier der fünf Unterabschnitte die Singstimme hinzu, außerdem einmalig ein Solo-Flügelhorn. Die Tonsprache Tippetts erinnert zunächst weder an Mahler noch an Beethoven, sondern – zumal im ersten Satz – stark an Strawinsky. Vor allem im ersten Abschnitt dominiert ein rhythmisch pointierter, herber Klang, der auch im weiteren Verlauf des Werkes immer wieder aufgegriffen wird. Erst in der zweiten Abteilung erlaubt sich Tippett dann auch den einen oder anderen Rückblick auf die klassisch-romantische Tradition, aber stets individuell eingefärbt – charakteristisch etwa die virtuosen Streicher-Kaskaden im 'Allegro molto', das die zweite Abteilung eröffnet. Brabbins und das schottische Orchester sind den abrupten Wechseln und starken Konstrasten dieses Werkes durchweg gewachsen; sobald die Sopranistin hinzutritt, versteht es der Dirigent, den riesigen Apparat angemessen zu dämpfen. Nicholls absolviert ihren Part mit der notwendigen Virtuosität und sehr gutem Textverständnis – dass die eine oder andere Koloratur übertrieben wirken mag, kann man allenfalls dem Komponisten, nicht jedoch der Sopranistin zur Last legen. Gelungen eingebunden wird auch das Flügelhorn-Solo von Mark O‘Keeffe im vierten Satz. Insgesamt ist allen Interpreten hier eine beeindruckende Aufführung dieses komplexen, düsteren und nicht leicht zugänglichen Werkes gelungen. Die klangliche Balance ist insgesamt sehr gut, auch wenn nicht jedes Solo optimal hörbar ist.

Herbe Tonsprache

Verglichen mit diesem ‚symphonischen Koloss‘ wirkt die Vierte kompakter, besser zugänglich, aber auch eine Spur weniger überraschend als ihr Schwesterwerk. Die zuvor kaum noch vorhandene Sonatensatzform ist nun zumindest in den Satzbezeichnungen wieder präsent – Tippett schreibt hier ausdrücklich Vokabeln wie 'Scherzo', 'Development' und 'Recapitulation' vor. Die Tonsprache bleibt unverändert schroff, herb, ohne jedoch in einen harten Modernismus hinüberzugleiten. Auch dieses Stück ist bei Brabbins in besten Händen, er leitet das Orchester sicher durch diverse rhythmische und perkussive Klippen und versteht es, die klanglichen Massierungen geschickt zur Entfaltung zu bringen. Obwohl alle Orchestermitglieder eine tadellose Leistung bieten, sind es hier in erster Linie die Blechbläser, die sich auszeichnen können. Die von Tippett stark geforderte Klanggruppe präsentiert sich brillant und technisch absolut einwandfrei.

Verglichen mit diesem hohen kompositorischen und instrumentalen Anspruch wirkt die Jugendsymphonie in B-Dur natürlich bemüht, zeigt aber dennoch einige nette Einfälle und – nicht zuletzt – einen Tondichter auf dem (nicht einfachen) Weg zu seiner Meisterschaft. Tippett war kein Senkrechtstarter, und die B-Dur-Symphonie zeigt, wie er sich seinen Weg langsam, aber umso nachhaltiger erarbeitet hat. Nur für dieses Werk alleine hätte sich die Veröffentlichung freilich kaum rentiert. Doch die Virtuosität der dritten und der hohe geistige Anspruch der vierten Symphonie zeigen zusammen einen Tondichter in der völlig sicheren Beherrschung seiner meisterlichen Mittel – und das in jenen 1970er Jahren, in denen sonst kaum ein Komponist Symphonien schrieb. Tippett hielt an der Gattung fest und ist damit nun, über zwanzig Jahre nach seinem Tod, immer noch erstaunlich präsent. Was natürlich nicht zuletzt diesem exzellenten Plädoyer von Brabbins und dem BBC Scottish Symphony Orchestra zu verdanken ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. (Britische) Symphoniker der 1970er-Jahre
    In den 1960er- oder 1970er-Jahren gab es (nicht nur in Großbritannien, aber gerade dort) zahlreiche Sinfoniker, viele von ihnen damals sehr bekannt. Das Zentrum derartiger Musikpflege war in Cheltenham, und der Ruch der "Cheltenham Symphonies" war auch etwas, von dem sich Tippett absetzte. Wenn wir heute die Sinfonien dieser Zeit unvoreingenommen hören (es gibt mittlerweile viele von ihnen auf Tonträger, vor allem beim Label Lyrita, manche auch nur kurzzeitig auf Youtube), stellen wir eine ungeheure Diversität fest, die nicht zu unterschätzen ist. Ich erinnere nur an Havergal Brian, Edmund Rubbra, Robert Simpson, Gordon Crosse, Malcolm Williamson, Peter Maxwell Davies, John Joubert, Derek Bourgeois und viele andere.

    bedford, 31.05.2019, 10:30 Uhr
    Registriert seit: 24.11.2008

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    Sir Michael Tippett: Symphonies No.3 & 4: BBC Scottish Symphony Orchestra, Rachel NIcholls, Martyn Brabbins

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
2
EAN:

034571282312


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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