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Sonntag, 25. Oktober 2020

Paradisi Gloria - Psalms

Funkelnde Schmuckstücke


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ob die Frage, inwieweit zwischen großer und vermeintlich weniger wichtiger Musik zu unterscheiden ist, wirklich beantwortet werden kann, ist – wie eigentlich schon immer – offen. Vielleicht sollte das auch so bleiben, selbst auf die Gefahr hin, dass immer wieder ‚Neuentdeckungen’ zu Gehör kommen, deren Archivaufenthalt eine ‚Verlängerung’ durchaus vertragen hätte. Denn vieles, das wieder den Weg in die Konzertsäle findet, ist zweifellos eine Bereicherung und manches Kleinod aus vergessenen Tagen und verdrängten Genres erstrahlt in neuem Glanz.
In diesem Sinne sah sich das Münchner Rundfunkorchester unter der konzeptionellen und musikalischen Leitung Marcello Viottis im Heiligen Jahr 2000 in der Pflicht, anspruchsvolle geistliche Musik des 20. Jahrhunderts in einer eigenen Konzertreihe ‚Paradisi gloria’ aufzuführen. Einige der Mitschnitte sind nun auf einer Platte versammelt und geben einen sehr schönen Einblick in die Sphäre dieses selten gespielten Repertoires.

In der Person Alexander Zemlinskys fanden christliche und jüdische Tradition zusammen und prägten seinen geistigen Habitus als den eines religiösen Kosmopoliten. Als seinen Beitrag gegen den sich immer mehr verschärfenden Antisemitismus verstand er die 1935 entstandene Vertonung des 13. Psalms op. 24 für Chor und Orchester: Ein großflächig angelegtes Stück mit eindrucksvollen Steigerungen integriert alle Mittel und Potentiale des großen ‚Apparats’ unter gleichberechtigter Einbeziehung des Chores. Archaische Unisoni im spätromantischen Gewand werden in großen und spannungsvollen Bögen geführt. Völlig anders geartet tritt uns der Psalm ‚Tehillim’ für Sopran und Orchester des Komponisten und Dirigenten Igor Markevitch entgegen: In rhythmischer Komplexität, mit eckig-rauer Linienführung. Gleichwohl findet der vor allem als Strawinsky-Dirigent berühmt gewordene Markevitch im Mittelteil seiner dreisätzigen Komposition zu wundervollen lyrischen Momenten, getragen von einem innigen Flötensolo, bevor er den Schluss in wiederum dissonanter Dramatik durch die deklamatorische Solostimme vorantreiben lässt.

Wenn Erich Wolfgang Korngold wirklich bekannt ist, dann entweder als Wunderkind der großen Oper mit ausladenden Werken voller früh gereifter Meisterschaft, oder als Initiator und Protagonist einer künstlerisch anspruchsvollen Filmmusik im Hollywood der 1930er Jahre – was ihm nicht gerade einen Platz im Herzen der Kritik eingetragen hat. Zu Unrecht, wie nicht nur simples Nachdenken sondern auch ebenso einfaches Hinhören eindrücklich zu beweisen vermögen: Nicht nur ein wundervolles Violinkonzert aus dem Jahr 1945 zeigt den – zwar im spätromantischen Gewand schreibenden und deshalb von den Vertretern der Avantgarde gering geschätzten – reifen Komponisten, auch der ‚Passover Psalm’ op. 30 aus dem Jahr 1941 bringt uns den an der Dramaturgie geschulten Affektkomponisten näher. Enorme organische Steigerungen, getragen von lyrischer Gestaltungskraft dominieren das Klangbild. Zart wechseln Soli und Chor, ebenso innig gestaltet sich ein eindrücklicher Männerchorabschnitt, der bei aller tief empfundenen Emotionalität, zugegeben, ganz scharf an der ‚Kitschgrenze’ entlangschrammt. Zum ohnehin opulent besetzten Orchester treten dann am Ende Schlagwerk und Orgel – und eine sich massiv auftürmende und beinahe ‚unverschämt’ gesteigerte Apotheose bricht sich Bahn.
Wesentlich gesammelter zeigt sich der bereits 1913/14 entstandene ‚Psalm 22’ für Bariton und Kammerorchester des schweizerischen Komponisten Ernest Bloch. Er verbindet archaische Tonmodelle mit einer modernen Orchestrierung. In bewegter Agogik findet auch Bloch zu emotionaler Intensität, wenngleich in einer kompositorisch avancierteren Haltung, die seinem Prinzip der Verbindung spätromantischer, moderner und genuin jüdischer Elemente zu einer anspruchsvollen jüdischen Musik Rechnung trägt, ohne in bloß folkloristische Muster zu verfallen.

Charme des Konzerts

Unter der Leitung verschiedener Dirigenten waren das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks die wichtigsten Träger der Konzertreihe. Sie musizieren überwiegend in ausgewogener Klanglichkeit, wobei der Nachweis der Schlagkraft und der Befähigung zur großen Geste im Vordergrund stehen. Bei Markevitch, Korngold und Bloch gesellen sich Solisten hinzu, die allesamt über dramatisches Potential verfügen und sich als souveräne Gestalter zeigen. Der Preis für das – in musikalisch-technischer Hinsicht eindrucksvolle – Live-Erlebnis ist eine wenig durchsichtige Klanglichkeit. Schon die vielleicht etwas allzu große Geste lässt den Klang manches Mal zu flächig und großzügig erscheinen - die Raumeffekte tun ein übriges, um das Klangbild nicht optimal ausgeleuchtet wirken zu lassen.
Dennoch ermöglicht die Platte einen schönen Blick auf selten ausgestellte Schmuckstücke geistlichen Komponierens im 20. Jahrhundert, der sich unbedingt lohnt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Paradisi Gloria: Psalms

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
1
06.09.2004
Medium:
EAN:

CD
0881488403626


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Bloch, Ernest
Korngold, Erich Wolfgang
Markevitch, Igor
Zemlinsky, Alexander von


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Dirigent(en):Halsey, Simon
Ruzicka, Peter
Rundel, Peter
Gläser, Michael
Viotti, Marcello
Orchester/Ensemble:Münchner Rundfunkorchester


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


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