> > > Telemann: Kantaten 1714/1715: Gutenberg Soloists, Neumeyer Consort, Felix Koch
Mittwoch, 30. November 2022

Telemann: Kantaten 1714/1715 - Gutenberg Soloists, Neumeyer Consort, Felix Koch

Auftakt


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese erste Doppel-CD mit zehn Telemann-Kantaten des Französischen Jahrgangs verdient sich dank frischen Zugriffs hohes Lob: Felix Koch, seine Ensembles und Solisten bieten einen rundum gelungenen Auftakt.

Von Georg Philipp Telemann sind allein 72 groß besetzte Kirchenkantaten des sogenannten Französischen Jahrgangs von 1714/15 in Kopien und Abschriften nahezu komplett überliefert. Sich einem solchen Konvolut systematisch anzunähern und gemeinsam mit einem Verlag im Rücken – hier sind es die Australier von Canberra Baroque – auch editorisch aufzubereiten, ist hoch verdienstvoll. So tut es Felix Koch mit seinen Gutenberg Soloists und dem Neumeyer Consort jetzt bei cpo; eine erste mit zehn Kantaten randvolle Doppel-CD zeugt davon, dass sich dieses Vorhaben auch künstlerisch lohnt. Denn bei aller Vielfalt, die die aktuelle Rezeption im Werk Telemanns generell zutage bringt: Das große Reich der Kantaten wird dabei bislang reichlich stiefmütterlich behandelt. Hier also, unterstützt auch durch den Südwestdeutschen Rundfunk, die Universität Mainz, die maßgeblichen deutschen Telemann-Forschungsstätten und großzügige Spendern, wird ein Projekt angeschoben, dass die großen Lücken zumindest für einen kompletten Jahrgang schließen hilft.

Warum wird er der Französische Jahrgang genannt? Zunächst, weil alle Sätze durchgängig in der Grundtonart stehen, ganz so wie die Sätze einer Suite. Dazu werden in den vokal-instrumentalen Abschnitten verschiedener Ausformung die Tanzrhythmen von Courante, Sarabande oder Loure gespiegelt. Formal einheitlich ist die Gesamtanlage aber gleichwohl nicht, wird die Ritornell-Form doch ebenso verwendet wie Chöre und vor allem Rezitative italienischer Prägung. Der oft nahtlos ineinanderfließende Wechsel von Chor und Solo ist dagegen der französischen Oper entlehnt und dürfte beim gebildeten Publikum der Zeit auch als solche Anleihe verstanden worden sein.

Inhaltliche Kontexte und Neumeisters Beitrag

Dem Zyklus liegen Texte von Erdmann Neumeister aus dessen Sammlung ‚Geistliche Poesien, mit untermischten Biblischen Sprüchen und Choralen‘ zu Grunde. Telemann und Neumeister kannten und schätzten sich aus ihrer gemeinsamen Zeit im schlesischen Sorau. Und das geschlossen hohe Niveau der geistlichen Dichtungen beflügelte Telemanns musikalische Fantasie und Tatkraft auf bemerkenswerte Weise: Was da an textinduzierter musikalischer Vitalität entfaltet wird, ist oft exzeptionell gehaltvoll.

Die erste der beiden Platten beinhaltet fünf Kantaten für den 17. bis zum 21. Sonntag nach Trinitatis – eine Zeit, deren Sonntage mit der Zuschreibung leben müssen, ‚die Zeit nach Pfingsten und vor dem Ende des Kirchenjahres ohne nennenswerte Höhepunkte überbrücken zu müssen‘, wie es Birger Petersen als einer der Autoren im stimmigen Booklet pointiert schreibt. Doch hinderte diese Zuschreibung Telemann offenkundig nicht daran, fantasievolle, formal differenzierte Musik zu setzen, die die textlichen Grundlagen edel ausformuliert und der Schaffenskraft des Komponisten offenkundig eine ideale ‚Spielwiese‘ war. Keine der Kantaten ist ohne Belang oder eine bloße Pflichtübung. Nicht anders ist die Situation bei dem Kantaten-Fünfer der zweiten Platte, die für die Fastenzeit bis einschließlich Palmsonntag 1715 geschrieben wurden. Sie entbehren zwar einer vielleicht hier zu erwartenden zerknirschten Düsternis – Telemann sah das Passionsgeschehen hörbar eher als ‚tröstliches Erlösungswerk‘. Doch warten auch sie mit vielen Belegen für die Satzkunst des Komponisten auf, etwa den so typischen Beispielen dafür, dem Klang und den Eigenschaften aller Instrumente wunderbar idiomatisch entsprechen zu können.

Frischer Angang

Die Vokalsolisten für dieses Projekt sind überwiegend jung und noch am Beginn ihrer Karrieren, singen konsequenterweise gemeinsam als Gutenberg Soloists auch die chorischen Anteile und treten je für die Soli hervor. Im Einzelnen sind es die Sopranistin Julie Grutzka, die Altistinnen Rebekka Stolz und Larissa Botos, der Tenor Fabian Kelly und der Bass Julian Dominique Clement. Dazu treten, in den Projektphasen auch als Coaches beteiligt, die Sopranistin Elisabeth Scholl und der Bass Hans Christoph Begemann, beide als Professoren an der Mainzer Musikhochschule aktiv. Die jungen Stimmen haben überwiegend schon ein deutliches Profil gewonnen, wirken bei aller Qualität zugleich am Beginn ihres Weges. Es wird nicht schmalstimmig oder monochrom gesungen, dabei durchweg eloquent und mit natürlicher Diktion. Erstaunlicherweise ist es Elisabeth Scholl, deren Vortrag mit einzelnen artifiziellen Vokalfarben gelegentlich weniger idiomatisch wirkt.

Die mit zwölf Köpfen angenehm schmal besetzten Gutenberg Soloists wirken ebenso frisch, sind klar registriert, agieren beweglich, dabei auch zur klanglich entschiedenen Geste befähigt. Virtuose Herausforderungen werden ohne erkennbare Mühen bewältigt, fugierte Anlagen prägnant expliziert. Dazu kommen fein leuchtende Choräle. Das Neumeyer Consort ist in der Besetzung mit Streichern, Oboen und Basso continuo stabil formiert und geradezu ‚klassisch‘ zu nennen für die reifende Kantate jener Zeit. Wenige Ausweichungen mit Blockflöten und drei Fagotten bieten wie andere Partien Raum für delikates Spiel voller Lebendigkeit. Betont prägnant geben sich die Instrumentalisten in Rhythmik und Struktur.

Felix Koch führt diese potenten Kräfte durch entschieden geformte Klanggestalten, die glückend aufeinander bezogen sind, dadurch Abwechslung und Kurzweil garantieren. Durch mehr als zwei Stunden Spielzeit hindurch ist die Intonation makellos, gibt es keinen Moment der Irritation oder Unklarheit. Die Sprache Neumeisters wird mit Geduld und Präzision verlebendigt, doch nicht ganz ohne Manierismen, etwa beim im Grunde wunderbar souveränen, gelegentlich aber überzeichnenden Hans Christoph Begemann. Die klangliche Realisierung bietet ein klares Bild, reich an Substanz, schön in Struktur und Balance.

Telemanns Kantaten so wie hier einer systematischen künstlerischen Befragung zu unterziehen ist an sich schon hoch verdienstvoll. Diese erste Doppel-CD mit zehn Kantaten des Französischen Jahrgangs verdient sich dank frischen Zugriffs auch ansonsten hohes Lob: Felix Koch, seine Ensembles und Solisten bieten einen rundum gelungenen Auftakt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Telemann: Kantaten 1714/1715: Gutenberg Soloists, Neumeyer Consort, Felix Koch

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203543625


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Telemann, Georg Philipp
 - Jesu, meine Freude -
 - Ach wie lang, ach lange -
 - Gottes Lamm, mein Bräutigam -
 - Wenn ich nur dich habe -
 - O eine Seligkeit -
 - Schlage bald gewünschte Stunde -
 - Wie bin ich doch so herzlich froh -
 - Ich werfe mich zu Deinen Füßen -
 - Du bist der Gnadenthron -
 - O wie wohl ist mir zu Muthe -
 - Lobe den Herrn, meine Seele -
 - Kommt alle her -
 - Der Mensch ist gottloß und verflucht -


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Dirigent(en):Koch, Felix


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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