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Mittwoch, 28. Oktober 2020

The Kirov celebrates - Nijinsky

Nachgetanzt


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Alles ist vergänglich, nichts währt ewig und auch der Mensch ist sterblich. Ihm bleiben nur wenige Jahre und das ist, so lehren Religion und Philosophie, die große Tragödie des Menschseins. Gleichzeitig ist die eigene Sterblichkeit, das lehren wiederum Kunst und Geschichte, aber auch einer der größten Stimuli, denen der Mensch sich gegenüber sieht. Was tut er nicht alles um dem Vergessenwerden zu entgehen. Und wie unterschiedlich können seine Erfolge dabei sein? Bauwerke für Tausende von Jahren geplant, halten kaum ein halbes Jahrhundert und nicht anders ist es um ganze Städte oder Reiche bestellt, die spurlos von der Oberfläche der Erde verschwinden. Erstaunlich, wie beständig dagegen die Kunst ist, die oft Jahrtausende überdauert. Aber selbst die Kunst geht den Weg alles Zeitlichen, wenn auch unterschiedlich schnell: Kann man beispielsweise heute noch die Skulpturen der Pharaonen bewundern, ist deren Musik für immer verloren. Nicht anders ist es bei Griechen oder Römern, deren Bauwerke auch heute noch die Städte vieler europäischer Metropolen prägen. Der Mensch hat seit jeher gewusst, dass die Musik die flüchtigste aller Künste ist und viele Mittel dazu ersonnen, sie zu bewahren, zu notieren und dem Vergessen zu entreißen. Aber erst die technische Reproduzierbarkeit hat tatsächlich eine – wenn auch beschränkte – Möglichkeit eröffnet, Musik zu erhalten.

Dem Flüchtigen auf der Spur

Was für die Kunst der Töne gilt, gilt auch für die Kunst der Bewegung. Wie haben die berühmten Meister des Barock-Tanzes, wie haben in der Romantik Carlotta Grisi und Jules Perrot, wie hat Vaslav Nijinsky am Anfang des 20. Jahrhunderts getanzt? Wir wissen es nicht. Auch wenn es unzählige Beschreibungen dieser Künstler gibt, auch wenn Bilder und Fotos über ihr Aussehen aufklären, über das eigentlich Wesentliche, den Tanz, sagen sie nicht viel aus.

Geheimnisvolle Auferstehung

Dementsprechend kann man die Schwierigkeiten erahnen, denen sich das Kirov-Ballett gegenüber sah, als es 2002 daran ging, am Théâtre Châtelet in einer Hommage an den weltbekannten Tänzer und Choreographen Vaclav Nijinsky vier Ballette des Choreographen Mikhail Fokine wiedererstehen zu lassen. ‚Shéhérazade’ von Rimsky-Korsakov ist bis heute ein beliebtes Konzertstück. Seine Handlung basiert auf den Erzählungen aus Tausend und einer Nacht und wurde in der Choreographie Fokines und Nijinsky in der Rolle des ‚Goldenen Sklaven’ ein sensationeller Erfolg. ‚Shéhérazade’ prägte das Bild der Ballets Russes im Westen nachhaltig und löste mit seinen Jugendstil-Bühnenbildern und Kostümen eine orientalische Modewelle aus. Weltberühmt wurde Nijinsky durch den Riesensatz, mit dem er als ‚Spectre de la rose’ zur Musik Carl Maria von Webers nach einem der berühmtesten Pas de Deux der Geschichte aus dem großen Fenster des Bühnenbildes verschwand. Weltbekannt wurde auch der Feuervogel des jungen Strawinsky der in der Umsetzung Fokines nicht nur einen riesigen Erfolg feierte, sondern so etwas wie ein Russisches Nationalballett wurde. Mindestens ebenso bedeutend für Fokine waren auch die ‚Polowetzer Tänze’, die dieser für den zweiten Akt der Oper ‚Fürst Igor’ von Alexander Borodin choreographierte. Die martialischen Auftritte der stampfenden, springenden Tataren, vor dem schwülen Reigen der orientalischen Sklavinnen, die Eigenständigkeit des Corps des Ballet machten diesen Auftritt so erfolgreich dass Fokine ihn als eigenständiges Ballett präsentieren musste.

Mit der neuen DVD des Hauses Arthaus kann die Hommage des Kirov an den Clown Gottes, wie Nijinsky sich selbst bezeichnete, am heimischen Schirm nachvollzogen werden. Leider ist das Vergnügen aber nicht ungetrübt. Weder die DVD selbst noch das Booklet verraten Genaues über die Durchführung und die Grundlagen des Projekts. Naturgemäß existieren von keiner der Uraufführungen Filmaufnahmen. In welcher Form die Choreographien wiederbelebt, welche Rolle The Fokine Estate dabei spielte, in welchen Archiven die Kostüme und Bühnenbilder gefunden und wie sie rekonstruiert wurden – zu all diesen Fragen gibt es keine Antworten. Zumindest bezüglich der Kostüme sind leise Zweifel berechtigt, ob hundertprozentige Treue anhand historischer Vorlagen die oberste Maxime des Projekts war.

Indiskret

Und doch, ‚Shéhérazade’ und ‚Le Spectre’ lohnen allein durch Bühne und Kostüme. Mit dem Feuervogel ist sicher eine der spannendesten Aufführungen dieses Balletts auf Film gebannt und vor allem eine Möglichkeit gegeben, den ursprünglichen Intentionen Strawinskys und Fokines nachzuspüren. Das Ensemble des Kirov mit seinen Starsolisten, der Chor und das Orchester des Mariinsky-Theaters machen die Aufführung rund, wenn auch die indiskrete Kameraführung manche Ungenauigkeiten und Schwächen der Tänzer offenbart, die nicht für die Nahsicht bestimmt sind. Trotzdem ist die Aufführung des Kirov eine wunderbare Gelegenheit, in die Welt des Tanzes um 1910 einzutauchen und eine aufregende Periode der europäischen Theatergeschichte kennenzulernen. Mehr kann sie kaum sein. Denn die hervorragenden Tänzer können an das Besondere Nijinskys und der Ballets Russes für ihre Zeit nur erinnern; ihre Genialität wiederbeleben können sie nicht. Die Technik des Balletts von heute baut ja längst auf dem auf, was Nijinsky und Fokine vor fast hundert Jahren anstießen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    The Kirov celebrates: Nijinsky

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
1
15.11.2004
112:00
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4006680103921
100 392


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Borodin, Alexander
Rimsky-Korsakow, Nikolai
Strawinsky, Igor
Weber, Carl Maria von


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Interpret(en):Zakharova, Svetlana
Vishneva, Diana
Bazhenova, Elena
Rassadina, Polina
Baimuadov, Islom
Kolb, Igor
Ayupova, Zhanna
Ponomarev, Vladimir
Ruzimatov, Furukh
Yakovlev, Andrei G.


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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