> > > Heinrich Schütz: Historia Nativitatis: Ensemble Polyharmonique
Dienstag, 27. September 2022

Heinrich Schütz: Historia Nativitatis - Ensemble Polyharmonique

Weihnachtsglanz in neuem Gewand


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es ist dies die vielleicht gelungenste Weihnachtsplatte der Saison 2021: Ein großer Wurf zur Weihnachtszeit. Das Ensemble Polyharmonique glänzt.

Einspielungen der Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz gibt es nicht wenige, auch hervorragende sind darunter. Das Werk aber mit Schütz‘ Segen aus dessen eigenem Vorwort als Anregung für eine eigene Zusammenstellung aufzufassen, das wagt auf der aktuell bei cpo erschienenen Platte höchst originell das Ensemble Polyharmonique. Schütz selbst hat in seinem Vorwort kundgetan, dass er ‚…es frey stellen thut, solche Zehen Concerten (derer Texte auff diesen Abdrücken, auch mit zu befinden sind) auff die ihnen beliebende Manier und vorhandenes Corpus Musicum, gar auffs neue anders selbst aufzusetzen, oder durch andere componiren zu lassen.‘

Heinrich Schütz hatte lediglich die Einzelstimmen des Evangelisten und des Basso continuo zum Kauf angeboten, die Musik der zehn teils virtuosen vokal-instrumentalen Concerti aber zurückgehalten – schier um die Qualität etwaiger Aufführungen besser absichern zu können. Wer wollte, konnte beim Dresdner Kreuzorganisten Alexander Hering oder beim Leipziger Thomaskantor Sebastian Knüpfer ‚umb eine billiche Gebühr‘ die entsprechenden Materialien leihen. Schütz also öffnete einen Raum, der neben seiner eigenen Komposition auch die Verwendung anderer Musik ermöglichte. Alexander Schneider, Altus sowie Primus inter Pares im Ensemble, und seine Mitstreiter sind im unmittelbaren mitteldeutschen Umfeld Schütz‘ reichlich fündig geworden – es könnte sich also, ganz musikpraktisch gedacht und gehandelt, tatsächlich irgendwo zu jener Zeit so zugetragen haben. Ganz ohne Schütz geht es nicht, aus der Geistlichen Chormusik 1648, aus dem zweiten Teil der Kleinen Geistlichen Konzerte ist Musik zu hören; dazu kommt das zweite Intermedium aus seiner Weihnachtshistorie als einziger Satz aus dem Original – neben dem Evangelistenpart selbstverständlich.

Gleichrangig daneben stehen etliche illustre Namen wie Andreas Hammerschmidt, Tobias Michael, Johann Eccard, Melchior Franck, Johann Rosenmüller, Sethus Calvisius, Michael Praetorius, Johann Hermann Schein, Samuel Scheidt, Bartholomäus Gesius oder Wolfgang Carl Briegel, aber auch weniger vertraute Größen wie Philipp Dulichius, Stephan Otto oder Johann Georg Carl: Sie alle steuern verschiedenartige Sätze motettischer, konzertanter oder gar liedhafter Ausprägung bei. Gegliedert ist das in drei sinnfällige Teile, die mit ‚Prolog – Advent und Mariae Verkündigung‘, dann ‚Geburt Jesu und Anbetung der Hirten‘ sowie schließlich ‚Anbetung der heiligen drei Könige und Flucht nach Ägypten‘ sinnfällig betitelt sind. Der zweite und der dritte Teil sind durchzogen von Schütz‘ originalem Evangelistenbericht, der sich affektiv deutlich von älteren Traditionen emanzipiert hat. Es handelt sich also um eine an Farben angereicherte, multiperspektivische Version, im Grunde so, als hätten die Aufführenden eben nicht die von Schütz zurückgehaltenen Noten bei Hering oder Knüpfer bestellt, sondern die fehlenden Sätze aus Beständen des eigenen Archivs bestritten. Gewiss war dem Ensemble die Auslese der Werke in der Vielzahl der Möglichkeiten nicht leicht und vor allem neu zu konzentrieren auf die vokale Sechsstimmigkeit des Ensembles, ergänzt um ein überschaubares Instrumentarium aus zwei Violinen, Theorbe, Harfe, Dulzian, Violone und Orgel.Doch gelungen ist sie ganz ausgezeichnet.

Herausragendes Ensemble

Das in den vergangenen Jahren in beeindruckendem Tempo sich profilierende Ensemble Polyharmonique singt in der Besetzung mit Magdalene Harer und Joowon Chung (Sopran), Alexander Schneider (Altus), Johannes Gaubitz und Sören Richter (Tenor) sowie Matthias Lutze (Bass). Diskografisch haben die Sechs merkliche Akzente gesetzt, für den zu Unrecht im Schatten berühmterer Kollegen stehenden Thomaskantor Tobias Michael ebenso wie für den notorisch unterschätzten Andreas Hammerschmidt, dazu auch im edelsten Kern des Repertoires mit einer feinen Auswahl an Motetten aus Heinrich Schütz‘ Geistlicher Chormusik. Stets hat sich die Formation als herausragend klangfrisches Ensemble von natürlicher Eloquenz gezeigt, das den hohen Ansprüchen an gegenwärtige Interpretation derartiger Musik mühelos einen glänzenden Schein zu verleihen und zudem eigene Akzente zu setzen verstand. Auch hier, in diesem feinen Panorama – das mit reichlich 80 Minuten Spielzeit übrigens auch das aufführungspraktische Problem der Weihnachtshistorie Heinrich Schütz‘ löst, um welche Werke diese zu ergänzen sei, damit sich ein Konzertprogramm ergebe – gelingt eine perfekt balancierte Ensemblepräsentation.

Unterstützt wird sie von dem angesprochenen feinen Instrumentarium: Martyna und Adam Pastuszka spielen Violine, Juliane Laake Violone, Moni Fischalek Dulzian, Magnus Andersson Theorbe, Maximilian Ehrhardt Harfe und Klaus Eichhorn Orgel. In intensivem Zusammenspiel legen sie den Odem des ästhetisch Gemeinsamen über das Geschehen, die Violinen mit mildem Glanz, der Basso continuo mit vielfarbiger Struktur, gerade die Harfe mit schönen Akzenten und sehr präsenter Farbigkeit. Das Ensemble agiert rhythmisch präzis und in insgesamt plastischen Klanggestalten.

Kunstfertig erzählt

Das alles vollzieht sich in erfreulich frisch fließenden Tempi, nirgends ist Stillstand zu beklagen – Inseln des Verhaltenen wie Praetorius‘ ‚Es ist ein Ros entsprungen‘ strahlen umso mehr. Dynamisch werden die Möglichkeiten der Besetzung selbstbewusst aufgefächert, sind klare Akzente zu hören, verliert man sich weder vokal noch instrumental in nobler Zurückhaltung. Natürliche Diktion und ein eleganter Sprachfluss strukturieren den gesamten Ansatz, der gleichwohl ohne jede Vordergründigkeit oder gar Zeigefingrigkeit auskommt: Es ist einfach Musik, die – kunstfertig freilich – erzählt wird. Und das in makelloser Intonation, in den zahlreichen Soli ebenso wie im Verbund des Ensembles. Aufgenommen wurde das Programm in der Christuskirche Berlin-Oberschöneweide, mit einigem Hall und räumlicher Wirkung, ist zugleich aber voller Plastizität und Struktur, in gelungener Balance aller Teile.

Es ist dies die vielleicht gelungenste Weihnachtsplatte der Saison 2021: Ein großer Wurf zur Weihnachtszeit. Das Ensemble glänzt seit einigen Jahren mit exzeptionell gestalteten Projekten, die neben der relevanten Programmierung ganz vordergründig eint, dass sie sämtlich hervorragend gesungen sind. Hier, von Heinrich Schütz und seinem gedanklichen Ansatz inspiriert, überzeugen sie mit einem großartigen Panorama mitteldeutscher Musik des 17. Jahrhunderts. Ein schöner Akzent.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Heinrich Schütz: Historia Nativitatis: Ensemble Polyharmonique

Label:
Anzahl Medien:
cpo
2
Medium:
EAN:

CD
761203543229


Cover vergössern

Schütz, Heinrich


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Angelegentlich: Max Bruch profiliert sich hier nicht als Klavierkomponist. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Finale: Das Werk ist vollbracht – Johann Kuhnau in acht Folgen: Wer einen umfassenden Eindruck mitteldeutscher geistlicher Musik um 1700 gewinnen möchte, kommt an dieser löblichen Reihe von Opella Musica und camerata lipsiensis nicht vorbei. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Entdeckung eines Komponisten: Der Wolfenbütteler Komponist Schürmann erweist sich auf einer hörenswerten CD als Meister der weltlichen und geistlichen Kantate. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Frisch und dringlich: Fahmi Alqhai ist gerade im älteren spanischen Repertoire mit seiner Accademia del Piacere ein Garant für lebendige, bezwingende Deutungen. Alles ist hier so klar, frisch und dringlich, als sei es für die heutige Zeit geschrieben worden. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Memorabilien: Mit leichter Hand zeichnen Katharina Bäuml und ihre Capella de la Torre ein Monteverdi-Bild, das etliche Preziosen zueinander fügt – mit rhythmischer Verve und einer erstaunlichen Portion Lässigkeit. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Finale: Das Werk ist vollbracht – Johann Kuhnau in acht Folgen: Wer einen umfassenden Eindruck mitteldeutscher geistlicher Musik um 1700 gewinnen möchte, kommt an dieser löblichen Reihe von Opella Musica und camerata lipsiensis nicht vorbei. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2022) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich