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Freitag, 19. August 2022

Beethoven, Ludwig van - The 9 Symphonies

Beethoven im Wohlklang von allen Seiten


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Über den Sinn eines neuen Zyklus mit Beethoven-Sinfonien kann man sich streiten. Die Interpretationsmöglichkeiten scheinen in den letzten 100 Jahren wohl ziemlich ausgereizt, neue Deutungen bringen oft nur Detailveränderungen, im Großen und Ganzen bietet sich kaum etwas Neues. Die hier vorliegende Veröffentlich ist jedoch keine Neueinspielung (Masur ist ja nun schon lange nicht mehr Chef beim Gewandhausorchester), sondern eine Produktion von Archivmaterial aus dem Hause Philips. Aber was für Material!
Zu Beginn der 1970er Jahre entwickelten die Techniker bei Philips ein Verfahren, auf vier Kanälen aufzunehmen, die so genannte ‘Quadrophonie’. Was uns heute fast altbacken erscheint, war damals revolutionär, hatte man damit doch die Möglichkeit, mit dieser Technik ein weitaus differenzierteres Klangbild zu erschaffen als es die herkömmliche Stereo-Technik vermochte. Dieses geniale Aufnahmeverfahren, bei dem ständig an möglichen Mikrophonpositionen etc. gefeilt wurde, verlief jedoch im Sande, denn die Verbraucher verfügten nicht über die notwenigen Abspielgeräte. Vier-Kanal-Aufnahmen ließen sich einfach nicht auf die herkömmliche Platte pressen.
Das ‘Reanimierungs’-Label PentaTone classics kramte nun diese alten Bänder wieder heraus und stellte, dank der nun möglichen Mehrkanaltechnik (Super Audio CD), eine digitale Version dieser Quadrophonie-Bänder her. Trotz der möglichen Nutzung von fünf Kanälen wurde es bei den ursprünglichen vier Kanälen belassen, um größte Authentizität der originalen Analogbänder zu gewährleisten.

Ohne Haken und Ösen

Die Aufnahmen der Beethoven-Sinfonien stammen aus den Jahren 1972 bis 1974. Eingeläutet wurde dieser Zyklus mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur – wie könnte es denn anders sein – mit der Fünften. Hört man nun den ersten Satz der Ersten Sinfonie op. 21, so wird einem schnell die interpretatorische Grundhaltung Masurs deutlich: Es geht um einen zwar frischen, zuweilen jedoch etwas pathetischen Zugriff. Auch wenn uns heute die Tempi in einigen Sätzen eher getragen erscheinen, für die 1970er Jahre legt Masur da einen eher flotten Beethoven an den Tag. Was ein wenig unangenehm auffällt, ist ein stellenweise zu langes Kleben an den Noten. Kurze Zwischenräume zwischen Noten werden vermieden, so dass die Musik wie ein langer Strom erscheint. Moderne Ansätze, die das Ganze akzentuierter nehmen, erscheinen hier angemessener als die Klangvorstellung Masurs. Sforzandi werden hier beherzt genommen, der letzte Biss fehlt jedoch an den meisten Stellen. Vielleicht lässt sich Masurs Herangehensweise zu der von anderen Dirigenten – besonders derer, die sich um eine historisierende Interpretation verdient machen – etwa so beschreiben: Einige Dirigenten, wie etwa Harnoncourt, Gardiner oder auch Zinman, versuchen einen Blick auf Beethoven aus der Perspektive seiner Zeitgenossen heraus; die Stücke werden in ihrer revolutionären Klanglichkeit scharf und mit Biss musiziert. Bei Masur hat man eher den Eindruck, als ob hier einer Beethoven dirigiert, der um Brahms, Bruckner, Mahler oder Schostakowitsch weiß. Beethoven klingt aus diesem Blickwinkel weit weniger aufrührerisch; man hat eher den Eindruck als liege über der Musik etwas Patina in Form von Pathos. In dieser Interpretationshaltung ist wenig Platz für verstörende Akzente, eigenwillige Akkordschichtungen und Melodieverläufe, die in all ihrer Trivialität gezeigt werden könnten. Das soll nicht heißen, dass hier Beethoven meterdick mit Schmalz und übermäßigem Ausdruck zugedeckt wird. Diese kleinen Unterschiede zu vergleichbaren Interpretationen sind keine eklatanten, jedoch in beinahe jedem Satz der neun Sinfonien spürbar.

Brillanter Orchesterklang

Die Musiker des Gewandhausorchesters Leipzig zeigen sich jedoch über jede Kritik erhaben. Die Streicher glänzen, zuweilen von Masur etwas zu sehr aufpoliert, die Holzbläser bilden einen wunderbar homogenen Klang, das Blech geht feinfühlig zu Werke, alles in allem ein sehr runder und voller Mischklang. Dies wird natürlich gefördert von der Klangvorstellung Masurs, die scheinbar darauf abzielt, einen sehr geschlossenen Gesamtklang zu produzieren. Einzelne Stimmen bleiben hier zwar hörbar – natürlich auch in Folge der Vierkanalaufnahme – doch scheint jede Stimme als Teil eines weichen, samtigen Orchesterklangs zu fungieren.
Der Klang der Aufnahme wirkt beim Abspielen über Stereo-Technik eher hallig. Hört man diese Aufnahme über Mehrkanaltechnik, so tritt vielmehr die räumliche Präsenz in den Vordergrund. Das, was über zwei Lautsprecher als Hall wahrgenommen wird, macht bei fünf (oder vielmehr vier) Lautsprechern den Reiz der Raumwirkung aus. Die Balance des Orchesters ist sehr gut wiedergegeben, klanglich ist diese Aufnahme sehr präsent.

Hörern, die diese Einspielung als Einstieg in die Sinfonien Beethovens nutzen möchten, sei – zumindest als Vergleich – eine neuere Einspielung ans Herz gelegt. Wer schon gut versorgt ist und diese Aufnahme auf Grund des mehrkanaligen Aufnahmemodus’ erwerben möchte, dem sei diese Produktion ans Herz gelegt, denn die klangliche Realisation ist durchaus sehr gut gelungen. Allerdings produziert das Label BIS momentan einen Zyklus mit Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra im Mehrkanalformat, der interpretatorisch sehr interessant zu werden verspricht...
Ein Wermutstropfen ist bei dieser ansonsten passablen Produktion jedoch festzustellen: Die CDs sind in einzelnen Papierhüllen untergebracht, die sich nach dem ersten Öffnen nicht mehr schön schließen lassen. Hier könnte man in Zukunft eine etwas komfortablere Variante anbieten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: The 9 Symphonies

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
5
01.01.2013
Medium:
EAN:

SACD
0827949015960


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Händel, Georg Friedrich


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Dirigent(en):Masur, Kurt
Orchester/Ensemble:Gewandhausorchester Leipzig


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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