> > > Reinecke: Complete Piano Trios: Hyperion Trio
Freitag, 30. September 2022

Reinecke: Complete Piano Trios - Hyperion Trio

Handwerklich solide, aber recht brav


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aus den hier versammelten Werken für Klaviertrio von Carl Reinecke ragt das erste Trio op. 38 heraus. Die übrigen Stücke wirken dagegen bisweilen etwas blass.

Im Jahr 1892 war der Komponist Carl Heinrich Reinecke (1824 bis 1910) schon so berühmt, dass eine Biographie über ihn erschien. Verfasst hat sie der Violinist und Musikschriftsteller Wilhelm Joseph von Wasielewski, der im Vorwort schreibt: 'Lediglich kam es darauf an, eine gedrängte Schilderung seines [Reineckes] vielfältigen Wirkens zu geben, deren Vervollständigung in biographischer und kritisch[-]ästhetischer Hinsicht einer späteren Zeit überlassen sei.' Leider ist es zu dieser Vervollständigung über hundert Jahre lang nicht gekommen – bis zum Erscheinen der Monographie von Katrin Seidel (Carl Reinecke und das Leipziger Gewandhaus, 1998) blieb Wasielewskis Werk die aktuellste Biographie.

Die Gründe für das zwischenzeitlich fast vollständige Verschwinden von Reineckes Werken aus dem Repertoire (ausgenommen vielleicht seine Flötensonate 'Undine' op. 167) sind zahlreich und bieten Stoff für eine eigene Untersuchung; der immer wieder erhobene Vorwurf des Mendelssohn- und Schumann-Epigonentums und der radikale Stilwandel spätestens nach dem Ersten Weltkrieg dürften dabei zentrale Rollen gespielt haben. Doch nicht nur in der Musikwissenschaft hat sich der Wind gedreht, zuletzt hat sich ein Sammelband der Musikhochschule Leipzig mit Reineckes Wirken auseinandergesetzt. Auch die Musiker entdecken das Œuvre des einst Vergessenen zunehmend wieder – insbesondere seine Kammermusik. Da Reinecke ein exzellenter Pianist war, überrascht es nicht, dass das Klavier in vielen seiner Stücke eine wichtige Rolle spielt, so auch in den beiden Klaviertrios opp. 38 und 230 sowie den beiden kürzeren, als Serenaden bezeichneten Stücken für die gleiche Besetzung.

Das Hyperion-Trio, bestehend aus Hagen Schwarzrock (Klavier), Oliver Kipp (Violine) und Katharina Troe (Violoncello) hat sich neben den genannten Werken auch noch einer recht exotisch anmutenden Bearbeitung aus Reineckes Feder angenommen: Beethovens Tripelkonzert op. 56, also einem Stück für Klaviertrio und Orchester – allerdings in diesem Fall ohne Orchester. Reineckes Idee, den Orchesterpart den Solisten gleichsam 'unterzujubeln' – obwohl diese ja auch noch ihren Solopart bewältigen müssen – dürfte vor allem aufführungspraktische Gründe gehabt haben. Ob dieses Arrangement über die rein didaktische Idee hinaus einen eigenen künstlerischen Wert hat, darf hinterfragt werden. Doch der Reihe nach.

Herausragende Interpretation

Zunächst zum ersten Trio op. 38, dem unstrittig besseren der beiden Werke, das schon von Wasielewski aufgrund seiner 'vollkommenen Beherrschung der Darstellungsmittel' (im Reprint der Biographie S. 45) gelobt wurde. Satztechnische und harmonische Ausgewogenheit sowie eine angemessene Berücksichtigung aller drei Instrumente haben hier zu einem erstklassigen Kammermusikwerk geführt, das den Vergleich mit dem Vorbild Mendelssohn nicht scheuen muss. Das Hyperion-Trio agiert in schönster Harmonie, Schwarzrock ist ein höchst sensibler Pianist, der sich insbesondere in den langsamen Abschnitten angemessen zurückhält, um dann aber – besonders im rasanten 'Allegro brillante'-Finale – ordentlich aufzutrumpfen. Einziger kleiner Schönheitsfehler im Werk selbst ist das recht blasse Thema des dritten Satzes – doch ansonsten herrscht hier eitel Sonnenschein angesichts einer herausragenden Interpretation, die dieses höchst inspirierte Trio ins rechte Licht rückt.

Die beiden Serenaden aus op. 126 sind deutlich kürzere, aber kaum schlechtere Werke, bei denen allerdings der technische Anspruch etwas zurückgestellt wurde. Mit op. 38 kann jede Profi-Formation im Konzertsaal brillieren – mit den beiden Serenaden weniger. Lässt man diesen Aspekt beiseite, handelt es sich um sehr gut gearbeitete, größtenteils auch abwechslungsreiche Musik, die so gut interpretiert wird, wie man es sich nur wünschen kann. Besonders nett ist dabei die Idee, den dritten Satz von op. 126 Nr. 1 als 'Fandango' zu bezeichnen. Reinecke zeigt sich hier von einer humoristischen Seite, die man ihm nach Kenntnisnahme seiner Porträts mit dem typischen Kinnbart kaum zutrauen würde.

Seltsam uninspiriert

Das zweite Trio op. 230, entstanden 42 Jahre nach dem ersten Trio, zeigt dann allerdings ein Nachlassen der kompositorischen Kräfte, das man bedauerlich nennen muss. Handwerklich und technisch ist hier noch alles am Platz, aber die Motive und Themen wirken seltsam uninspiriert und streckenweise beinahe trivial. Dass Reinecke bis zuletzt erstklassig komponieren konnte, zeigen unter anderem seine beiden Trios op. 264 (für Klarinette, Viola und Klavier) sowie op. 274 (für Klarinette, Horn und Klavier) – zwei Edelsteine, die die klanglichen Möglichkeiten der jeweiligen Kombination exquisit auskosten. So gesehen, ist das Trio op. 230 nur ein 'Ausrutscher'. Für den Hörer allerdings kein erfreulicher, denn das Stück dehnt sich wie Kaugummi und kann auch von den besten Interpreten nicht wirklich gerettet werden. Obwohl kompakter als das Schwesterwerk, ist es klar das schwächere der beiden Trios.

Und die Beethoven-Bearbeitung? Sie wird ohne Fehl und Tadel von den Musikern vorgetragen und hat durchaus ihren Charme, wenn man mit dem Original vertraut ist und dann die eine oder andere bekannte Passagen gleichsam neu hört. Ob man sich nun aber die vollen 37 Minuten anhören kann, ohne irgendwann die klangfarbliche Abwechslung zu vermissen, die mit einem kompletten Orchester nun einmal gegeben ist, sei jedem selbst überlassen. Dem gestiegenen Anspruch durch 'doppelte Arbeit' sind die drei Musiker jedenfalls vollauf gewachsen. Zudem ist hier, wie auch bei den übrigen Werken, die Klangqualität sehr gut.

Vor allem das erste Klaviertrio hat es definitiv verdient, ins Repertoire zurückzukehren und neben den sattsam bekannten Standard-Werken gespielt zu werden. Bei den übrigen auf dieser Doppel-CD versammelten Stücken ist das eher nicht der Fall. Sie zeigen Reinecke als erstklassigen Handwerker, der aber doch zu oft den bieder-braven Tonfall wählte. Wer sich daran nicht stört, kann hier auf jeden Fall zugreifen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Reinecke: Complete Piano Trios: Hyperion Trio

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Anzahl Medien:
cpo
2
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EAN:

CD
761203547623


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Reinecke, Carl


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
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