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Sonntag, 8. Dezember 2019

Tomaschek, Johann Wenzel - Goethe Lieder

Lieder-Raritäten


Label/Verlag: Paladino
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wiederentdeckung des Goethe-Zeitgenossen und -Vertoners Johann Wenzel Tomschek mit 21 hervorragend interpretierten charmanten Liedern.

Am 6. August 1822 traf Johann Wolfgang von Goethe im böhmischen Eger auf den seinerzeit sehr renommierten Prager Klavierlehrer und -virtuosen Johann Wenzel Tomaschek, der, zum offenbaren Gefallen des Geheimrats, 41 seiner Gedichte vertont hatte. Das zweitägige, nach Selbstzeugnissen von beiden Seiten sehr angenehme Treffen kulminierte in einem improvisierten Konzert. Tomaschek trug seine Lieder zum Klavier vor. Goethe lobte besonders 'Mignons Sehnsucht' aus 'Wilhelm Meister': Tomaschek habe, im Gegensatz zu Beethoven und Spohr, verstanden, ‚daß ich von ihm bloß ein Lied erwarte‘.

63 Lieder hat Johann Wenzel Tomaschek geschrieben, darunter 41 nach Texten von Goethe. 22 hiervon versammelt die vorliegende CD, die eine diskographische Lücke schließt. Tomaschek gießt die Texte in einfache, klare Formen und Melodien. Darin ganz Klassiker, tritt er vornehm hinter die Texte zurück. Die aufkommende Romantik findet in diesen Miniaturen keinen Niederschlag. Auf Verinnerlichung oder Gefühlsintensivierung zielende Motive oder Modulationen kommen nicht vor. Innovationen finden sich, wenn überhaupt, in der sehr stark rhythmisierten Klavierbegleitung, der man anhört, dass Tomaschek am Hammerklavier komponierte. Wildwüchsigen Klangfantasmen wie in der Einleitung zum 'Fischer' stehen fein geschwungene, gleichwohl streng rhythmisierte Lyrismen etwa in 'Schäfers Klagelied' gegenüber. Hier ahnt man Schubert, allerdings sehr von ferne. Viele dieser Lieder treffen dennoch recht genau den Ton der Texte. Besonders jene schwebend melancholische Ironie, in der sich Goethe so einzigartig meisterhaft bewegte, findet überraschend starken Widerhall, am besten greifbar in der 'Spinnerin'. Andere Goethe’sche Evergreens wie der 'König in Thule' oder das 'Heideröslein' rauschen allerdings recht reizlos am Hörer vorbei – und was den Geheimrat an Tomascheks 'Mignons Sehnsucht' fasziniert hat, ist heute kaum mehr zu entschlüsseln.

So ist es den Interpreten aufgegeben, mit ihren Talenten diesem nach seinem Tod umgehend vergessenen Künstler zumindest Aufmerksamkeit zu schaffen. Ildiko Raimondi und Leopold Hager gelingt eine Einspielung auf sehr hohem Niveau. Raimondis wunderbar gerundeter Sopran eignet sich hervorragend für Tomscheks Lieder. Ihr leicht scharfes, typisch slawisches Timbre passt wunderbar zu dem leichten ungarischen Akzent, mit dem sie sämtliche Lieder mit höchster Textverständlichkeit vorträgt. Oft blitzt mädchenhafter Charme auf, nie wirkt die Stimme angestrengt. Vor allem wahrt Ildiko Raimondi stets die nötige Distanz zu Text und Musik, begibt sich nie in romantische Identifikation, was den einfachen, zerbrechlichen Kompositionen vermutlich schnell den Garaus gemacht hätte. Leopold Hager lässt seinem Klavierpart die nötige, manchmal fast lakonisch wirkende Drastik angedeihen und ist jederzeit bei seiner Partnerin. Ein Kabinettstück der besonderen Art vollbringen beide im 'Erlkönig', der so ganz anders daher kommt als die bekannten Vertonungen von Schubert und Löwe. Eine fast nähmaschinenartig wiederholte Begleitfigur liegt unter einem recht schlanken, epischen Parlando der Singstimme. Dramatik ergibt sich nur aus den Stimmfarben des Sängers und dem Zusammenspiel. Wenn Raimondi ihren lasziv-verschmitzten Waldgeist säuselt, scheint Hager sich am Klavier förmlich zusammenzuducken. Heraus kommt ein ansteckendes, leicht übergruseltes, musikalisches Lächeln. Dafür hat sich die im Booklet solide dokumentierte, aber furchtbar schlampig gesetzte Ausgrabung durchaus gelohnt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tomaschek, Johann Wenzel: Goethe Lieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Paladino
1
21.11.2011
Medium:
EAN:

CD
9120040730895


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Paladino

Das CD-Label paladino music wurde 2009 von dem Cellisten Martin Rummel gegründet und ist sozusagen die Keimzelle von paladino media, wozu mittlerweile neben paladino music auch Orlando Records, KAIROS und Austrian Gramophone gehören. Inzwischen bei einem Durchschnitt von 15 Veröffentlichungen pro Jahr angekommen, hat paladino music sich zu einem anerkannten Boutique-Independentlabel entwickelt. Die Veröffentlichungen sind zumeist auf einen Komponisten fokussiert, aber auch Rezitalprogramme und aufsehenerregende Debütaufnahmen sind neben Ersteinspielungen von Komponisten wie Franz Krommer, David Popper, Johann Joachim Quantz, Thomas Daniel Schlee, Robert Stark und Johann Wenzel Tomaschek entstanden. Herausragende Interpreten aller Generationen, von jungen Künstlern bis hin zu internationalen Stars wie Vladimir Ashkenazy garantieren, dass die künstlerische Qualität der Einspielungen außer Frage steht. Ursprünglich auf Kammermusik fokussiert, veröffentlicht paladino music in jüngster Zeit auch zunehmend Solokonzert- und andere Orchesteraufnahmen.

Zahlreiche Veröffentlichungen haben Auszeichnungen bekommen oder sind zumindest dafür nominiert worden, und Kritiker in internationalen Medien loben nicht nur die Aufnahmen und das Repertoire selbst, sondern auch die strikt durchgezogene Eleganz des Designs, dass aus dem Firmendesign von paladino media entwickelt ist. paladino music wird von Martin Rummel kuratiert, der von einem kleinen Team an Fachleuten in der Umsetzung, Fabrikation und Distribution unterstützt wird. Das Lager wird von Naxos Global Logistics verwaltet, und ein Netzwerk von über 50 internationalen Vertrieben garantieren, dass jede Aufnahme weltweit über den Fach- und Internethandel sowie über alle wesentlichen Streaming- und Downloadplattformen verfügbar ist.


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