> > > Noemi Nadelmann: Zarzuela
Sonntag, 1. August 2021

Noemi Nadelmann - Zarzuela

Mit umsichtigem Temperament


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die CD ist eine kleine Entdeckung, ein extravaganter Hörgenuss, von dem nichts erwartet werden sollte, was er nicht erfüllen will.

Die Operette erlebt eine Wiedergeburt. Allerorts werden fast vergessene Schätze reanimiert und die großen Klassiker erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Von der spanischen Zarzuela hört man außerhalb ihrer nationalen Grenzen allerdings selten. Man übersetzt eher ‘Die lustige Witwe’ ins Spanische als Giménez ‘La Tempranica’ ins Deutsche, Französische oder Englische. Doch in Spanien und Südamerika wird diese Form der ‘leichten’ Unterhaltung gepflegt, und Zarzuelas sind bekannt und beliebt. Immer wieder haben spanische Sänger versucht, ihre National-Operette international bekannt zu machen. In manchen Fällen ist ein Solo-Album oder eine betont groß beworbene Gesamtaufnahme das Ergebnis. José Carreras, Teresa Berganza, Pilar Lorengar, Montserrat Caballé und Plácido Domingo fühlen sich den Zarzuelas verpflichtet, und gerade Caballés Zarzuela-CD zählt bis heute zu den authentischsten Alben der Sängerin.

Vor einiger Zeit ging die Sopranistin Maria Bayo mit Zarzula-Arien ins Studio, nun folgt ihr zur großen Überraschung eine Nicht-Spanierin, Noemi Nadelmann, eine Schweizerin. Die Zarzuela hat die Alpen überwunden! Und was dem Zuhörer so entgegenklingt, lässt aufhorchen, fasziniert und macht Lust auf mehr. Dennoch, so wie im Booklet angekündigt klingt Nadelmanns Zarzuela-Album unter dem Dirigat von Thomas Herzog nun auch wieder nicht: ‘Ausgelassene Fiesta, ätzende Karikatur, beißender Spott, feurige Leidenschaft, brodelnde Eifersucht und inbrünstiger Nationalstolz.’ Diese CD klingt vielmehr kalkuliert, äußerst umsichtig und feinfühlig, aber deshalb nicht weniger mitreißend.

Noemi Nadelmann singt mit einer bezwingenden Direktheit, die ihre Erfahrung im Bereich der Operette erkennen lassen. Ihr Sopran erklimmt mühelos effektvolle Höhen und präsentiert sich mit warm timbrierter Mittellage. Ihr leichtes Vibrato und ein unverwechselbarer Tonfall bringen ihr dabei Charme- und Sympathiepunkte ein.

Die Arien-Auswahl beschränkt sich auf eher unspektakuläre Nummern, weitgehend ohne feurig aufpeitschende Rhythmen und klangliche Opulenz. Hier wird vielmehr kunstvoll musiziert. Nadelmann beginnt ruhig mit ‘Las Hijas del Zebedo’ von Ruperto Chapí und kokettiert mit einem sehnsuchtsvoll gestaltetem ‘Espana vengo’ aus der vom Exotismus beflügelten Zarzuela ‘El Nino Judio’ von Pablo Luna. Ein Klassiker der Zarzuela-Literatur ist ‘El barberillo de Lavapiés’ (Lamparilla) von Francisco Asenjo Barbieri, einer schon im Titel angelegten Verballhornung des italienischen Belcanto. Mit spürbarer Leidenschaft und Spaß singt Noemi Nadelmann das folkloristische Lied der Paloma.

Ein besonderes Schmankerl ist die baskisch gesungene Romanze der Mirentxu aus der gleichnamigen Zarzuela von Jesús Guridi. Der 1910 geborene Komponist muss ein großer Verehrer des Verdischen ‘Otello’ gewesen sein, denn diese Romanze erinnert in ihren Stilmitteln, der Orchestration und der Gesangslinie stark an Desdemonas ‘Ave Maria’.

Drei der zwölf Musiknummern sind orchestrale Stücke des spanischen Musiktheater-Genres, Vorspiele und ein Intermedio. Letzteres aus Pablo Lunas ‘La pícara molinera’ trägt regelrecht expressionistische Züge, würde problemlos als Filmmusik durchgehen. Thomas Herzog leitet die Württembergische Philharmonie Reutlingen mit viel Umsicht und Gespür für Feinheiten, hält sich – bis auf die Zwischenspiele – immer dezent im Hintergrund, was vermutlich auch der Tonabmischung zuzuschreiben ist.

Die CD ist eine kleine Entdeckung, ein extravaganter Hörgenuss, von dem nichts erwartet werden sollte, was er nicht erfüllen will. Eine Spanierin würde Lehárs lyrische Melodien vielleicht mit überbordender Glut und ungezähmtem Temperament singen, die Schweizerin Noemi Nadelmann ergibt sich unparteiisch ihrer Leidenschaft für spanische Zarzuela. Was wäre aufrichtiger?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Noemi Nadelmann: Zarzuela

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
17.11.2006
Medium:
EAN:

CD
4260036250718


Cover vergössern

Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Genuin:

blättern

Alle Kritiken von Genuin...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... In den Startlöchern: Die Debüt-CD von Hila Fahima ist ein klares Zeichen, der Künstlerin noch viele Möglichkeiten für Bühnenauftritte und das damit verbundene Erfahrungsammeln zu geben. Das Potenzial ist deutlich zu hören. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Pralles Theater zwischen Barock und Heute: Wenn man die 'Beggar's Opera' so präsentiert bekommt, kann man die Faszination von 1728 mit Händen greifen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Beängstigendes Liebesspiel: Es gibt bereits einige herausragende Aufnahmen von Bartóks einziger Oper – nun gibt es eine mehr. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (1/2021) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2021) herunterladen (3560 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johann Michael Haydn: Aria di Diana

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich