> > > Bach, Wilhelm Friedemann: Sonaten und Trios
Dienstag, 25. Februar 2020

Bach, Wilhelm Friedemann - Sonaten und Trios

Bescheidene Schönheit, schöne Bescheidenheit


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es sind die kleinen Dinge, die Wilhelm Friedemann ausmachen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: dies ist eine stellenweise wirklich schöne Einspielung von Sonaten für ein bis zwei Soloinstrumente Wilhelm Friedemann Bachs. Wer die zarte Schönheit der Kompositionen des ersten Bachsohnes genießen will, muss allerdings einige Hindernisse überwinden. Ein kleiner Hürdenlauf, der sich schließlich lohnt:

Erste Hürde – Ein Beiheft, viel Schlamperei

Die Sonate für zwei Querflöten und Generalbass erklingt nicht wie im Beiheft angegeben nach, sondern vor der Sonate für 2 Violinen. Die Sonate in e-Moll hat keine Laute sondern ein Cembalo als Begleitung, in den Sonaten in a-Moll und D-Dur gibt es dagegen kein Cembalo. Wie solche etwas ärgerlichen Fehler passieren können, bleibt ebenso das Geheimnis der Autoren, wie die Wahl des Fotos der beiden Flötisten, auf dem eine Blockflöte zu sehen ist, die dann aber nie vorkommt. Es drängt sich der Gedanke auf, die Macher des Beiheftes trauten ihren Lesern nicht viel zu.

Zweite Hürde – Krude Solisten, Notentreue

Schade, dass der schlechte Eindruck des Beiheftes auch auf die Musik der Camerata Köln zurückfällt. Wer nach Negativem sucht, der findet schließlich immer. So ist zum Beispiel das Cello an einigen Passagen viel zu laut, versteht seine Basslinien als Solostimme, wo sie doch nur ein einfaches Begleitgerüst darstellen. Das untergräbt auch Stellen, wo der solistische Einsatz tatsächlich gerechtfertigt wäre, wie in einem ‘Allegro non troppo’ der Sonate in F-Dur, wo das Cello das Echo der Flöte mimt.

Die technisch ausgezeichnete Flöte von Karl Kaiser behandelt den Notentext liebevoll und versteht seine Dramaturgie, kann sich aber nicht von ihm lösen. Wiederholungen und Sequenzen werden oft exakt gleich gespielt, ohne Bezug zueinander. Dadurch entsteht ein Klang, der ein wenig schulmeisterlich wirkt. Die Musiker sind ja auch alle MusikhochschuldozentInnen und –professorInnen, die meisten sogar an der gleichen Frankfurter Hochschule. Es entsteht wenig Reibung. Besonders in den Flöten-Triosonaten wird die Möglichkeit zum Dialog oft übergangen. Bemerkenswert, sind die Spezialität der Camerata Köln doch eigentlich gerade die Holzbläser. Vielleicht liegt es daran, dass das vom Barock kommende Ensemble sich erst seit kurzem in die Gefilde der Frühklassik wagt und einen berühmten Satz von Carl Philipp Emanuel Bach über die Einfühlung des neuen Stils noch nicht verinnerlicht hat: Der Musiker, so sagte Wilhelm Friedemanns Bruder, könne ‘nicht anders rühren, er sey dann selbst gerührt.’

Dritte Hürde – Bescheidenheit ist eine Zier

Die frühen Kompositionen des Wilhelm Friedemann stammen aus seiner Zeit als Organist der Dresdener Sophienkirche. Losgelöst vom Hause des Vaters konnte er hier seine eigene Persönlichkeit stärker zur Geltung bringen. Solch ein Ausdruck des Individuums war im 18. Jahrhundert Zeitgeist. Die alten, aristokratischen Strukturen und Denkmodelle waren altersschwach geworden. Und mit der Aufklärung erhob sich der Einzelne, das Subjekt, über die allgemeinverbindliche göttliche Ordnung, die so lange das Ideal der Musik gewesen war – insbesondere der Musik des Vaters Johann Sebastian, dem Meister der Formvollendung. Vorsprecher einer neuen Wahrhaftigkeit war Jean-Jacques Rousseau, der Einfachheit und Natürlichkeit der Melodie forderte.

Der erste Eindruck dieser CD ist den Revolutionen der damaligen Zeit gegenüber recht harmlos. Die Sonaten erscheinen handwerklich gut gemacht, Geniales oder Atemberaubendes drängt sich dagegen nicht auf und wer gar ein kammermusikalisches Feuerwerk erwartet, wird enttäuscht. Als Wilhelm Friedemann Bach seine Sonaten und Trios komponierte, steckte die Entwicklung der Empfindsamkeit eben noch in den Kinderschuhen. Viele verschiedene ästhetische Ansätze, alte wie neue, existierten gleichzeitig. Das zu beachten hilft insofern, als man den Blick weglenkt vom Großartigen und Überdeutlichen und eher auf vorsichtig eingestreute Indizien schaut:

Am Ziel – fein und sprühend

Es sind die kleinen Dinge, die Wilhelm Friedemann ausmachen. Oft wird Wilhelm Friedemann als schwierige Person mit schwieriger Biographie beschrieben, fast als am eigenen Talent gescheitertes enfant terrible. Wenigstens zu seiner frühen Zeit ist davon wenig spürbar. Nur vorsichtig tastet der älteste Bach-Sohn, den der Vater zu zahllosen Musikbesuchen und Kurzreisen mitgenommen hatte, sich an sein Individuum heran. Hier ein kleiner Schlenker mehr, dort eine auskomponierte Verzierung. Gerade die Verzierungen, die im Barock der Improvisation offen gehalten waren, um den Vortrag an Situation und Raum anzupassen, geben bei Wilhelm Friedemann den Melodien einen eigenen Charakter. Sie haben viel größeren Wiedererkennungswert als die langen Melodiebögen.

Wundervoll sind auch die Passagen, in denen Bach zwei Stimmen fast, aber nur fast, parallel führt. Dank des technisch brillanten Vortrages der Flötisten sind die von Bach auskomponierten Schwebungen deutlich zu hören. Sie verleihen, angetrieben von einer dynamischen Laute Yasonoi Imamuras, der Sonate a-Moll einen verspielten Schwung. Hier macht die Camerata endlich ihrem Holzbläserruf alle Ehre.

Höhepunkt bleibt jedoch die Violinensonate mit Sabine Lier und Ingeborg Scheerer, deren charaktersichere Linien zartfühlend ineinander greifen. Der anmutige Largo-Kopfsatz sticht ebenso heraus, wie die tollen Verzierungen des Vivace, die energisch von den schroffen Impulsen der Cembalo-Begleitung Sabine Bauers abperlen. Und spätestens hier wird belohnt, wer sich auf den kleinen Hürdenlauf dieser CD einlässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Paul Bräuer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Wilhelm Friedemann: Sonaten und Trios

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
1
01:05:20
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
3761203708628
777 086-2


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Bach, Wilhelm Friedemann
 - Sonate in e-moll - Allegro ma non troppo
 - Sonate in e-moll - Siciliano
 - Sonate in e-moll - Vivace
 - Sonate in B- Dur - Largo
 - Sonate in B- Dur - Allegro ma non troppo
 - Sonate in B- Dur - Vivace
 - Sonate in D- Dur - Allegro ma non tanto
 - Sonate in D- Dur - Larghetto
 - Sonate in D- Dur - Vivace
 - Sonate in F- Dur - Allegro non troppo
 - Sonate in F- Dur - Andantino
 - Sonate in F- Dur - Vivace
 - Sonate in a-moll - Allegro
 - Sonate in D-Dur - Andante
 - Sonate in D-Dur - Allegro
 - Sonate in D-Dur - Vivace


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Interpret(en):Kaiser, Karl
Schneider, Michael
Bauer, Sabine
Imamura, Yasunori
Lier, Sabine
Scheerer, Ingeborg
Zipperling, Rainer


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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