> > > Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu: Gardellino Baroque Orchestra, Bart van Reyn
Samstag, 25. Juni 2022

Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu - Gardellino Baroque Orchestra, Bart van Reyn

Meisterlich


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Carl Philipp Emanuel Bachs 'Auferstehung und Himmelfahrt Jesu' ist ein Meisterwerk, das die Begegnung unbedingt lohnt. Il Gardellino und der Flämische Radiochor unterstreichen das mit einer frischen und gehaltvollen Interpretation.

Das Libretto von Karl Wilhelm Ramler zum Oratorium ‚Auferstehung und Himmelfahrt Jesu‘, das neben Carl Philipp Emanuel Bach auch dessen Patenonkel Georg Philipp Telemann oder sein ehemaliger Vorgesetzter am preußischen Hof Carl Heinrich Graun vertonten, war eine ähnliche künstlerische Erfolgsgeschichte wie es für den Bereich der Passionsthematik ‚Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus‘ von Barthold Heinrich Brockes gewesen war, dem einige Jahrzehnte zuvor ebenso Telemann, dazu Händel oder Mattheson musikalisch Ausdruck verliehen hatten. Jetzt, bei Bach, ging es um die Geschichten von Auferstehung und Himmelfahrt in kompakter Form und ohne allegorische Figuren: Die drei auftretenden Solisten stehen gleichermaßen für alle Sphären und die Gesamtperspektive. Der Chor wird dosiert eingesetzt, zudem ließ Bach die von Ramler vorgesehenen Choräle fort, was den chorischen Beitrag in Wirkung und Präsenz noch einmal schärft. Die für Bachs Werk typische Instrumentalkunst manifestiert sich einerseits in den fast schon konzertant üppigen Arien oder auch Chören, die im Bereich der Instrumentalpartien im Vergleich zu den Sinfonien oder Konzerten im Grunde keinerlei Einbußen an vielfarbiger Fülle zu verzeichnen haben und stattdessen aufregend gesetzte Begleittexturen exponieren. Andererseits sind diese Qualitäten auch in den Rezitativen zu erleben, die komplex gestaltet sind und Bachs gelegentlich erratisches Idiom erstaunlich deutlich spiegeln, mit Streicher-Gloriolen auch stimmungssatt im Klang sind. Paradebeispiel für diese rezitativische Qualität ist die Ostermontagsszene der Emmaus-Jünger, die Bach in einem ausgedehnten Rezitativ als Geschichte in der Geschichte schreibt und damit quasi szenisch und mit dramaturgischer Überzeugungskraft einen eigenen kleinen Akt umschreibt.

Versierte Kräfte

Eine aktuelle Produktion führt beim belgischen Label Passacaille den Flämischen Radiochor und das Barockorchester Il Gardellino zusammen, geleitet von Bart Van Reyn. Der Chor agiert mit 27 Stimmen in luziden Registern, die beweglich und schlagkräftig singen, zugleich geschmackvoll in der Tongebung und stabil in Intonation und Diktion. In den Schlusschören der beiden Teile entfaltet die Formation dann auch eine chorspezifische, technisch solide fundierte Virtuosität, die den Chor als starkes Instrument von eigenem Rang erkennbar werden lässt.

Das Orchester Il Gardellino ist in der Vergangenheit im Zusammenspiel mit zahlreichen Solisten und Dirigenten schon oft günstig hervorgetreten und erweist sich auch hier als eminente Größe: Es ist ein vitales Spiel voller Saft und Kraft zu hören, das Geschehen vibriert geradezu unter dem intensiven Zugriff der Musikerinnen und Musiker. Dabei bleibt die Tongebung immer geschmackvoll und gefasst. Das bei Bach rasch sich fortentwickelnde harmonische Geschehen bekommt eine feine Präsenz, auch dank perfekter Klangkontrolle und Spielkultur.

Vokalsolistisch liegt die Verantwortung bei der Sopranistin Lore Binon, dem Tenor Kieran Carrel und dem Bariton Andreas Wolf. Binon verfügt über einen schönen Stimmstrahl, der mit sanftem, stets kontrolliertem Vibrato veredelt ist. Die vorhandene Schlagkraft wird klug und mit Geschmack dosiert – bei im Grunde ausgeglichenen Registern, leichte Schärfen in der Höhe einbegriffen. Kieran Carrels harmonisch gebaute lyrische Stimme prunkt mit einer ebenso natürlichen wie klaren Diktion, dazu vor allem mit leichten Höhen voller Charme und diskreter Strahlkraft. Carrel erweist sich, wenig überraschend, als idealer Duettpartner für Lore Binon und beweist darüber hinaus in seiner großen Arie ‚Ich folge dir, verklärter Held‘ auch seine technische Sattelfestigkeit. Andreas Wolf verfügt neben eloquenter Gestaltungskraft vor allem über einen ungemein schönen Stimmkern, der Gesten voller Autorität und zugleich Geschmeidigkeit ermöglicht, in allen Lagen mit natürlicher Substanz versehen.

Variabel in Szene gesetzt und: Bachs feine Nase

Bart Van Reyn gestaltet die Szenerie in Sachen Tempi höchst variabel, in entschiedenen Gestalten; alles Mittelmaß wird fortgelassen. Dennoch: Jede Geste ist dramaturgisch motiviert und entspringt keiner Neigung zum Tempo-Wettstreit. Dynamisch geraten die für Bach typischen jähen Wechsel – das ebenso rasche Erblühen wie das Ersterben kleinster Passagen – eindrucksvoll. Die im Antwerpener Musikzentrum Amuz entstandene Aufnahme vereint in ihrem Klangbild klare Plastizität mit angenehmer Wärme, Strukturklarheit mit harmonischer Balance. Besonders der Orchesterklang ist perfekt gestaffelt und reich an Details.

Carl Philipp Emanuel Bach hatte sich nach Entstehung seines Werks in einem langen Briefwechsel mit dem Leipziger Verleger Breitkopf für den Druck dieses Werkes eingesetzt, dessen Rang und Ewigkeitswert ihm offenbar vollkommen klar vor Augen standen. Er schrieb: ‚Diese Ramlersche Cantate ist zwar von mir, doch kann ich ohne närrische Eigenliebe behaupten, daß sie sich viele Jahre erhalten wird, weil sie von meinen Meisterstücken ein beträchtliches mit ist, woraus junge Componisten etwas lernen können. Mit der Zeit wird sie auch so vergriffen werden, wie Grauns 'Tod Jesu'. Anfänglich hapert's mit allen solchen Sachen, die zur Lehre u. nicht für Damen und musikalische Windbeutel geschrieben sind.‘

Einmal abgesehen von den etwas rauen Formulierungen am Schluss beweist sich hier Bachs feine Nase: Es ist in der Tat ein Meisterwerk, das die Begegnung unbedingt lohnt. Il Gardellino, der Flämische Radiochor und die drei Solisten unterstreichen das mit einer frischen und gehaltvollen Interpretation.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu: Gardellino Baroque Orchestra, Bart van Reyn

Label:
Anzahl Medien:
Passacaille
1
Medium:
EAN:

CD
5425004841155


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Bach, Carl Philipp Emanuel


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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