> > > Neuwirth, Olga: Bählamms Fest
Donnerstag, 21. März 2019

Neuwirth, Olga - Bählamms Fest

Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Für Olga Neuwirth hat Musik nicht den Sinn ,einzulullen und gefügig zu machen'. Vielmehr soll die Musik als Mittler von Gedanken Anreiz und Unterstützung sein, ,das Gewohnte zu begreifen, das Herrschende zu überwinden und ins Unbekannte vorzustoßen'. Damit trifft Olga Neuwirth das Wesen aller Kunst. Der Mensch wird in die Welt hineingeboren. Gewohnheiten, Sprache, Traditionen, alles wird übernommen. Vieles hat längst seinen Sinn verloren, trotzdem hält man daran fest. Nur die wenigsten unserer Gewohnheiten und Handlungen sind uns bewusst, nur die wenigsten haben wir verstanden. Kunst entbirgt Wahrheit, und darum ist es die Aufgabe des Künstlers, die Welt zu öffnen.

Das Libretto für ,Bählamms Fest' schrieb Elfriede Jelinek nach Leonora Carringtons surrealistischem Theaterstück von 1940 ,Das Fest der Lämmer'. Die Familie, eigentlich ein Rückzugsgebiet von der Welt, ein Ort zu eigener Stärke zu gelangen, ist in ,Bählamms Fest' ein Ort der Enge und Unterdrückung. Surrealistisch ist hier vor allem die Überzeichnung des wölfischen Elements des Menschen. Schon der Familienname deutet es an, ,Carnis', eine Abwandlung von ,canis', lateinisch für ,Hund'. Die alte Dame, Mrs. Carnis, hat zwei Söhne, Philip und Jeremy. Jeremy ist halb wölfisch, Vater ist der Hund Henry. Robert, der Kammerdiener, trägt ein Hundefell zum Livree und verkörpert als ,Schäfer' eher einen Hirtenhund. Elisabeth und Theodora, die erste und zweite Frau Philips, finden ihr Vergnügen am Reißen von Lämmern. Theodora, die von Philip misshandelt wird, schließt sich verliebt Jeremy an, zieht mit ihm durch die Heide und überfällt mit ihm das Fest der Lämmer. Philip hetzt mit einer Meute Polizisten seinen Bruder Jeremy zu Tode. Hier sind die Menschen einander Wölfe, zerfleischen und bekämpfen einander, statt sich gemeinsam in der Entfaltung ihrer individuellen Besonderheiten zu unterstützen. Am Ende verstößt auch der Geist Jeremies Theodora, weil sie als lebendige seinem Wunsch, immer jung und schön zu bleiben, nicht entsprechen kann. Außerdem treten auf eine ertränkte Katze, ein blinder Kanarienvogel, ein gekochter Goldfisch, das Skelett einer Ratte, eine Spinne, ein Schafbock und eine Fledermaus.

Ein nicht unerheblicher Teil des Textes wird gesprochen. Der Gesang bezeichnet meist ein Übergleiten des Realen ins Surreale. Die Musik ist von gewaltiger bildlicher Kraft. Sie umgibt und zeichnet das Geschehen mit vielfältigsten surrealen Traumbildern, bei denen (wie im Traum) jeder Versuch eine Struktur zu erkennen scheitert. Der Instrumentalklang des solistisch gebrauchten Kammerorchesters verschmilzt einerseits mit den elektronischen Klängen wie andererseits die menschlichen Stimmen mit eigenen elektronischen Verfremdungen (z. B. als Klangmorphing) verschmelzen. Nie weiß man, was man hört, obwohl man es doch klarer nicht hören kann ? eine gelungene Evokation einer surrealistischen Traumwelt. Wenn man beispielsweise die Bilder Salvatore Dalís oder Yves Tanguy zum Vergleich heranzieht: Olga Neuwirths Welt ist weit phantasievoller. Und trotz aller Vielfalt und des eher verschreckenden Geschehens vermittelt ,Bählamms Fest' eine gelassene Größe, wie sie etwa der Leser von Homer ,Illias' im größten Schlachtengetümmel erfährt.

Insofern kann zur Interpretation nicht viel gesagt werden, außer dass die Verschmelzung zwischen Instrumentalklang, menschlichen Stimmen und elektronisch erzeugten Klängen hervorragend gelungen ist und dies auf der vorliegenden CD trotz der Klanggewalt ohne Abstriche wiedergegeben wurde. Ein kleines Manko nur im ansonsten ausgezeichneten Booklet: der Text des Librettos stimmt oft nur sinngemäß mit dem inszenierten Text überein.

Für mich ist die vorliegende Einspielung der Uraufführung eine der wichtigsten und empfehlenswertesten Neuerscheinungen des letzten Jahres. Möge ,Bählamss Fest' doch auch ein Anlass für die Intendanten unserer Opern- und Konzerthäuser sein, einmal darüber nachzudenken, ob sie Musik-Museen oder Orte von gesellschaftlicher Bedeutung sein wollen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Neuwirth, Olga: Bählamms Fest

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Kairos
2
19.11.2003
1:33:08
1999
2003
EAN:
BestellNr.:

9120010280078
0012342KAI


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Neuwirth, Olga


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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