> > > Bruckner, Anton: Symphony No.5
Montag, 26. August 2019

Bruckner, Anton - Symphony No.5

Appetitanregender Auftakt


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dafür, dass man weder Orchester noch Dirigent zwingend mit Bruckner in Verbindung bringen würde, kann sich das Ergebnis wirklich hören lassen; die Interpretation überzeugt durch Reife.

Allein schon der Name des Klangkörpers dürfte ausschlaggebend dafür sein, dass man mit dem Mozarteum Orchester Salzburg in der Regel Aufführungen von Werken der Wiener Klassik assoziieren wird. Und der seit Herbst 2004 als Chefdirigent fungierende Ivor Bolton hat sich primär durch mustergültige Interpretationen von Opern des vorklassischen Repertoires – von Monteverdi bis Gluck – einen Namen gemacht. Da verwundert es schon ein wenig, dass in einem Konzert nicht nur eine Sinfonie des Spätromantikers Anton Bruckner gegeben wird, sondern ein Mitschnitt gerade dieses Ereignisses nun beim Label Oehms Classics auch auf CD vorliegt. Aber damit nicht genug: Kaum mehr zu glauben ist, dass diese Aufnahme der Startschuss eines kompletten Bruckner-Zyklus Boltons mit dem Mozarteum Orchester darstellen soll!

Das kontrapunktische Meisterstück

Die fünfte Sinfonie Anton Bruckners (1824-1896) wurde in der heute gültigen Fassung im Jahre 1878 beendet. Sie stellt einen vorläufigen Höhepunkt in der Entwicklung der Sinfonien Bruckners dar, auf den, nach dem eher heiteren Intermezzo der Sechsten, die drei großen Sinfonien folgten, mit denen sich endlich der verdiente Erfolg einstellten sollte. Die Fünfte hingegen konnte davon erst einmal nicht profitieren, so dass Bruckner selbst sie nie hat hören können; der einzigen Aufführung zu seinen Lebzeiten, in der das Werk jedoch nur in einer grausam verstümmelten Fassung zu hören war, konnte er zum Glück nicht beiwohnen. Man kann in der Fünften so etwas wie ein komponiertes Bewerbungsschreiben für einen angestrebten Kontrapunktlehrposten an der Wiener Universität sehen: In diesem Werk – insbesondere im Finale – führte der Komponist exemplarisch vor, was er auf diesem Gebiet zu leisten imstande war. Die Verarbeitung einer choralartigen Weise im letzten Satz hat der Sinfonie dann auch den – heute zum Glück verschwiegenen – Titel ‚die Katholische’ eingebracht – heikel ist diese Charakterisierung ja allein schon deswegen, weil jedes von Bruckners Werken in mehr oder weniger starker Weise Ausdruck der tiefempfundenen Religiosität ihres Schöpfers ist.

Transparenter Orchesterklang

Boltons Bruckner-Deutung weiß in vielen Punkten zu gefallen, wenn auch kleinere Kritikpunkte bleiben. Zu loben ist jedoch erst einmal die technische Leistung des Mozarteum Orchesters; bis auf einige wenige Intonationsprobleme begeistert der Klangkörper durch engagiertes und fehlerfreies Spiel. Die großen Schwierigkeiten, die Bruckner den Instrumentalisten zugemutet hat, und derer man sich oft gar nicht bewusst wird, wenn nichts schief geht, werden mit Bravour gemeistert. Ein wichtiger Gesichtspunkt bei Bruckner-Einspielungen generell, besonders aber im Falle der kontrapunktisch verflochtenen Fünften, ist die Durchsichtigkeit des Klangbildes, welche, verursacht bereits durch Bruckners – drücken wir es vorsichtig aus – nicht immer ganz glückliche Orchestrierung, bisweilen unzureichend ist. Bolton scheinen diese Probleme bewusst gewesen zu sein, und so legt er hier eine Fünfte vor, deren Klangschichten in der Regel bis ins Detail gut durchhörbar sind. Erreicht wird das neben einer gelungenen dynamischen Abstimmung durch die stets klare und deutliche Artikulation aller Instrumente sowie größte rhythmische Präzision. Abgesehen von einigen eigenmächtigen Tempomodulationen, die jedoch stets einleuchtend erscheinen und nur von radikalen Brucknerianern als unzulässig abgelehnt werden dürften, liegt darüber hinaus eine erfreulich partiturgetreue Interpretation der Sinfonie vor – gerade im Falle Bruckners, dessen Umarbeitungswahn auch viele Dirigenten dazu ermutigt zu haben scheint, ihrerseits massiv in den Notentext einzugreifen, ist das eine Erwähnung wert. Generell erweist sich Bolton als Freund straffer Tempi, ohne dass die Musik aber an irgendeiner Stelle gehetzt klänge oder die nötige Muße fehlte. Nicht hundertprozentig gefallen wollen das Scherzo, das bisweilen etwas kraftlos wirkt, und die Schlussapotheose der Sinfonie, die irgendwie holperig erreicht wird und der deswegen der Charakter der Befreiung letztlich versagt bleibt, so wie sie an sich auf dynamischer Ebene klarerer Konturen ermangelt.

Ordentliche Präsentation

Die Aufnahmequalität ist passabel. Ein leicht dumpf-metallischer Unterton und die Tatsache, dass die Balance zwischen einigen Instrumentengruppen nicht ganz gelungen ist, müssen aber kritisch vermerkt werden. Es ist zwar möglich, die erwähnte und geforderte Durchsichtigkeit der Orchesterschichten auch über Mittel der Klangtechnik zu erreichen, wobei das aber zu Lasten der Natürlichkeit geht; und wenn wie hier an einer Stelle ein strahlendes Trompetenthema vom Teppich der Streicher-Begleitfiguren erstickt zu werden droht, ist der an sich positive Ansatz, das bei Bruckner gern dominierende Blech etwas abzudämpfen, ins kaum erfreulichere Gegenteil umgeschlagen. Das Booklet ist ordentlich. Knappe, aber gehaltvolle Texte klären über die Geschichte und Programmstruktur des Orchesters, die Biographie des Dirigenten sowie die Besonderheiten der Sinfonie auf; ergänzt wird das Ganze durch eine Liste der Orchestermitglieder sowie einige über das Booklet verteilte Portraitfotos Boltons, die eine kleine Bilderstudie des Dirigenten ergeben.

Dafür, dass man weder Orchester noch Dirigent zwingend mit Bruckner in Verbindung bringen würde, kann sich das Ergebnis wirklich hören lassen; die Interpretation überzeugt durch Reife und großes Verständnis für die bis heute irgendwie querständig gebliebene Musik. Gerade zu dem fairen Preis ist diese Aufnahme eine echte Alternative zum etablierten Repertoire und macht dabei auch dem ebenfalls bei Oehms erschienenen gefälligen Bruckner-Zyklus Skrowaczewskis Konkurrenz. Auf weitere Veröffentlichungen der Reihe darf man nach diesem appetitanregenden Auftakt jedenfalls gespannt sein!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Symphony No.5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
01.01.2012
Medium:
EAN:

CD
4260034863644


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Bruckner, Anton


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Dirigent(en):Bolton, Ivor
Orchester/Ensemble:Mozarteum Orchester Salzburg


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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