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Dienstag, 17. September 2019

Wien 1700 - Barockmusik aus Österreich

Musikalisch untadelig, programmatisch unschlüssig


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein musikalische Porträt Wiens mit lohnenden Entdeckungen und in hochkarätiger Interpretation, aber mangelnder Stringenz in der Programmgestaltung.

Bei der allgemeinen CD-Schwemme der letzten Jahrzehnte ist es erstaunlich, wie wenig sich Produzenten und Interpreten bislang der Musik der Wiener Hofkapelle Kaiser Leopolds I. angenommen haben. Dies umso mehr, als Leopold selber ein fähiger Komponist und ein Musikenthusiast war; für seine Hofkapelle war dem Kaiser das Beste gerade gut genug. Der Gambenspieler und Ensembleleiter Lorenz Duftschmid und Armonico tributo Austria legen nun bei cpo ein musikalisches Portrait ‘Wien 1700’ vor.

Als Anhänger stringenter, durchdachter Programmgestaltung habe ich an dieser Produktion einiges auszusetzen: In bunter Folge werden ein Volkslied-Arrangement (das mottoartig an den Beginn gestellte ‚O du lieber Augustin’), Instrumentalwerke von Kerll und Biber, Choralgesänge und geistliche Werke von Johann Joseph Fux präsentiert. Ein Durcheinander. Noch weniger gefällt mir, dass mit Bibers ‚Bauernkirchfahrt’ und ‚Battalia’ zwei ‚Schlager’ aus dem Repertoire österreichischer Barockmusik integriert wurden, die zudem nicht unbedingt repräsentativ für die Musik in Wien um 1700 sind; auch Johann Heinrich Schmelzers ‚Polnische Sackpfeiffen’ sind zwar eine Kuriosität, aber keineswegs zum erstenmal zu hören. Diese drei Kompositionen gibt es bereits in zahlreichen, zum Teil exzellenten Versionen auf Platte – es gäbe sicher weniger bekannte Stücke, die es wert gewesen wären, als Raritäten ins Programm genommen zu werden.

Fux und Schmelzer sakral: Glanzpunkte

Ein eindeutiges Plus der Aufnahme ist die Berücksichtigung der Fux-Kompositionen – sie haben allesamt höchste Qualität und vermitteln einen Eindruck vom Niveau der Kirchenmusikpflege der leopoldinischen Hofkapelle. Die unprätentiöse musikalische Perle der Aufnahme ist Johann Heinrich Schmelzers Marienlied ‚Gegrüßet seist du’, ein inniges, ergreifendes Zeugnis der vom Bauern bis zum Kaiser populären barocken Marienfrömmigkeit in Österreich. Sehr schön fügen sich die gregorianischen Choralgesänge ein, lebendig und stilsicher dargeboten von der exzellenten Choralschola unter Franz Karl Prassl.

Tadellos ist auch die Leistung der Domkantorei Graz unter Domkapellmeister Josef M. Doeller; das Vokalensemble glänzt mit jungen, flexiblen Stimmen und Intonationssicherheit. Die Solistinnen und Solisten erfreuen durch durchwegs solide Leistungen; bei Mieke van der Sluis ist auch hier eine leicht flackernde’ Tongebung festzustellen, die aber nicht ins Unangenehme abgleitet; zudem überzeugt sie in Schmelzers Arie durch kluge Textgestaltung.

Heimspiel für das Ensemble

Die Musikerinnen und Musiker von Armonico tributo Austria sind in der österreichischen Barockmusik stilistisch zu Hause. Die Sakralwerke von Fux und die (ursprünglich für Orgel geschriebene) Battaglia von Kerll geben den exzellenten Trompetern vielfach Gelegenheit zur Demonstration ihres außergewöhnlichen Könnens. Die Streicher glänzen in den Biber-Werken, auch wenn es glanzvollere und extrovertiertere Versionen von ‚Pauernkirchfahrt’ und ‚Battalia’ gibt, sind die hier vorliegenden Versionen durchaus konkurrenzfähig. Ein natürlicher, nicht übertrieben wirkender Raumklang und ein ausführliches Booklet komplettieren ein kaleidoskopartig buntes Porträt der Musik in Wien um 1700.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wien 1700: Barockmusik aus Österreich

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
2
18.07.2006
107:39
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203991921
CPO 999 919-2


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Anonymous,
 - O Du lieber Augustin -
 - Antiphon Salve Regina - Gregorian
 - Ave Maria - Greogrian
 - Magnificat - Gregorian
Biber, Heinrich Ignaz Franz
 - Die Pauernkirchfahrt (Sonata a sei) - Adagio - Presto
 - Die Pauernkirchfahrt (Sonata a sei) - Die Pauern Kirchfahrt
 - Die Pauernkirchfahrt (Sonata a sei) - Adagio
 - Die Pauernkirchfahrt (Sonata a sei) - Aria (Andante)
 - Battalia - Allegro
 - Battalia - Die liederliche Gesellschaft von allerley Humor
 - Battalia - Der Mars
 - Battalia - Presto
 - Battalia - Aria (Andante)
 - Battalia - Die Schlacht
 - Battalia - Lamento der Verwundten Musquetirer
Fux, Johann Joseph
 - Te Deum K 271 - Te Deum
 - Te Deum K 271 - Pleni sunt Coeli
 - Te Deum K 271 - Te ergo
 - Te Deum K 271 - In te Domine
 - Stabat Mater K 268 - Stabat Mater
 - Stabat Mater K 268 - Eia Mater
 - Stabat Mater K 268 - Virgo Virginum praeclara
 - Stabat Mater K 268 - Quando corpus morietur
 - Litaniae Sancta Maria K 121 - Kyrie eleison
 - Litaniae Sancta Maria K 121 - Virgo prudentissima
 - Litaniae Sancta Maria K 121 - Regina Angelorum
 - Litaniae Sancta Maria K 121 - Sub tuum praesidium
 - Litaniae Sancta Maria K 121 - Domina nostra
 - Magnificat K 98 - Magnificat
 - Magnificat K 98 - Quia respexit
 - Magnificat K 98 - Et misericordia ejus
 - Magnificat K 98 - Deposuit potentes
 - Magnificat K 98 - Sicut locutus est
 - Magnificat K 98 - Amen
Kerll, Johann Kaspar
 - Battalia -
Schmelzer, Johann Heinrich
 - Gegrüßt seist Du - für Sopran, 5 Streicher und Basso continuo
 - Polnische Sackpfeifen - Sonata a tre


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Dirigent(en):Prassl, Franz Karl
Doeller, Josef M.
Duftschmid, Lorenz
Interpret(en):Zelinka, Wilfried
Fröhlich, Bernd
Sluis, Mieke van der
Bertin, Pascal
Fink, Barbara


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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