> > > Pettersson, Allan: Violinkonzert Nr. 2
Dienstag, 17. September 2019

Pettersson, Allan - Violinkonzert Nr. 2

Physischer Kraftakt


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch wenn es sich hier um ein Werk handelt, dass sicherlich nicht jeder mögen wird, verdienen cpo und der Schwedische Rundfunk als Koproduzent für diese CD-Produktion ein sehr großes Lob.

Zugegeben: Man muss diese Musik wirklich mögen, wenn man alle ihre Details und Feinheiten richtig genießen will. Das recht eigenwillige Komponieren von Alan Pettersson (1911-1980) hat – das zeigt auch der Vergleich zu den Kompositionen seiner Altersgenossen Witold Lutoslawski oder Olivier Messiaen – zu einem ausgeprägten Individualstil geführt, der weitab von den üblichen Tendenzen zeitgenössischen Komponierens lag und sich auch nachträglich nicht besonders gut in Schubladen pressen lässt. Dies gilt nicht nur für Petterssons sinfonsiches Schaffen, sondern auch für dessen monumentales zweites Violinkonzert (1977-79), das bei cpo in einer Einspielung mit dem Sinfonieorchester des Schwedischen Rundfunks unter Thomas Dausgaard erschienen ist und ein weiteres Beispiel für die aktiven Bemühungen des Osnabrücker Labels um das Schaffen des schwedischen Komponisten ist.

Obwohl es innerhalb der Violinliteratur durchaus lange Kompositionen gibt – man denke dabei nur an stilistisch so unterschiedliche Violinkonzerte wie jene von Max Reger oder George Rochberg –, kenne ich kaum ein Violinkonzert, das vom Interpreten ein solches Höchstmaß an physischer Leistungsfähigkeit erfordert wie jenes von Pettersson. Maximale Gespanntheit ist hier gefragt, klangliches Durchsetzungsvermögen gegenüber einem hypertrophen Orchesterapparat, das jedoch mit einem hohen Maß an Nuancierungsfähigkeit auch im dynamisch kräftigeren Spiel ausgestattet sein muss. Keine leichte Aufgabe also, die sich dem Solisten hier stellt. Umso größeres Lob gebührt der Geigerin Isabelle van Keulen, die sich der komplexen Komposition sowohl in technischer als auch in physischer Hinsicht vollauf gewachsen zeigt und das Werk mit einer Wucht umsetzt, die auch dann mitreißt, wenn einem die musikalische Sprache fremd bleibt. Die enorme Konzentration, mit der van Keulen den fast einstündigen Kraftakt meistert, ist in ihrer Konsequenz höchst beeindruckend und überrascht immer wieder durch den kultivierten Klangsinn, mit dem sie den diffizilen Violinpart gestaltet.

Wenn es zutrifft, dass im Mittelpunkt von Petterssons Musik immer der Mensch steht – eine Fülle von schriftlichen Selbstzeugnissen legt dies nahe –, dann bietet sich eine sinnbildliche Deutung der Komposition an. Der vorwärts drängende, häufig fast gewaltsam anmutende Duktus des Orchesters, das ständige Anrennen der Violine gegen die sich auftürmenden Klangmassen, aber auch das allmähliche Einmünden der Musik in einen choralartigen Gesang, in dem sie schließlich zur Ruhe findet, lassen auf jeden Fall Raum genug für Assoziation. Dass es sich hier um den Live-Mitschnitt einer Aufführung aus dem Jahr 1999 handelt, ist kaum zu glauben, denn die Aufnahme ist ganz hervorragend ausbalanciert: Nie geht die Solistin im Orchesterklang unter, auch wenn dieser noch so dicht und massiv angelegt ist, bleibt sie immer deutlich wahrnehmbar; zudem tritt die plastische Strukturierung der Orchesterstimmen – unterstützt durch Dausgaards akribische Lesart der Partitur – deutlich hervor, so dass die orchestrale Dichte ungemein tiefenscharf wirkt. Auch wenn es sich hier um ein Werk handelt, dass sicherlich nicht jeder mögen wird, verdienen cpo und der Schwedische Rundfunk als Koproduzent für diese CD-Produktion ein sehr großes Lob.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pettersson, Allan: Violinkonzert Nr. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
1
20.11.2006
55:21
1999
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203719921
CPO 777 199-2


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Pettersson, Allan
 - Violinkonzert Nr. 2 - 2. Fassung


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Dirigent(en):Dausgaard, Thomas
Orchester/Ensemble:Swedish Radio Symphony Orchestra
Interpret(en):van Keulen, Isabelle


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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