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Donnerstag, 21. November 2019

Bruckner, Anton - Symphonie Nr. 8

Boulez visionärer Bruckner


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Boulez gelang mit dieser Aufführung einmal mehr ein kleiner Geniestreich.

Bereits im September 1996 fand das Konzert statt, dessen Mitschnitt nun als DVD vorliegt. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Todestag Anton Bruckners dirigierte Pierre Boulez die Achte Sinfonie Bruckners mit den Wiener Philharmonikern. Boulez wünschte ausdrücklich, die Achte Sinfonie zu dirigieren. Man sollte annehmen, dass er ein besonderes Verhältnis zu dem Werk hat. Außerdem könnte man erwarten, der genius loci (denn Bruckner liebt unter der nach ihm bekannten Orgel in St. Florian begraben) habe den Dirigenten wie auch die Musiker beflügelt. Das trifft teils zu, teils werden Erwartungen enttäuscht.

Rhythmisch akkurat mit leichten Freiheiten

Während die ersten motivischen Partikel stockend und bruchstückhaft erklingen, blickt man lange auf ein Deckenfresko in St. Florian. Langsam zoomt die Kamera weg, und mit dem Eintritt des zweiten Themas ist dann auch der Dirigent in Nahaufnahme zu sehen. Die Bildregie scheint planvoll vorzugegangen zu sein indem sie Boulez nicht gleich zu Anfang ins Bild rückte. Denn der Anfang der Sinfonie ist rhythmisch leicht verschwommen; die Sechzehntel klingen recht verwaschen. Vielleicht mussten die Wiener Philharmoniker und Boulez erst zusammen finden. Im weiteren Verlauf ist Pierre Boulez’ rhythmische Präzision zu bewundern, die jeder Phrase feste Konturen verleiht. So starrer Blick und die klaren Gesten, mit denen er sogar Auftakte exakt anzeigt, verleiten dazu, die Aufführung mit den üblichen Epitheta zu versehen, die Boulez’ Aufführungen im Allgemeinen schmücken: trocken, uninspiriert, klar, doch blutleer, exakt, doch knochentrocken. Was die Wiener Philharmoniker an Klang hier bieten, ist alles andere als blutleer. Die Phrasierungen sind nicht nur exakt aufeinander abgestimmt und rhythmisch punktgenau, sondern auch ausdrucksvoll. Zuweilen ertappt man Boulez sogar bei leicht schwelgerischen Ritardandi, die nicht im Notentext eingetragen sind. Gegen Ende des ersten Satzes, wenn die Trompeten die von Bruckner als ‘Totenuhr’ bezeichnete rhythmische Figur spielen, werden dem Zuschauer Totenköpfe aus der Kirchengruft gezeigt; das ist des Guten vielleicht ein wenig zu viel.

Der dritte Satz wird von Boulez sehr dicht und spannungsvoll interpretiert. Leider forcieren die Geigen hier ein wenig zu sehr. Vielleicht hatten sie Angst, im der großen Kirche klanglich gegen das Blech nicht anzukommen. Die Steigerungsverläufe werden von Boulez und den fabelhaft und technisch einwandfrei musizierenden Wiener Philharmonikern dynamisch sehr differenziert und leidenschaftlich interpretiert. Der ohnehin bei den Wienern so herzzerreißend schöne Hörnerklang wird im langsamen Satz durch Wagner-Tuben noch dunkler und wärmer. Ein Klang zum Baden.

Die größte Konzentration an atmosphärischer Spannung erreicht Boulez dann im ausladenden Finalsatz. Die letzte große Steigerung in der Coda gerät fulminant und zeigt das Potential des Orchesters, das auch nach 85 Minuten noch mal eins drauf packen kann.

Leicht verschwommener Klang

Die große Kirche St. Florian ist sicherlich nicht der beste Ort, um eine solch klangsatte Sinfonie aufzuführen. Allerdings kommt man Bruckner auch nie so nahe wie dort. Aufgrund des riesigen Raumes, ist das Klangbild stellenweise etwas verschwommen. Angesichts solch akustisch schwieriger Umstände ist das Ergebnis dennoch deutlich mehr als befriedigend. Besonders leise, satte Klänge haben hier eine rotweinschwere Süße.

Boulez gelang mit dieser Aufführung einmal mehr ein kleiner Geniestreich. Die rhythmische Präzision lässt die blockartige Architektur noch deutlicher hervortreten, die detailgenaue Interpretationshaltung bezüglich Artikulation und Dynamik lassen die Aufnahme positiv unter vielen anderen hervorstechen. Einziges Manko: Man darf Boulez halt beim Dirigieren nicht zuschauen, denn man schafft es kaum, die betörend differenzierten Klänge mit dem starren Blick des Dirigenten überein zu bringen. Der schon vor Jahren auf CD veröffentlichte Mitschnitt hat es da leichter, den Hörer von Anfang bis Ende mitzureißen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Symphonie Nr. 8

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
21.02.2006
Medium:
EAN:

DVD
0880242127563


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

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Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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