> > > Henze, Hans Werner: Boulevard Solitude (Zwischenspiel)
Sonntag, 25. Oktober 2020

Henze, Hans Werner - Boulevard Solitude (Zwischenspiel)

Akademische Wildheit


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wie auch die letzte bei Wergo erschienene CD mit Werken Henzes enthält auch die vorliegende CD Kompositionen aus Henzes jungen Jahren, diesmal ausschließlich. Plant Wergo hier eine ganze Reihe? Alle Werke stammen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Henze war damals sehr produktiv. Innerhalb von fünf Jahren entstanden neben verschiedensten Werken drei Sinfonien, fünf Ballette und drei Opern. Die Auswahl bei Wergo scheint keinem anderen Prinzip zu folgen als dem der möglichsten Unbekanntheit. So erscheinen drei der fünf Werke als Ersteinspielung. Damit schließt die CD eine Lücke und gewinnt einen gewissen Wert für die Betrachtung der kompositorischen Entwicklung Henzes.

Hans Werner Henze war zu dieser Zeit fasziniert von einem ,vollen, wilden Wohlklang', oder, wie er es noch formuliert, ,Freiheit, wilder und schöner neuer Klang'. Eine sehr treffende Bezeichnung für die eigene Musik. Über ein 1949 geschaffenes Orchesterstück schrieb Henze, dass sich darin zum ersten Mal Stellen finden, ,in denen sich Poesie und Sujet mit der klanglichen Verwirklichung decken'. Zwei der vorliegend eingespielten Stücke stammen aus der Zeit vor 1949. Zwei Jahre zuvor, 1947, hatte sich Henze erstmals an die Zwölftontechnik gewagt, für ihn eine ,Eroberung eines Stückes Freiheit'. Mit einem Studium bei René Leibowitz gelang es Henze, die Gesetzmäßigkeiten der Dodekaphonie ,zu verstehen und sie nach und nach für seine eigene Musik umzudeuten' – was Henze so gut gelungen ist, dass man in seinen Stücken kaum die Zwölftontechnik erkennen möchte. Das jüngste Stück auf der CD ist das Kammerkonzert von 1946, noch ohne Zwölftontechnik. Henze nennt es im Booklet treffend seine ,erste mehr oder weniger gelungene Komposition'.

Peter Ruzicka als Dirigent hat sich den ,vollen, wilden Wohlklang' sehr zu Herzen genommen. Im Prinzip ist er so sehr mit der Erzeugung eines vollen, wilden Wohlklangs beschäftigt, dass alle anderen Ideen, die in der Musik stecken, untergehen. Schroff prallen die Gegensätze aufeinander, und ehe man es sich versieht, platzt schon der nächste Gegensatz herein. Bereits bekannte Motive huschen wie zufällig vor. Ruzicka zielt auf das Große und Ganze, nicht auf das Detail. Im Ergebnis klingen alle hier eingespielten Werke ziemlich gleich, es gibt kaum eine Stelle, die irgendwie in der Erinnerung haften bleibt – kaum gehört und schon wieder vergessen. Der volle, wilde Wohlklang wird akademisch gebändigt. Ziemlich ermüdend und unbefriedigend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Henze, Hans Werner: Boulevard Solitude (Zwischenspiel)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.09.2004
Medium:
EAN:

CD
4010228666328


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Henze, Hans Werner


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Dirigent(en):Ruzicka, Peter
Orchester/Ensemble:NDR-Sinfonieorchester
Interpret(en):Tainton, Christopher
Perl, Matthias


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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